Bourse de Commerce : Beste Feinde

Nr.  21 –

Die soeben eröffnete Bourse de Commerce ist ein spektakulärer neuer Kunstort in Paris – und das vorläufig letzte Kapitel eines Kräftemessens zwischen zwei Luxusgüter-Milliardären.

Mehr widerspenstig als wohlgefällig: Eröffnungsausstellung in der Bourse de Commerce mit Werken von Urs Fischer. Foto: Stefan Altenburger, Galerie Eva Presenhuber

Zwischen Louvre und Centre Pompidou erhebt sich im Pariser Viertel Les Halles die ehemalige Warenbörse. Ein monumentaler, aber freundlicher Rundbau mit Glaskuppel, den bis jetzt kaum jemand von innen kannte. Mit der Eröffnung der Bourse de Commerce – Pinault Collection am 22. Mai nach zweieinhalbjährigem Umbau ist die Stadt um eine Architekturikone und Kunstattraktion reicher. Das neue Museum zeigt turnusmässig einen kleinen Teil der Sammlung von François Pinault, die rund 10 000 Werke zeitgenössischer KünstlerInnen umfasst. Die Kosten für den Umbau, 160 Millionen Euro, hat der Gründer des Kering-Luxusgüterkonzerns in Gänze selbst getragen. Für diese Summe liess er nicht nur die denkmalgeschützte Bausubstanz mustergültig renovieren, sondern auch seinen Hausarchitekten, Tadao Ando, einen so resoluten wie respektvollen Eingriff vornehmen.

Der japanische Pritzker-Preis-Träger hatte für die Pinault Collection schon in Venedig zwei Altbauten zu Ausstellungsorten umgebaut. Nun hat er im überdachten Innenhof der ehemaligen Warenbörse eine Ringmauer aus hellgrauem Stampfbeton errichtet, vier torförmige Durchbrüche führen zum zentralen Kreisplatz. In die Mauer sind technische Installationen zur Regulierung von Belüftung, Beleuchtung und Akustik integriert. Doch hat der Eingriff noch andere, tiefer gehende Funktionen: Er hebt die Zwiebelstruktur des Baus auf die Metaebene, unterteilt den Innenhof, ohne ihn zu zerstückeln, und rahmt den Blick präzise, ohne ihn zu beengen. Das «Promenoir», das in neun Metern Höhe die Mauer krönt, bietet eine atemraubende Aussicht auf die Glaskuppel und auf die monumentalen Malereien darunter. Und die Treppe, die sich entlang der Mauer emporschraubt, ist über Stege mit den Galerien im Altbau verbunden.

Pas de deux der Milliardäre

Der dort gezeigten Eröffnungsausstellung fehlt der rote Faden. Doch mit vielen zeitkritischen Arbeiten und einem 29 Werke umfassenden Ensemble des afroamerikanischen Antistars David Hammons bekräftigt die Pinault Collection ihr seit 2006 in 43 Ausstellungen gewonnenes Profil: mehr widerspenstig als wohlgefällig.

Anfang 2021 hat der Hausherr noch vor der Eröffnung einen besonderen Gast durch das Museum geführt: Bernard Arnault, den Gründer des LVMH-Konzerns – entstanden aus der Fusion von Louis Vuitton und Moët Hennessy. Die beiden Industriekapitäne sind beste Feinde, seit Pinault Arnault am 19. März 1999 das italienische Modeunternehmen Gucci vor der Nase wegschnappte, nachdem er ihm am Vortag noch Aug in Aug geschworen hatte, er habe kein Interesse. Ihren Fechtkampf tragen die beiden auch auf dem Kunstparkett aus. Pinault hatte hier, wie fast immer in diesem grotesk-grandiosen Pas de deux der Milliardäre, die Führung. 2005 übernahm er den Palazzo Grassi in Venedig, 2007 das ehemalige Zollhaus Punta della Dogana. Arnault konterte 2014 mit der Eröffnung der Pariser Fondation Louis Vuitton in einem spektakulären Neubau von Frank Gehry. Mit der Eröffnung der Bourse de Commerce liegt Pinault wieder vorn. Doch sein Rivale hat schon pariert: Nächstes Jahr will er das neben der Vuitton-Stiftung gelegene ehemalige Musée national des arts et traditions populaires als Kulturzentrum wiedereröffnen, umgebaut durch Gehry. Gebannt harrt man des nächsten Zugs des Gegenspielers: Bereits hat Pinault die Städte Los Angeles und Schanghai ins Spiel gebracht.

Offiziell versöhnt

Die Profile der beiden sind denkbar verschieden. Pinault, Jahrgang 1936, entstammt ländlichen, beengten Verhältnissen. Mit sechzehn verliess er die Schule, lehnte sich gegen den Vater auf, diente zu Beginn des Unabhängigkeitskriegs dreissig Monate lang in Algerien. Wer will, kann einen Abdruck dieses Werdegangs in seiner Sammlung sehen. Der Bretone hat eine Vorliebe für Verstörendes: Maurizio Cattelans Skulptur «La nona ora» (der lebensechte Papst Johannes Paul II., den ein Meteorit erschlägt), Paul Fryers «Pieta» (der Heiland auf einem elektrischen Stuhl), Edward Kienholz’ Nachbildung eines Soldatenbordells in Originalgrösse. Auch Vanitas-Motive sind in seiner Sammlung gut vertreten – die Eröffnungsschau der Bourse de Commerce etwa zeigt 36 «Skulls» – Schädel – in Öl von Marlene Dumas.

Arnault, 1949 in Roubaix geboren, ist ein kühler, kopflastiger Grossbürger. Lange Zeit hatte er den Ruf, mit erheblicher Verzögerung all die arrivierten KünstlerInnen zu sammeln, die Pinault mitlanciert hatte. Doch sein umfangreiches Konvolut mit Arbeiten von Jean-Michel Basquiat begann er schon in den frühen 1980er Jahren in New York anzulegen. Und spätestens seit Suzanne Pagé, die langjährige Leiterin des Musée d’art moderne de la Ville de Paris, 2006 mit der künstlerischen Direktion der Fondation Louis Vuitton betraut wurde, reichert sich die Sammlung stetig mit aktuellen Positionen an.

Längst sind Pinault und Arnault offiziell versöhnt. Doch hinter den Kulissen kommt es weiterhin zu Scharmützeln. So soll der reichste Bürger der Republik 2015 versucht haben, die Übernahme der Bourse de Commerce durch den drittreichsten zu verhindern: mit Anrufen bei der Pariser Bürgermeisterin und mit einem Übergebot von 50 Millionen Euro. Vergebens. Oder für KunstliebhaberInnen: zum Glück.