Nr. 10/2012 vom 08.03.2012

In Fukushima regiert der Zufall

Von Susan Boos

Aus der Ferne sieht es ruhig aus in Fukushima Daiichi. Die Betreiberfirma Tepco sagt, sie habe die havarierten Reaktoren im Griff. Wer es aber genauer wissen will, erfährt von Tepco-Leuten anderes. Tepco hat einen Wasserkreislauf installiert, um die geschmolzene Masse in einem der Reaktoren zu kühlen. Oben fliesst Wasser ins Containment – aber wo nimmt man es wieder raus? «Tja, das Wasser gelangt irgendwie zu den Turbinen. Es muss da zufällig eine Verbindung geben. Wie es aber genau dorthin kommt, wissen wir nicht. Beim Turbinengebäude holen wir das Wasser raus.» – «Sie bringen also Wasser in Rohren rein, die nicht dafür gedacht waren – und irgendwo kommt es wieder heraus und dort sammeln Sie es auf.» – «So kann man es sagen.»

In Fukushima Daiichi gibt es keine Ordnung, da regieren der Zufall und das Glück. Das sagt auch der deutsche Atomexperte Michael Sailer: «Nichts, was jetzt als Wasserkreislauf genutzt wird, ist ingenieurtechnisch dafür geplant oder gebaut gewesen. Es waren einfach per Zufall Rohre und Verbindungen da, die man jetzt für die Kühlung nutzen kann.» Sailer arbeitet fürs Öko-Institut Freiburg und sitzt in der deutschen Reaktorsicherheitskommission. Ein weiteres Erdbeben könnte die zufällig funktionierende Kühlung zerstören, gibt Sailer zu bedenken. Dann wäre es vorbei mit dem Glück.

Sailer sagt auch, es warte eine Herkulesarbeit auf Tepco: «Zynisch ausgedrückt kann man sagen: In Tschernobyl hatten sie Glück, dass der Reaktor wegflog und sich der grösste Teil des radioaktiven Inventars über die ganze Welt verteilte. Das machte die Aufräumarbeiten überschaubar. Die Aufräumarbeiten in Fukushima Daiichi werden aber eine ganz andere Qualität haben, weil das meiste Brennmaterial noch in den Reaktoren ist und weiter gekühlt werden muss.» Insgesamt ist man mit einem zehnmal grösseren radioaktiven Inventar konfrontiert als in Tschernobyl. Tepco glaubt, das Desaster bis 2051 wegräumen zu können. Das dürfte kaum realistisch sein.

Ein ganz anderes Problem betrifft die Bevölkerung: Die japanische Regierung hat im letzten Frühjahr den Strahlengrenzwert auf zwanzig Millisievert pro Jahr angehoben. Dieser Wert gilt gewöhnlich für AKW-ArbeiterInnen – in den verseuchten Gebieten Fukushimas mutet man diese Dosis nun aber auch Kindern, Säuglingen und Schwangeren zu.

Gebiete, die mit mehr als zwanzig Millisievert pro Jahr strahlen, wurden zwangsgeräumt. Die Evakuierten haben Anspruch auf Entschädigung. Es ist höchst mühselig, von Tepco Gelder einzufordern, aber Tepco zahlt – was nur möglich ist, weil der Staat Milliarden einschiesst. Ohne Staatshilfe wäre Tepco bankrott. Am Ende dürften sich die Entschädigungszahlungen umgerechnet auf etwa 55 Milliarden Franken belaufen.

Inzwischen hat eine Regierungskommission entschieden, alle Menschen in den radioaktiv belasteten Gebieten sollten eine einmalige Entschädigung erhalten. Kinder und Schwangere 5000 Franken, alle anderen Erwachsenen 1000 Franken. Diese Beträge reichen aber nie, um in ein sauberes Gebiet umzuziehen.

Die Regierung setzt stattdessen aufs Dekontaminieren. Das bedeutet nichts anderes als Häuser und Dächer abwaschen, Abwasserkanäle fegen, den Rasen in den Gärten abtragen, das Laub zusammenkehren. Das Wasser geht in die Kanalisation, Dreck und Laub werden in einer Ecke des Gartens in Plastik verpackt gelagert. Fraglich, was das bringt.

Die Zwanzig-Millisievert-Grenze hat sich übrigens nicht die japanische Regierung ausgedacht. Das war die Internationale Strahlenschutzkommission ICRP – ein sich selbst konstituierendes, undemokratisches, atomfreundliches Gremium, das Strahlengrenzwerte «empfiehlt», die meisten Staaten halten sich aber daran. Eigentlich gälte für die Bevölkerung ein Grenzwert von einem Millisievert pro Jahr – würde dieser Wert eingehalten, müssten in der Präfektur Fukushima nicht 70 000, sondern zwei Millionen Menschen umgesiedelt werden. Sie alle hätten Anspruch auf Entschädigung. Das will oder kann sich die japanische Regierung nicht leisten.

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