Nr. 01/2012 vom 05.01.2012

Ständig Schreie in der Nacht

Der Glauser: ein erratischer Block in der Schweizer Literatur. Ein neuer Film verweist auf die unvergleichlichen Bücher zurück.

Von Stefan Howald

Braucht es ein neues Bild des Schriftstellers Friedrich Glauser (1896–1938)? Es gibt mindestens drei davon. Erstens die Bruchstücke eines unangepassten Lebens: Erziehungsheime, Entmündigung, Fremdenlegion, Arbeit in einem Kohlebergwerk, Morphiumsucht, Irrfahrten durch psychiatrische Kliniken, früher Tod mit 42 Jahren. Zweitens die Verfilmungen, beachtlich, aber auf «Wachtmeister Studer» konzentriert – zunächst mit Heinrich Gretler als Darsteller, später mit Hans Heinz Moser –, und damit werden die Bücher etwas entschärft. Drittens diese Bücher selbst, immer wieder neu aufgelegt, herausragend aus den dreissiger Jahren und in ihrer Kraft wie von heute.

Ein kreischender Zug

Christoph Kühn will zwei dieser Bilder zusammenbringen, wie er im Untertitel seines Glauser-Porträts erklärt: «Das bewegte Leben des grossen Schriftstellers». Dabei vertraut Kühn zuerst auf das Wort. Aus dem Off kommentieren Textstellen aus Glauser-Briefen und -Romanen, ergänzt durch Stellungnahmen von Glausers letzter Lebensgefährtin Berthe Bendel und von fünf Nachgeborenen. Die Geschichte beginnt 1934 in der psychiatrischen Klinik Münsingen, greift in die Vergangenheit zurück, konzentriert sich dann auf die letzten Jahre, von 1934 bis 1938, auf Glausers Versuche, sich aus der Sucht und von der Vergangenheit zu befreien und ein neues Leben aufzubauen, zugleich die wichtigsten Jahre des Schreibens.

Die Bildsprache setzt sich aus historischen Aufnahmen, zeitgenössischen Symbolbildern und nachgestellten Szenen zusammen. Motive wiederholen sich, ein Anstaltszimmer mit dem vergitterten Fenster, das Meer – einschliessend das eine, das andere eine mögliche Freiheit andeutend. Immer wieder mündet die Erzählung in Schwarz-Weiss-Zeichnungen von Hannes Binder, der die verschiedenen Glauser-Werke illustriert hat. Ein Zug, der Glauser und seine Lebensgefährtin Berthe Bendel nach Frankreich oder Italien führen soll, kommt kreischend zum Stehen und ist zur Binder-Zeichnung geworden. Ein Auge wird zum Wirbel, oder umgekehrt, das gleichgültig oder bedrohlich über die Verhältnisse wacht.

Hingegen sind da die nachgestellten Szenen mit dem jungen Glauser im Matrosenkleid, der sich vor dem herrischen Vater fürchtet oder sich zur früh verstorbenen Mutter flüchtet: Das ist psychologisch dann doch zu einfach gestrickt.

In den Film eingebaut sind Passagen aus einem Interview mit Berthe Bendel, das bereits 1985 geführt worden ist. Sie erzählt über die gegenseitige Attraktion und Liebe und die Versuche, ein anderes Leben aufzubauen, das möglich gewesen wäre, vielleicht. Nüchtern, liebevoll zeigt Bendel einen Alltag in diesem wilden, auch mythologisierten Leben. Wenn Glauser auf Ablehnung stiess und ausgegrenzt wurde, so erlebte das Berthe Bendel gleich nochmals: Da masste sich eine einfache Pflegerin an, diesen ungebärdigen, aber zweifellos begabten Menschen für sich zu beanspruchen.

Es bleibt bei Glauser ein Rätsel: Wie entsteht und entäussert sich seine literarische Kreativität? Schon 1928/29 hat er seine Erfahrungen in der Fremdenlegion im Roman «Gourrama» verarbeitet. Darin zeigt sich sogleich eine eindringliche Porträtkunst, die sich nicht scheut, Menschen knapp durch ihr Äusseres zu charakterisieren, um dann ihre Motive und Verstrickungen schmerzhaft sichtbar zu machen. Danach wird die Kreativität für etliche Jahre zurückgedrängt, staut sich auf und entlädt sich von 1935 bis 1938 in sechs Kriminalromanen, zumeist in zwei Monaten geschrieben – bahnbrechend und aktuell geblieben.

Matto regiert

Der Psychiater Max Müller, dessen Vater Glauser in Münsingen behandelt hat, meint im Film, eines der Merkmale einer psychiatrischen Anstalt sei es damals gewesen, dass man ständig, auch während der Nacht, irgendwelche Schreie gehört habe, und Glausers Roman «Matto regiert» bleibe unübertroffen als Beschreibung der damaligen Institution.

Tatsächlich: «Matto regiert» (1936) ist zentral im Werk von Glauser. Autobiografisch sind die Schilderungen der Anstalt, auch die Darstellung eines Insassen und dessen verzweifelt-zarter Liebesgeschichte. Der beschworene titelgebende Matto ist ein grandioses Symbol für den Wahnsinn, der gelegentlich über die Menschen und die Gesellschaft hereinbricht. Das Buch ist auch strukturell bemerkenswert, weil Wachtmeister Studer, aus dessen Perspektive die Geschichte doch erzählt wird, allmählich vom Klinikarzt Laduner in den Hintergrund gedrängt wird. Der versucht, neuzeitliche Reformbestrebungen, mitsamt der Psychoanalyse, unter widrigsten Umständen in die Praxis umzusetzen.

Wachtmeister Studer wird gelegentlich als Wunschvaterfigur von Glauser interpretiert. Solch plane Psychologie lässt einen immer ein wenig unwirsch zurück. Der Literaturkritiker Hardy Ruoss bemerkt im Film zu Recht, man solle die Figur Studer nicht idealisieren. Der Wachtmeister macht Fehler, mit tödlichen Konsequenzen, er beugt sich gelegentlich allzu flexibel seinen Vorgesetzten, und sein Verhältnis zu Frauen wird schon für die damalige Zeit als antiquiert ironisiert. Denn für Friedrich Glauser war Berthe eine Hoffnung. Aber Bücher sind nicht das Leben. Und dann sind sie wieder mehr als das Leben.

«Glauser. Das bewegte Leben des grossen Schriftstellers». Ein Film von Christoph Kühn. 
Mit Zeichnungen von Hannes Binder. Filmcoopi und Venturafilm, Zürich 2012. 75 Minuten. 
Ab 5. Januar in Deutschschweizer Kinos.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch