Nr. 48/2017 vom 30.11.2017

In der Grauzone

Endlich ist das Schweigen vorbei: Das Kunstmuseum Bern setzt mit seiner Ausstellung «Bestandsaufnahme Gurlitt» neue Massstäbe in der Darstellung der nationalsozialistischen Kunstverfolgung.

Von Kaspar Surber

Weiss und schwarz im Kunstmuseum Bern: Die Werke aus der Sammlung Gurlitt und ihre Geschichte sind nicht voneinander zu trennen. Foto: Kunstmuseum Bern

«Bestandsaufnahme Gurlitt»: Die erstmalige Ausstellung von Werken aus dem Erbe von Cornelius Gurlitt gibt sich im Titel betont nüchtern. Die Schau im Kunstmuseum Bern beginnt mit einer Wand, die mit Schlagzeilen tapeziert wurde: zum «Nazi-Schatz» aus Schwabing, der vom «Phantom Gurlitt» gehortet wurde. Die Ausstellung will sich offensichtlich von der Spekulationslust der Medien absetzen.

Man kann den Titel aber auch selbstkritisch lesen. Als 2014 bekannt wurde, dass Gurlitt sein Erbe überraschenderweise dem Kunstmuseum Bern vermacht hatte, erfasste die Stadt eine kollektive Aufregung darüber, im Standortwettbewerb der Kunstmuseen ohne eigenes Zutun einen Coup gelandet zu haben. Eine saubere Lösung schien möglich: Der kontaminierte Teil von Gurlitts Erbe sollte in Deutschland bleiben, der von der Geschichte gereinigte in die Schweiz kommen.

Auf die erste Aufregung folgte die ernsthafte Beschäftigung. Die «Bestandsaufnahme», die nun drei Jahre später zu sehen ist, ist ein Hybride, der Kunst- und Geschichtsinteressierte gleichermassen überzeugen wird. An weissen Wänden hängen die Kunstwerke mit ihrer jeweiligen Provenienz, an schwarzen Wänden wird die Verfolgung der Kunst durch die Nazis nachgezeichnet. Was auf den ersten Blick didaktisch anmutet, wirkt beim abwechselnden Betrachten der schwarzen und weissen Wände durchaus überzeugend. Die Kunstwerke und ihre Geschichte sind nicht voneinander zu trennen, bleiben auf immer verbunden in einem Graubereich.

Gewaltsame Umgestaltung

Der Fokus in Bern liegt auf der von den Nazis als «entartet» bezeichneten Kunst, die sie aus Museen wegschafften und öffentlich verschmähten. Eine Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn beschäftigt sich zeitgleich mit der Raubkunst, mit Kunstwerken also, die jüdische BesitzerInnen unter Zwang verkaufen mussten oder die ihnen gestohlen wurden. «Die Beschlagnahme von Werken der Moderne und der nationalsozialistische Kunstraub entsprechen der Logik von Entrechtung, Verfolgung und Enteignung politisch wie rassistisch diskriminierter Bevölkerungsgruppen, die im Holocaust endeten», schreiben die KuratorInnen Nina Zimmer und Rein Wolfs im Katalog zu den beiden Ausstellungen.

Der Begriff «entartet» stammte aus der Rassenbiologie. Die «Bestandsaufnahme Gurlitt» erklärt, wie ihn die Nazis auch auf unliebsame Kunst übertrugen. Die Kunstwerke, die in der Schmähschau «Entartete Kunst» 1937 in München diffamiert wurden, dienten gleichzeitig als Tauschmittel. Damit beschafften sich die Nazis Devisen, vor allem aber ihnen gefällige Kunst: Adolf Hitler baute mitten im Krieg die Sammlung seines geplanten «Führermuseums» in Linz auf. Einer der vier vom NS-Regime beauftragten Händler war Hildebrand Gurlitt, der Vater von Cornelius. Die Schweiz diente für den Kunsthandel als Drehscheibe.

Die Werke, die nun in Bern zu sehen sind, scheinen dauernd Einspruch zu erheben gegen diese gewaltsame Umgestaltung des Kunstbegriffs. Sie zeigen, was die Nazis zum Verschwinden bringen wollten. Da sind die Zeichnungen von Käthe Kollwitz, die Krieg und Militarismus beklagen, oder die Darstellungen der sozialen Realität von Otto Dix, der die Armut der FabrikarbeiterInnen dokumentiert. Da sind Werke zu entdecken, die um die Fragilität des Lebens wissen, beispielsweise Otto Muellers «Mädchen auf der Liege». Und immer wieder wird über die Autoritäten gespottet, etwa in Christian Rohlfs’ «König mit Pfeifchen».

Zürich unter Zugzwang

Die Ausstellung beschreibt nicht nur die Verfolgung der Werke, sondern auch die der KünstlerInnen, ihre Flucht ins Exil wie auch einzelne Arrangements mit dem Regime. Die Geschichte von Cornelius Gurlitt ist hingegen wenig präsent – lediglich ein Metallschrank steht da, in dem er Werke aus der Sammlung seines Vaters aufbewahrte. Ein nachvollziehbarer Entscheid, soll es hier doch um die Geschichte der Bilder gehen, die im Schrank eingeschlossen wurden, und nicht um seinen Bewacher. Schade ist allerdings, dass über die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wenig zu erfahren ist: So bleibt aussen vor, dass Gurlitts Sammlung in Kunstkreisen sehr wohl bekannt war und damit geschäftet wurde. Eine wichtige Rolle spielte dabei der Berner Galerist Eberhard W. Kornfeld, wie das Buch «Der Gurlitt-Komplex» kürzlich nachgewiesen hat. Will das Kunstmuseum lokale NutzniesserInnen schützen?

Insgesamt bedeutet die «Bestandsaufnahme Gurlitt» aber einen wichtigen Durchbruch in der Darstellung der Kunstverfolgung durch die Nazis und der Rolle der Schweiz. Lange Zeit hüllten sich Schweizer Museen, Galerien und SammlerInnen zum Thema in Schweigen. Mit seiner aktiven Aufarbeitung und der für ein breites Publikum verständlichen Präsentation setzt das Kunstmuseum Bern neue Massstäbe.

Man darf gespannt sein, wie das Kunsthaus Zürich darauf reagiert. Hier wird derzeit ein prestigeträchtiger Neubau hochgezogen, um die Sammlung des Waffenschmieds Emil Georg Bührle in bestem Licht zu präsentieren. Sein Vermögen für den Ankauf der Kunstsammlung erarbeitete sich Bührle insbesondere mit Waffenlieferungen an die Nazis.

«Bestandsaufnahme Gurlitt. ‹Entartete Kunst› – beschlagnahmt und verkauft». Kunstmuseum Bern, bis 4. März 2018. Der Bonner Teil der Ausstellung zum NS-Kunstraub und seinen Folgen ist dann ab Frühjahr 2018 in Bern zu sehen.

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