Nr. 51/2013 vom 19.12.2013

In Mattos Wahnsinnsreich

Von Martina Süess

In Mattos Wahnsinnsreich

Erziehungsheim, Fremdenlegion, Morphium und immer wieder Psychiatrie: Friedrich Glausers Leben (1896–1938) verlief alles andere als glatt, was aber seinen Romanen nicht geschadet hat, im Gegenteil. Ohne Larmoyanz und Exhibitionismus hat er sein autobiografisches Material literarisch verarbeitet und vor allem mit seinen Studer-Krimis Kultstatus erlangt. Der zweite Fall des behäbigen Wachtmeisters führt mitten ins Reich der «Verrückten», wo Glauser sich auskennt. «Matto regiert» (1936) wird oft als Schlüsselroman gelesen. Leicht ist in der fiktiven Irrenanstalt Randlingen, die Tatort und einziger Handlungsschauplatz ist, die psychiatrische Klinik in Münsingen bei Bern zu erkennen, und viele der zentralen Figuren sind nach realen Vorbildern gestaltet. Aber auch das konkrete Einzelschicksal ist in gesellschaftshistorische Prozesse eingebunden. Und wenn Glauser hier mit der Psychoanalyse abrechnet, dann geht es um viel mehr als um einen literarischen Vatermord an seinem langjährigen Therapeuten Max Müller. Dessen Alter Ego Dr. Laduner, der als humanistischer, reformfreudiger Arzt eingeführt wird, entpuppt sich im Lauf der Ermittlungen immer mehr als mächtiger Strippenzieher und eigentlicher Kontrahent des Wachtmeisters – ein Kontrahent, dem mit den Mitteln des Rechts nicht beizukommen ist.

Denn in Mattos Reich hat nicht das letzte Wort, wer im Namen der Justiz redet, sondern wer die Deutungshoheit über das Unbewusste besitzt. Aber wo hört dieses Wahnsinnsreich auf? Wenn im Hintergrund die Stimme Hitlers aus dem Radio plärrt und täglich mehrere PatientInnen an geheimen Schlafkuren sterben, ahnt man, dass hier kein gewöhnliches Verbrechen im Mittelpunkt steht. Tatsächlich ist die Krimihandlung verworren, als sollten die LeserInnen sich selbst in den Fäden, die der ominöse Matto mit seinen grünen Fingernägeln um die ganze Welt spinnt, verheddern. Das Buch ist aber trotz der schweren Kost eine leichte Lektüre. Dafür sorgen die plastisch gezeichneten Figuren und die lebendigen Dialoge in jenem Schweizer Schriftdeutsch, für dessen Erfindung man Glauser einfach lieben muss.

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