Nr. 07/2012 vom 16.02.2012

Warum Leslie über die Bücher muss

Leslie Schnyder, Präsidentin des Literaturfestivals «Luzern bucht», arbeitet viel, aber verdient nichts. Schuld daran trägt die SVP: Wegen eines Referendums sind die städtischen Zahlungen blockiert.

Von Adrian Soller (Text) und Ursula Häne (Foto)

Leslie Schnyder: «Bis zur Abstimmung muss ich mir die Preisschilder im Coop halt genauer anschauen.»

Der Brief traf an einem Dienstag ein. Leslie Schnyder öffnete ihn noch im Treppenhaus und las, was sie schon wusste: Das Literaturfestival «Luzern bucht» sollte kein Geld von der Stadt Luzern mehr bekommen, und zwar ab sofort. Sechs Jahre lang erhielt Schnyder jährlich 25 700 Franken fürs Organisieren des Literaturfestivals. Man überwies ihr das Geld meistens im Januar, manchmal im Februar. Aber nicht in diesem Jahr.

Am Vorabend hatte Schnyder an einer Sitzung von Luzerner Kulturschaffenden erstmals vom Referendum der SVP gehört. Die Bürgerlichen, hiess es, sammelten Unterschriften gegen das vom Stadtrat verabschiedete Budget. 750 Millionen Franken wollte die Stadt dieses Jahr ausgeben, davon zwei Millionen für die Kultur. Als Präsidentin und Geschäftsführerin des Literaturfestivals sollte auch Schnyder ihren Anteil bekommen. Doch nun sind die Gelder blockiert.

Nachdem das Luzerner Stadtparlament im vergangenen Dezember das Budget mit deutlicher Mehrheit verabschiedet hatte, kündigte die SVP postwendend das Referendum an. Die Partei findet, dass das geplante Defizit von 33,4 Millionen Franken zu hoch sei. Gelingt es dem Referendumskomitee bis Aschermittwoch, 800 Unterschriften zu sammeln, kommt es zu einer Volksabstimmung. Unabhängig von deren Ausgang musste die Verwaltung die sogenannt freiwilligen Finanzbeträge per sofort einfrieren, die Gemeindeordnung will es so. Die meisten Luzerner Kultur- und Sportorganisationen erhalten deshalb vorerst keine Unterstützung von der Stadt.

«Wir hoffen, dass wir die Beträge bis spätestens Ende Mai auszahlen können», hiess es im Brief, den Schnyder in ihrer Wohnung zu Ende las. Sammelt die SVP genügend Unterschriften, muss «Luzern bucht» also mindestens für vier Monate ohne das Geld der Stadt auskommen. Wie Schnyder in dieser Zeit die Honorare von freien Mitarbeitenden und die Miete des Festivalorts bezahlen soll, weiss sie nicht. Schnyder legte den Brief der Stadt weg, ganz hinten auf das Pult, wo sie ihn nicht sehen konnte.

Keine Wut auf die SVP

«Am Abend las ich ein Buch», sagt Schnyder. Manchmal liest die 52-Jährige, um vor der Welt zu fliehen, manchmal, um sie zu entdecken. Zu Weihnachten hat sie einen E-Book-Reader bekommen, kann Bücher nun auch digital lesen. Doch man wird sie weiterhin in den Buchhandlungen, Antiquariaten und Bibliotheken dieser Welt antreffen, denn Schnyder mag Bücher. Selbst billige Taschenbücher, jene, bei denen der Einband im Licht glänzt. Sie mag sie, weil man seine Fingerabdrücke auf ihnen sieht.

Schnyder besitzt 4000 Bücher. Seit einigen Jahren führt sie Buch über ihre Bücher. In ihr kleines Notizheft schreibt sie zu jedem einzelnen einen Kommentar. Von achtzig, die sie vergangenes Jahr gelesen hat, gefiel ihr nur eines nicht ganz so gut. «Ich bin halt eine Buchfrau», sagt sie und lacht.

Muss Schnyder über Zahlen statt Buchstaben reden, legt sie ihre Brille auf den Tisch und hört auf zu lachen. Der Beitrag der Stadt macht die Hälfte des Gesamtbudgets von «Luzern bucht» aus. Die Blockade dieser Gelder bringt das Festival in finanzielle Schieflage. Wütend auf die Luzerner SVP sei sie nicht, kindisch und unfair finde sie die Aktion allerdings schon. Und mit dieser Meinung steht Schnyder nicht alleine da. Die Vorlage gilt in politischen Kreisen als infantile Störaktion. Vor dem Volk dürfte sie geringe Erfolgschancen haben.

«Das Festival muss stattfinden»

Seit jenem Donnerstag, an dem der Brief ankam, telefoniert Schnyder häufiger als sonst. Täglich fragt sie neue Sponsoren an, redet mit der Stadtverwaltung und bittet ihre Gläubiger um Zahlungsaufschub. «Ich bin nervöser geworden», sagt sie.

Um das Festival trotz der fehlenden Gelder realisieren zu können, verzichtet Schnyder vorerst auf ihr eigenes Honorar von 12 000 Franken. Sie hofft, dass sie sich nach dem Referendum im Mai wieder ein Salär auszahlen kann. «Bis dahin muss ich die Preisschilder im Coop halt genauer anschauen», sagt sie, «doch die Hauptsache ist, dass das Festival stattfinden kann.» Gelinge ihr im März ein gutes Festival, werde sie drei Tage lang nur springen und tanzen.

Wer dieser Tage Schnyder begegnet, dürfte sie bald von Peter Bichsel reden hören. Der bekannte Schweizer Autor soll dieses Jahr bei «Luzern bucht» auftreten. Spricht Schnyder von ihm, nickt sie bei jedem Wort. Einmalig sei er, intelligent, weitsichtig. Schnyder freut sich auf das 28. Luzerner Literaturfestival. Die Geldprobleme verdrängt sie. Den Brief der Stadt hat sie in einem Ordner abgelegt.

Mehr Infos zum Luzerner Literaturfestival unter www.literaturfest.ch.

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