Nr. 08/2013 vom 21.02.2013

Jedem Garten sein Atommülllager

Vor bald zwei Jahren schmolzen im japanischen AKW Fukushima Daiichi drei Reaktoren durch. Grosse Gebiete wurden verseucht, Tausende mussten zwangsevakuiert werden. Der Staat versucht nun, die verstrahlten Areale zu dekontaminieren. Ein Besuch im betroffenen Gebiet.

Von Susan Boos (Text) und Fabian Biasio (Fotos)

Es wird eine der grössten Putzaktionen, die die Welt gesehen hat. Noch vor einigen Wochen standen die Reisfelder ungepflegt und gemahnten daran, dass kein Mensch sie nutzen darf, weil sich im März vor zwei Jahren eine radioaktive Wolke wie ein feiner Schleier übers Land legte. Das will man jetzt wegputzen.

Die Felder liegen in Iitate-Mura, einer Gemeinde, 45 Kilometer vom Atomkraftwerk Fukushima Daiichi entfernt. Die Anlage war für die Menschen von Iitate-Mura weit weg, verborgen hinter vielen Hügeln. Die Gemeinde befindet sich ausserhalb der Zwanzigkilometerzone, in der man früher regelmässig übte, was zu tun wäre, wenn sich in Daiichi ein schwerer Atomunfall ereignen würde.

Am 11. März 2011 schüttelte ein heftiges Erdbeben die Nordostküste Japans und löste einen gigantischen Tsunami aus, der Tausenden das Leben kostete. In Fukushima Daiichi schmolzen nacheinander drei Atomreaktoren durch. Der 15. März war einer der schlimmsten Tage, eine radioaktive Wolke zog gegen Norden. Weil es über den Hügeln von Iitate-Mura schneite, glitten die strahlenden Partikel mit den Schneeflocken zu Boden und blieben auf den Häusern, Strassen, Wäldern und Feldern liegen. Es sollte lange dauern, bis die Leute von Iitate-Mura wussten, wie hoch die Strahlenbelastung war. Erst Wochen später wurde die Gemeinde zwangsevakuiert.

Heute versucht man, die Gegend zu dekontaminieren, damit die Bevölkerung möglichst bald zurückkehren kann. Doch das ist nicht einfach.

Gelbe Bagger tragen sorgsam die oberste Schicht des Humus ab. Männer packen die verseuchte Erde in riesige Plastiksäcke und bringen sie weg in ein «Kari Okiba», ein vorläufiges Zwischenlager. Das ist es, was sich hinter dem Wort «Dekontaminierung» verbirgt: Erde abtragen, putzen, schrubben. Die radioaktiven Partikel verschwinden deswegen nicht, sie werden lediglich von einem Ort an einen anderen verfrachtet, eben zum Beispiel ins Kari Okiba von Iitate-Mura.

Es liegt am Ende einer kurvigen Strasse, die durch sanfte Hügel auf eine kleine Anhöhe führt. Hier oben erhebt sich eine pittoreske Landschaft – geformt aus Bergen von schwarzen und beigen Plastiksäcken. Hier wird die abgeschabte Erde gestapelt. Ewig werden die Plastiksäcke nicht halten. Licht, Kälte, Wind und Wetter setzen ihnen zu. Irgendwann wird die strahlende Fracht herausrieseln, wenn man sie nicht in ein sicheres Endlager verbringt. Noch weiss keiner, wo das einmal sein könnte. Der gesammelte Dreck ist vor allem mit Cäsium belastet. Dieses Nuklid hat eine Halbwertszeit von dreissig Jahren, nach zehn Halbwertszeiten oder 300 Jahren wird es vollständig zerfallen sein.

Manipulierte Messungen

Kenichi Hasegawa hatte einmal über dreissig Milchkühe. Er lebt noch immer in seinem Haus in Iitate-Mura, obwohl das eigentlich verboten wäre. Die Familie ist weg, die Kühe auch, die musste er im Frühjahr 2011 notschlachten oder verkaufen. Die Strahlenbelastung war zu hoch, um weiter Landwirtschaft zu betreiben.

Hasegawas Haus ist kalt. In der Stube liegen Stapel von Büchern und Papieren. An der Wand hängen Bilder der besten Kühe, die Hasegawa einst besass. Es sieht ein bisschen unordentlich aus, aber wozu sollte man Ordnung halten in einem Haus, das man offiziell nicht mehr bewohnen darf? Es ist ein schönes, traditionelles Holzhaus, umgeben von Feldern und Hügeln – kein Ort, den man freiwillig aufgibt.

Der Tisch in der Stube ist im Boden eingelassen, damit man angenehm auf dem Boden sitzen und trotzdem die Beine in den Hohlraum unter der Tischplatte ausstrecken kann. So sitzt es sich auch für ältere JapanerInnen angenehmer als im Schneidersitz. Eine Heizung bläst warme Luft unter den Tisch. Es ist der einzige warme Ort im ganzen Haus.

Hasegawa berichtet, der Bürgermeister von Iitate-Mura habe schon wenige Monate nach dem Atomunfall davon geredet, die Gemeinde müsse dekontaminieren, damit alle zurückkehren könnten. Hasegawa war immer dagegen, weil es zu teuer würde und wenig brächte.

Doch jetzt gilt es ernst. Am 1. April soll es generalstabsmässig losgehen, 4300 Mann werden nach Iitate-Mura geschickt, um vier Bezirke der Gemeinde zu dekontaminieren. Hasegawa ist für einen der Bezirke zuständig. Er hat sowohl den Behörden wie der Gemeindeverwaltung gesagt, dass sein Bezirk das nicht wolle. Da habe man ihm gesagt, wenn es jetzt nicht geschehe, würden sie auf der Dekontaminierungsliste ganz nach hinten rutschen. Das klang für ihn wie eine Drohung.

Doch was ist schlecht an der Dekontaminierung?

«Das Ziel der Dekontaminierung ist doch, dass die Menschen hierher zurückkommen können, dass auch Kinder wieder hier leben können. Wenn die Leute wirklich zurückkehren sollen, müsste doch ein gemeinsamer Zeitpunkt für die Rückkehr definiert werden. Doch jetzt beginnen sie einfach mal flussaufwärts mit den Dekontaminierungsarbeiten – bevor festgelegt worden ist, welcher Zielwert angepeilt wird.»

«Also man putzt, um sagen zu können: ‹Jetzt ist geputzt, jetzt könnt ihr zurück›?»

«Etwa so. Bevor man mit der Dekontaminierung beginnt, müsste man doch festlegen, auf welches Niveau man die Strahlenbelastung absenken will, damit man sicher leben kann. Aber genau das tun sie nicht. Das ist meiner Meinung nach nicht richtig.»

Es gebe diverse Häuser, die schlecht oder gar nicht dekontaminiert werden könnten. Vor allem die traditionellen Gebäude, die mit Lehm verputzt seien, bei denen liessen sich die Radionuklide nicht mehr abwaschen. Oder bei Häusern, die mit Betonziegeln gedeckt seien, das sei auch schwierig. «Man muss sich vorstellen, was da passiert: Die einen Häuser werden dekontaminiert und sind nachher sauber – andere werden ebenfalls dekontaminiert, doch nützt es nichts. Die Leute haben aber keine andere Wahl und müssen trotzdem darin leben. Das wird innerhalb der Bevölkerung zu schlimmen Spannungen führen», meint Hasegawa.

Es gebe auch noch andere Probleme, zum Beispiel müssten die Zedern um die Häuser gefällt werden, um die Strahlung zu reduzieren. Die gefällten Bäume würden aber nicht abtransportiert, auch diversen strahlenden Abfall und Schutt wolle man einfach liegen lassen. «Und das allergrösste Problem: Bei den Wäldern wird gar nichts gemacht! Doch alle Hügel sind bewaldet, viele Häuser stehen sehr nahe am Wald. Die Witterung wird die Radioaktivität in die Täler tragen und die dekontaminierten Häuser und Felder wieder verschmutzen.»

Aber immerhin hat man an verschiedenen Orten in der Gemeinde Messgeräte aufgestellt, die zeigen, wie hoch die Strahlung ist.

Kenichi Hasegawa blickt grimmig, wenn er das Stichwort «Messgerät» hört. «Die Messungen stimmen nicht», sagt er leise.

«Wie bitte?»

«Bevor die Behörden ein Messgerät aufstellen, wird die Umgebung ausgiebig gereinigt. Das führt dazu, dass die Geräte tiefere Werte liefern. Wenn man sich zwanzig, dreissig Meter vom Gerät entfernt, zeigen sich grosse Differenzen.»

Er kramt ein Couvert hervor, zieht ein Blatt mit vielen Messwerten heraus. In der einen Spalte stehen die offiziellen Daten, in der anderen die Werte, die die BewohnerInnen von Iitate-Mura gemessen haben.

«Hier zum Beispiel gibt das offizielle Gerät einen Wert von 2,4 Mikrosievert pro Stunde an, dreissig Meter entfernt sind es aber 5,4 oder mehr. Das ist fast überall so. Wir haben von der Gemeindeverwaltung verlangt, dass wir mit professionellen Messgeräten ausgestattet werden, damit wir selbst exakt messen können. Das tun wir nun regelmässig, und meistens sind unsere Werte fast doppelt so hoch wie die offiziellen. Die Behörden haben inzwischen zugegeben, die Messgeräte hätten einen kleinen Konstruktionsfehler, deshalb seien die Werte um zehn Prozent zu tief. Da geht es aber nicht um zehn Prozent – es geht um eine Halbierung der wirklichen Werte.»

«Sie meinen, es wird absichtlich manipuliert?»

«So muss man es wohl sehen. Wenn Besuch von aussen kommt, sehen die Leute die Messgeräte und die Strahlenwerte auf den Displays. Das erzeugt den Eindruck, es sei alles nicht mehr so schlimm. Diese Werte werden gerne zitiert, obwohl sie nicht stimmen. Das finde ich problematisch.»

Und dann kommt er nochmals auf die Dekontaminierung zurück. Es lässt ihm sichtlich keine Ruhe: «Dekontaminierung bedeutet Rückkehr – dabei steht aber nicht die Gesundheit im Zentrum. Es wird so viel Geld reingesteckt. Das Ziel ist klar: Die Leute sollen sich abfinden und zurückkehren.» Aber man solle ihn nicht falsch verstehen: «Wenn eine klar definierte, vertretbare Reduktion der Strahlung angepeilt würde, das könnte ich verstehen, da wäre ich nicht dagegen.»

Vielleicht müsste man alle Bäume fällen

Syunji Miura hat kein eigenes Büro. Die Angestellten der Verwaltung der Präfektur Fukushima sitzen eng nebeneinander hinter vollgepackten kleinen Pulten. Draussen liegt Schnee, golden leuchten die Hügel vor einem schwarzen Himmel. Miura spricht gedämpft und erklärt die Dekontaminierungspläne. Entworfen wurden sie von den nationalen Behörden, die Präfektur muss sie umsetzen. Die nationale Regierung ist zuständig für die hoch belasteten Sperrzonen, in denen man über zwanzig Millisievert pro Jahr abbekommen würde, wenn man dort lebte. Die Präfektur muss sich um die Dekontaminierung der Gebiete kümmern, die mit einem bis zwanzig Millisievert pro Jahr belastet sind (vgl. «Wer soll wann zurück?» im Anschluss an diesen Text). Das bedeutet konkret: Bei Häusern werden die Wände und die Dächer mit Hochdruck abgespritzt, in den Gärten die Erde um fünf Zentimeter abtragen. Neben dem Bürsten und Abspritzen muss man sich auch um die Bäume kümmern. Die Laubbäume sind weniger ein Problem, die verlieren ihre Blätter. Fichten und Föhren behalten hingegen die kontaminierten Nadeln, da müssen die untersten Äste radikal abgeschnitten werden.

Dabei fällt einiges an schwach radioaktivem Abfall an, der gelagert werden soll. In der Stadt Fukushima muss in mindestens drei Bezirken dekontaminiert werden. In jedem Bezirk sollte ein vorläufiges Zwischenlager entstehen. «Keiner will es», sagt Miura, «nur ein Bezirk hat bislang eins eingerichtet. In den anderen Bezirken wehrt sich die Bevölkerung heftig dagegen.»

Die Reinigung eines Durchschnittshauses mit Grundstück von 400 Quadratmetern Grundfläche kostet 700 000 Yen oder umgerechnet 8400 Franken. In der Stadt Fukushima müssen etwa 80 000 Quadratmeter geputzt werden. Allein im letzten Jahr hat man laut Miura in der Präfektur vier Millionen Euro für die Dekontaminierung ausgegeben und ist noch lange nicht fertig. Die Wälder machen auch ihm Sorgen, weil sie nahe an die Siedlungen reichen.

«Sie zu dekontaminieren, wäre viel zu teuer», sagt Miura.

«Und es nicht zu tun, ist kein Problem?»

«Doch.»

Miura zieht ein Papier hervor und zeichnet auf, was die Angestellten der Präfektur herausfanden. Vor einem Jahr reinigten sie ein Modellgebiet von zehn Hektaren, ein kleines Tal mit Feldern und Häusern. Vor der Dekontaminierung mass man über den Feldern 1,42 Mikrosievert pro Stunde – nachher waren es noch 0,74. Das klingt nicht schlecht. Doch betrachtet man das ganze Gebiet, konnte die Strahlung trotz immensen Aufwands nur um ein Drittel reduziert werden.

«Das letzte Mal haben wir dort vor mehreren Monaten gemessen», sagt Miura, «vermutlich wären heute die Werte noch schlechter, weil Wind und Regen ständig radioaktive Partikel aus den Wäldern tragen.»

«Ist das nicht deprimierend?»

Er nickt, schaut nachdenklich auf seine Unterlagen. Miura erklärt: «Die Effizienz ist nicht sehr hoch. Das ist die Erkenntnis aus diesem Versuch.» Dessen Kosten beliefen sich auf weit über drei Millionen Franken.

Wenn man ein gesäubertes Gebiet abschotten könnte, wäre das vielleicht erfolgreicher, sinniert Miura, aber das gehe ja nicht, vielleicht müsste man alle Bäume fällen, um die bewaldeten Hügel sauber zu bekommen. Aber dann steige die Hangrutschgefahr, das sei also auch keine sinnvolle Lösung.

Miura präsentiert seine Zahlen, versucht redlich, Fragen zu beantworten, und wirkt einfach nur ratlos und bedrückt.

Wer bekommt wie viel Entschädigung?

Auch Takashi Kumada hat einen schwierigen Job. Er ist in der Präfekturverwaltung für die Entschädigungsfragen zuständig. Es ist schon spät und dunkel draussen. Das Verwaltungsgebäude hat sich längst geleert. In unendlicher Geduld versucht Kumada zu erklären, was er selbst kaum überschaut. Die kontaminierten Gebiete sind – abgestuft nach Strahlenbelastung – in unterschiedliche Zonen unterteilt. Kumada erklärt die Zonenkarte: Zone A wird noch lange Sperrgebiet bleiben. Bei den B-Gebieten ist ungewiss, ob die Menschen zurückkehren können, man rechnet optimistisch mit Mitte 2014, weiss aber, dass es auch länger dauern kann. In die C-Gebiete sollen die Menschen noch dieses Jahr heimkehren dürfen, sofern die Dekontaminierungsmassnahmen greifen (Iitate-Mura hat Gebiete in allen drei Zonen).

Kumada beginnt mit der «Entschädigung für erlittene psychische und geistige Belastung», die allen Zwangsevakuierten zusteht. Leute aus der Zone A erhalten einmalig 60 000 Franken, die aus der Zone B 24 000 und die aus C noch 12 000. Und schon wird es kompliziert: Wenn die Leute aus der A-Zone nach fünf Jahren immer noch nicht zurückkehren können, gibt es nochmals Geld, abgestuft gilt dasselbe auch für die Leute aus der B- respektive der C-Zone.

Man könnte auch anders rechnen: Für jeden Monat, den die Evakuierten nicht in ihren Häusern leben können, erhalten sie umgerechnet rund 1200 Franken. Das geht ins Geld, sind doch mindestens 70 000 Menschen von der Zwangsevakuierung betroffen. Da wird auch klar, weshalb man sich mit den Dekontaminierungsmassnahmen so beeilt.

Bezahlt werde immer direkt von Tepco, sagt Kumada, sein Amt sei nur dazu da, die Leute zu beraten. Der ehemalige AKW-Betreiber Tepco ist längst bankrott und faktisch in Staatsbesitz, womit alle Folgekosten des dreifachen Super-GAUs indirekt von den japanischen SteuerzahlerInnen beglichen werden.

Die Frage, die die Betroffenen aber am meisten beschäftigt: Wer bestimmt, ob man zurückkehren kann oder muss?

Kumada sagt: «Das soll im Gespräch zwischen den Gemeinden und dem Staat geklärt werden.»

«Und wenn es keine Einigung gibt, weil Leute wie Bauer Hasegawa sich dagegen wehren?»

«Schwierig zu sagen», sagt Kumada, «aber letztlich liegt das Entscheidungsrecht beim Staat.»

Kein Antrag, kein Geld

Noch geht es nicht hart auf hart. Und solange die Leute nicht zurückkehren können, erhalten sie zusätzlich eine Erwerbsausfallentschädigung, die sich nach dem letzten regulären Steuerausweis richtet. Kumada erklärt, wer früher beispielsweise vier Millionen Yen (48 000 Franken) verdiente, inzwischen einen neuen Job gefunden hat und drei Millionen bekommt, erhält trotzdem die vollen vier Millionen – verdient nun also sieben Millionen Yen. Man hätte auch nur die Differenz auszahlen können, sagt er, doch wollte man die Leute motivieren, schnell einen neuen Job zu finden.

Das gibt natürlich Probleme. Weil einige nun tüchtig von der Atomkatastrophe profitieren, andere aber nichts erhalten, weil sie sich im Bürokratiedschungel von Tepco nicht auskennen und keine Entschädigungszahlungen geltend gemacht haben. Wer keinen Antrag stellt, bekommt auch kein Geld.

Kumada sagt, er wisse, es gebe Leute, die zu wenig bekommen hätten, die Präfektur versuchte, diesen Leuten zu helfen – aber es sei schwierig, gerecht zu sein.

«Noch schwieriger wird es bei den Entschädigungszahlungen für die Vermögenswerte, für Wohnungen und Häuser», fügt er an. Man richte sich nach dem steuerlichen Schätzwert einer Liegenschaft und multipliziere ihn mit dem Faktor 1,43 – weil der Verkehrswert höher liege als der Schätzwert. Die Abwicklung dieser Zahlungen läuft erst an, die juristischen Streitigkeiten stehen also noch aus.

Für den Hausrat wird eine Zusatzentschädigung gezahlt. Das gesamte Hab und Gut – vom Kochtopf bis zum Bett – wird mit einer Pauschale abgegolten. Eine Familie aus der A-Zone mit einem Kind erhält 6,35 Millionen Yen (rund 76 000 Franken), ein Singlehaushalt bekommt die Hälfte. In den anderen Zonen wird es weniger sein.

Das führe garantiert zu Auseinandersetzungen, prophezeit Kumada. Manche hätten ja sehr viel besessen und kämen mit der Pauschale schlecht weg. Es gebe Beschwerdemöglichkeiten, aber wie man letztlich den exakten Wert eines Haushalts ermessen will, da habe man noch keine Ahnung.

Er lacht etwas verlegen, serviert Tee und Kaffee und sagt, alles sei so wahnsinnig kompliziert: «Man müsste dann auch noch die Entschädigungen für die Unternehmen anschauen, das würde auch noch die Nacht füllen und wäre kaum mehr nachvollziehbar zu erklären.»

Tepco beschäftig zurzeit eine Armada von über 10 000 Angestellten, die sich nur um die Entschädigungszahlungen kümmern. Bis Ende 2012 hat das Unternehmen laut Kumada umgerechnet 12,6 Milliarden Franken an Entschädigung ausbezahlt, aber eben, da sind die Entschädigungen für die Liegenschaften und die Unternehmen noch nicht dabei. «Was das am Ende einmal kosten wird, kann niemand abschätzen», sagt Kumada.

Der Abukuma fliesst durch Fukushima. Am linken Ufer steht die Präfekturverwaltung, am rechten Ufer liegt der Stadtbezirk Watari. Es ist einer der Bezirke, die es im März 2011 stark erwischt hat.

Die Umweltorganisation Friends of the Earth (FoE) Japan hat vor kurzem an verschiedenen Stellen Proben genommen und bei einem Privathaus Moos gefunden, das mit 489 000 Becquerel pro Kilogramm (Bq/kg) belastet war. Die höchsten Werte fand die Organisation in Proben aus den kleinen Abwasserkanälen, die Watari durchziehen. Mehrere der Proben wiesen über 500 000 Bq/kg auf. Egal wie oft man diese Kanäle dekontaminiert, nach geraumer Zeit finden sich darin immer wieder stark strahlende Hotspots, weil das Regenwasser radioaktive Partikel mit sich bringt.

Ab in die Gartengrube

Neben einer Pizzeria in Watari macht sich kurz nach Mittag ein Dutzend Männer in blauen Arbeitsanzügen in einem Garten zu schaffen. Einer von ihnen ruft den anderen zu: «Zieht die Gesichtsmasken über, wir werden fotografiert!» Es ist die Dekontaminierungstruppe eines privaten Bauunternehmens. Sie haben die Anweisung, nur mit Mundschutz zu arbeiten, aber solange sie sich unbeobachtet fühlen, tun das die wenigsten hier, weil die Papiermasken beim Arbeiten stören. Die Männer kratzen in dem gepflegten Garten den Boden ab, packen die Erde in die Plastiksäcke – das bekannte Ritual.

Mit einem kleinen Bagger heben sie in der Ecke des Gartens eine Grube aus und werfen die Plastiksäcke hinein. In Watari gibt es nämlich noch kein vorläufiges Zwischenlager, also lagert man den strahlenden Müll direkt in den Gärten. So bekommt jedes Haus sein eigenes kleines strahlendes Zwischenlager. Man nennt sie hier «Kari-kari Okiba», vorläufig-vorläufige Zwischenlager.

WOZ-Redaktorin Susan Boos publizierte vor einem Jahr das Buch «Fukushima lässt grüssen. Die Folgen eines Super-GAUs». Im vergangenen Dezember reiste sie mit dem Fotografen Fabian Biasio erneut nach Fukushima. Die Reise wurde von der Schweizerischen Energie-Stiftung unterstützt (siehe auch Foto-Doppelseite in der Printausgabe der WOZ Nr. 1 + 2/2013).

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