Nr. 05/2012 vom 02.02.2012

Bloss keine ideologischen Werke mehr!

Wie äussern sich die Umbrüche in der arabischen Welt in den Texten von AutorInnen aus den jeweiligen Ländern? Wie hat sich seither dort die Situation für SchriftstellerInnen verändert? Ein Bericht von den arabischen Literaturtagen in Frankfurt am Main.

Von Valentin Schönherr

«Wir verstehen uns in Ägypten so gern als die Kinder der Pharaonen. Dabei sind wir in Wirklichkeit nicht ihre Kinder, sondern ihre Sklaven gewesen. Aber jetzt haben wir uns befreit!» Mansura Eseddin, ägyptische Journalistin und Schriftstellerin, trifft an einem nasskalten Januarwochenende den Nerv des Publikums im überfüllten Frankfurter Literaturhaus. An den hochkarätig besetzten arabischen Literaturtagen diskutierte sie gemeinsam mit dem Algerier Boualem Sansal, der Libanesin Alawiyya Sobh, dem Iraker Abbas Khider und anderen, wohin die Umbrüche in der arabischen Welt geführt haben. Ob die Literatur sie vorbereiten half. Und wie nun darüber zu schreiben wäre.

Die Freude über das Ende der Angst war den Gästen auf den Podien deutlich anzumerken. Eine Freude, die sich aus Geschichten nährt wie der, die die syrische Autorin Rosa Yassin Hassan über ihren zehnjährigen Sohn erzählte: Der habe im Bus erlebt, wie der Busfahrer die Kinder anschrie – worauf diese in Sprechchören den Sturz des Busfahrers verlangten.

Zwei Gegner statt einem

Es ist allerdings eine Freude, die sich keine Illusionen macht, die Revolution habe politisch bereits gesiegt. Die Manöver des ägyptischen Militärrats machen skeptisch. Und dass sich vielerorts die siegreichen Islamisten mit den Kräften der alten Regime zusammentun, lässt befürchten, dass die demokratischen RevolutionärInnen nun nicht mehr nur einen Gegner haben, sondern zwei. Besonders eindringlich warnt seit langem schon Boualem Sansal vor diesem Szenario. Der algerische Bürgerkrieg in den neunziger Jahren sei durch einen Pakt zwischen Regierung und Islamisten beendet worden, und die Reislamisierung habe Erfolg gehabt, so der vorjährige Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Nicht unwahrscheinlich, dass sich dieser Vorgang in anderen Staaten wiederholt – ohne Bürgerkrieg.

Auch die konkreten Arbeits- und Publikationsbedingungen für Intellektuelle haben sich in der arabischen Welt seit Anfang 2011 verschlechtert. Am 28. März 2011 wurde der ägyptische Blogger Maikel Nabil verhaftet und wegen Beleidigung des Militärrats zu drei Jahren Haft verurteilt, erst am 24. Januar dieses Jahres kam er im Zuge einer Amnestie frei. Aus Bahrein sind seit Februar 2011 103 SchriftstellerInnen ins Ausland gegangen, wie der Lyriker Ali al-Jallawi berichtet, drei sind in Haft ermordet worden.

Im Libanon, im Irak oder in Ägypten reicht hingegen eine «Nachzensur» aus, um die Spielräume der AutorInnen einzuschränken. Meist, so Mansura Eseddin, seien es Geistliche, die für ein Verbot sorgen: Wenn sie öffentlich beanstanden, es werde zur Unzucht angestachelt oder die Grundlagen der Gesellschaft seien bedroht, dann reagiert der Staat. Wie beim ägyptischen Comiczeichner Magdy el-Shafee, dessen Graphic Novel «Metro» 2009 eingezogen wurde. Der Militärrat hob das Verbot nicht etwa auf – die Repression sei vielmehr «schlimmer und alberner» geworden, so el-Shafee, dessen Bilder in Frankfurt zu sehen waren.

Anders als die einfachen Leute, die vor der Revolution für politische Äusserungen hart bestraft werden konnten, hatten Schriftstellerinnen und Künstler durchaus gewisse Freiräume, konnten ihre Rolle als «Theoretiker und Programmmacher» spielen, wie es Ali al-Jallawi ausdrückte. Dass insbesondere für Frauen jedes Stückchen Freiheit erst mühsam gewonnen werden musste, war bei einem lebhaften Gespräch zwischen Alawiyya Sobh und Mansura Eseddin zu erfahren.

Sobhs Roman «Marjams Geschichten» (Suhrkamp 2010) erzählt den libanesischen Bürgerkrieg aus weiblicher Sicht. Sie habe den Krieg stets aus männlicher Perspektive erzählt, also definiert bekommen, so die Autorin. Und das sei kaum davon zu trennen gewesen, wie Männer über Frauen erzählten: wie über ihr Eigentum. In beidem habe sie sich nicht wiederfinden können.

Auch Eseddin, die aus dem ländlichen, konservativ geprägten Nildelta stammt, schreibt die Geschichte um. «Hinter dem Paradies» (Unionsverlag 2011) spielt in der Region ihrer Herkunft, handelt aber ausser von Beschränkungen und Demütigungen auch von Mut und Eigenständigkeit.

Der Versuchung widerstehen

Beide Autorinnen bekamen Schwierigkeiten, weil in ihren Romanen explizite Sexszenen enthalten sind, «Marjams Geschichten» ist in vielen arabischen Ländern sogar verboten. «Der Körper ist für mich der Schlüssel zur Person, meine erste Wahrheit», sagte Eseddin auf die Frage, warum sie so direkt über Sex schreibe. «Er ist sogar die einzige Wahrheit, die ich wirklich verstehen kann. Bis ich fünfzehn Jahre alt war, habe ich nie etwas über den Körper gehört. Der Körper als Gefängnis, als Schande – davon will ich mich endlich lösen.» Auch Sobh, die ihre Heldin recht eigennützig Vergnügen an einem Mann haben lässt, stellt klar: Hier geht es nicht um Vermarktungsmöglichkeiten, nicht um Verführung des Publikums, sondern es ist ein Akt des Widerstands.

Ein Widerstand, der sich in grössere gesellschaftliche Entwicklungen eher eingliedert, als dass er diese in Gang gebracht hätte, da geben sich die AutorInnen in Frankfurt keinen Wunschträumen hin. Geht es nach ihnen, dauert es noch eine Weile, bis es den ersten Roman über den Arabischen Frühling gibt. Es braucht Abstand, bis sich Figuren herausschälen und sich mit Leben füllen. Vor allem aber: Sie wollen der Versuchung widerstehen, jetzt mit politischer Literatur PR zu machen. Bloss keine ideologischen Werke mehr: Vonnöten ist Mut zu guter Literatur. Denn anders könne die dringend notwendige Kritik gar nicht geübt werden.

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