Nr. 01/2012 vom 05.01.2012

Es geht um die Kunstwurst

Kunsthändler und Sammlerinnen können ihre Werke mehr und mehr in öffentlichen Museen präsentieren. Mit einem neuen Netzwerk verändern sie die Regeln des Kunstsystems zu ihren Gunsten.

Von Edith Krebs

Einst standen Künstlerinnen und Künstler (vor allem Letztere) unangefochten im Zentrum des Spielfelds der Kunst. Zwar sind KünstlerInnen auch heute noch unverzichtbar, denn ohne die ProduzentInnen der Ware Kunst geht gar nichts. Die Fäden aber ziehen längst andere – Kuratorinnen etwa oder Galeristen.

In jüngster Zeit hat ein neuer Akteur die Bühne betreten: der Sammler, vereinzelt auch die Sammlerin. Diese Spezies zog es früher vor, im Hintergrund zu bleiben. Sammeln war eine private Angelegenheit, die Werke sollten das eigene Haus schmücken, bestenfalls erwarb man sich mit einer exquisiten Sammlung Prestige in den eigenen Kreisen. Manch einer vermachte seine Werke dem lokalen Kunsthaus, in dessen Bestand sie ohne grosses Aufheben eingingen.

Eine neue Generation will sich nun nicht mehr mit dieser Rolle begnügen und drängt vermehrt in die Öffentlichkeit. Eine Möglichkeit dazu bieten ihr die Museen, die zunehmend private Sammlungen präsentieren. Ganz uneigennützig handeln die Museen nicht: Die Beziehung zum Sammler wird enger, die Wahrscheinlichkeit grösser, dass dieser sie mit einer Schenkung oder Dauerleihgabe bedenken wird. Und natürlich profitiert auch der Sammler: Seine Kunst erfährt eine Wertsteigerung, sein Name wird in die Öffentlichkeit getragen, es bringt ihm Ruhm und Ehre ein. Kurzum: Die Präsentation einer privaten Sammlung in einem öffentlichen Museum entwickelt alchemistische Kräfte, die Umwandlung von wirtschaftlichem in kulturelles Kapital (und umgekehrt).

Ein «Sündenfall»

Überschauen wir das Ausstellungsjahr 2011 im Hinblick auf dieses Phänomen (ohne Anspruch auf Vollständigkeit): Das Kunstmuseum Bern zeigt zurzeit gleich zwei Privatsammlungen: zum einen «Amiet. ‹Freude meines Lebens›, Sammlung Eduard Gerber» (bis 11. März), zum anderen «Passion Bild. Russische Kunst seit 1970» (bis 12. Februar), mit Werken aus der Sammlung russischer Gegenwartskunst von Arina Kowner, ehemalige Leiterin des Migros-Kulturprozents und seit 1998 selbstständige Kulturvermittlerin. Ebenfalls mit einer Doppelpräsentation wartet das Kunstmuseum St. Gallen auf: Neben «Walter Burger und Künstlerfreunde», eine laut Pressetext «eindrückliche Reihe von Gemälden, Skulpturen und Zeichnungen, die Maria Burger, Witwe des Künstlers, 2011 dem Kunstmuseum St. Gallen geschenkt hat» (bis 18. März), ist «Through the Looking Brain. Eine Schweizer Sammlung konzeptueller Fotografie» zu sehen, deren Werke aus der von Ruedi und Thomas Bechtler für die Firma ZL Zellweger Luwa initiierten Sammlung stammen (bis 22. Januar). Das Kunstmuseum Solothurn hat im Sommer 2011 eine kleine «Hommage an die Solothurner Sammlerin Liliane Benziger-Schild (1913–2009)» veranstaltet, die dem Museum bereits 2001 «eine grosszügige und wertvolle Schenkung» vermacht hatte, die nach dem Ableben der Sammlerin durch Dauerleihgaben ergänzt wurde.

Mit wenig Fingerspitzengefühl hat sich das Kunsthaus Zürich um die Gunst von SammlerInnen bemüht: Nachdem es Anfang 2011 «Van Gogh, Cézanne, Monet. Die Sammlung Bührle zu Gast im Kunsthaus Zürich» zeigte, doppelt es aktuell mit «Miró, Monet, Matisse – The Nahmad Collection» (bis 15. Januar) nach. Die rund 180 Werke umfassende Sammlung Bührle, die vom Schweizer Waffenfabrikanten Emil Bührle zum grössten Teil nach dem Zweiten Weltkrieg erworben wurde, soll ab 2015 im geplanten Erweiterungsbau gezeigt werden. Immer wieder wird die Sammlung mit Raubkunst in Zusammenhang gebracht; die Herkunft vieler Werke ist bis heute ungeklärt.

Zu Kritik Anlass gibt auch die Präsentation der Nahmad Collection, einer Sammlung, die laut Kunsthaus-Direktor Christoph Becker «gerade im Entstehen begriffen ist». Tatsächlich handelt es sich keineswegs um eine Privatsammlung, sondern um Stücke aus dem Lager des Kunsthändlers Helly Nahmad und seiner Familie. Von einem «Sündenfall» sprach Kunstmarktexperte Christian Faber-Castell in der Sendung «Kulturplatz» des Schweizer Fernsehens, von einer «unheiligen Allianz von Kunsthaus und Händlern». Christoph Becker vom Kunsthaus hingegen attestiert sich selbst «Mut zum Experiment», während Nahmad den «kulturellen Nutzen für die Allgemeinheit» ins Feld führt. Das Ausstellungsplakat zeigt erstaunlicherweise nicht ein Werk der Publikumsrenner Miró, Monet, Matisse oder Picasso, sondern eine 1929 von René Magritte gemalte Wurst («La saucisse casquée»).

Celebrity-Sammler

Die Präsentation der «Sammlung» eines Kunsthändlers in einem Museum galt bisher in der Fachwelt als unakzeptabel. Zu sehr werden dabei bislang getrennte Bereiche des Kunstsystems vermischt und damit die exorbitanten Preise auf dem Kunstmarkt zusätzlich angeheizt.

Doch es gibt noch andere Möglichkeiten für SammlerInnen, sichtbarer zu werden, zum Beispiel die Errichtung eines eigenen Museums. Prominente Beispiele hierfür sind der ukrainische Milliardär Victor Pinchuk, der in Kiew ein Museum schuf, für das er Eckhard Schneider, den vormaligen Leiter des Kunsthauses Bregenz, engagiert hat. Als Berater stehen ihm die Direktoren des Centre Pompidou in Paris und der Tate Modern in London zur Seite. Zudem hat Pinchuk den mit 100 000 US-Dollar am höchsten dotierten Kunstpreis, den Future Generation Art Prize, gestiftet, den er an der Biennale Venedig 2011 mit viel Getöse lanciert hat. Als «Mentoren» agieren Künstler wie Jeff Koons oder Damien Hirst, in der Jury sitzen ehemalige Biennale- oder Documenta-Leiter wie Daniel Birnbaum und Okwui Enwezor. In die gleiche Kategorie der Megasammler gehört auch der Franzose François Pinault, dessen Unternehmergruppe Marken wie Gucci und Yves Saint Laurent vertritt. Pinault verfügt in Venedig gleich über zwei eigene Museen, den Palazzo Grassi sowie die Punta della Dogana, in der er Werke aus seiner über 2500 Arbeiten umfassenden Sammlung präsentiert.

Niklas Maak von der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» spricht in der Fachzeitschrift «Texte zur Kunst» von einem «neuen Sammlersystem», das als Machtprobe gegenüber dem klassischen Kunstbetrieb gesehen werden könne. Dieser «neue Typus megasolventer Kunstsammler» kaufe nicht nur Kunst, sondern gleich das gesamte System inklusive seiner InsassInnen. So habe Pinault für seine «Mapping the Studio»-Schau in Venedig Francesco Bonami engagiert, der 2003 die Biennale leitete.

Gleichzeitig pflegen diese potenten Sammler ein Netzwerk untereinander mit dem Ziel, eine zweite Kunstwelt aufzubauen, in dem Karrieren steuerbar würden. «Celebrity-Sammler» nennt Stefan Zillig, Künstler und Autor, diesen neuen Typus, der «mit Devisen der Prominenz» wirtschafte und «Anschluss an die Selbststilisierung von Künstlern» suche. Als Beispiel führt er die Düsseldorferin Julia Stoschek an, die sich anlässlich der Präsentation ihrer Sammlung in den Hamburger Deichtorhallen 2010 gleich selbst auf dem Ausstellungsplakat in Szene setzte.

Privatisierung des Kunstbetriebs

In der Schweiz gebärden sich SammlerInnen (noch) zurückhaltender. Doch im Hintergrund sind sie häufig ebenso emsige NetzwerkerInnen wie ihre internationalen KollegInnen. So hat der Unternehmer und Sammler Jobst Wagner seinen Einfluss auf die Berner Kunstszene stetig ausgebaut und sitzt inzwischen in einer Vielzahl von Gremien und Stiftungen (und unterstützt nebenbei Avenir Suisse sowie den «Schweizer Monat», vormals «Schweizer Monatshefte»). Vergleichbare Figuren sind der 2009 verstorbene Maurice E. Müller (Initiant des Zentrums Paul Klee) oder Hansjörg Wyss (Förderer des Museums für Gegenwartskunst), die beide ihr Vermögen im Medizinalbereich machten und sich als Mäzene der Berner Kunstlandschaft empfahlen.

KunstsammlerInnen gehören zu den reichsten VertreterInnen der Gesellschaft. Wie die US-amerikanische Künstlerin Andrea Fraser in ihrer Untersuchung «L’1 %, c’est moi» anführt, beruht deren Einkommen «auf den zunehmenden weltweiten Einkommensunterschieden». Mit der sich verschärfenden Einkommensungleichheit und dem Rückgang der öffentlichen Unterstützung für Kunst droht eine wachsende Kontrolle der Kunstinstitutionen durch Private, die ihre ureigenen Interessen durchsetzen und den Kunstbetrieb nach ihren Regeln umgestalten.

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