Nr. 12/2012 vom 22.03.2012

Wo bitte gehts hier zum Altar?

Vom «Holy Ghost Congress» in Lagos zur Popkirche ICF: Der Urbanist Jochen Becker sprach in Zürich zur Frage, wie neue religiöse Bewegungen auf die Stadtplanung Einfluss nehmen.

Von Kaspar Surber

Monoblockstühle bis zum Horizont: Im Prayers Camp in Lagos feiern 750 000 Gläubige. Foto: Bitter / Weber

Der Brief von «Safranblau» war an neoliberalem Kauderwelsch kaum zu überbieten: «Hallo, Kaspar», begann er ganz spontan. Mit einem «attraktiven Portfolio für junge, kreative und offene Menschen von heute ist Safranblau die Nummer Eins im Bereich zielgruppenorientierter Kirche.» Zwar vermute man, dass ich einen ziemlich vollen Terminkalender hätte, aber vielleicht interessierte ich mich gerade deswegen für die Work-Life-Balance und ein Mentaltraining. Falls ich eher die klassische Spiritualität vermissen würde, biete man auch ein Stadtgebet an: «Es ist schlicht, klar und ganz einfach state of the art!»

Vom sündigen zum gottgefälligen Ort

Halleluja, dachte ich und beschloss erst recht, am Freitag, 16. März, nach Zürich-Altstetten zu fahren. Im Autonomen Beauty Salon, einem besetzten Gewerbeareal, war ein Vortrag zum Thema «Beten und wirtschaften in der neoliberalen Welt» angekündigt. Dämmerung über den Gleisen, die Hohlstrasse staubig wie immer, vor dem Schönheitssalon wurde Holz gehackt. Drinnen hing eine Fahne, auf der sich ein Hochhaus verbeugte, ein Slogan forderte: «Geld oder Leben!» Rund fünfzig Leute sassen dicht nebeneinander. Die VeranstalterInnen vom Stadtforschungsnetzwerk Inura und dem Verein Güterbahnhof überraschte das Interesse. «Offenbar wird zum ersten Mal über die Verbindung von neuen religiösen Bewegungen und Stadtplanung gesprochen», meinte Richard Wolff von Inura.

Als Referent geladen war der Berliner Stadtforscher Jochen Becker. Mit KollegInnen hat er die Ausstellung «Global Prayers» erarbeitet, die noch bis Ende März in Graz zu sehen ist. «Die Religionsindustrie ist ein weltweites Phänomen», begann Becker: von den Evangelikalen in Rio de Janeiro, die Drogenabhängige in den Favelas bekehren, über die schiitische Hisbollah, die in Beirut als Bauunternehmen günstigen Wohnraum schafft, bis zu den nationalistischen Hindus der Shiv Sena in Bombay, die unterklassige Händler unterstützen. «Die Bewegungen bieten ein Dreieck von Leistungen an: soziale Dienste, wenn die Staaten ausfallen, wirtschaftliche Investitionen als Firmen sowie spirituelle Praxis», sagte Becker.

Dabei handle es sich nicht nur um ein globales, sondern um ein in sich globalisiertes Phänomen: Die Kirchen folgen den Migrationsrouten und funktionieren über ein Filialsystem. Becker zeigte ein Foto eines ehemaligen Kinos in London, das den Evangelikalen aus Rio als Filiale dient: «Vergnügungspaläste sind beliebt für neue Kirchenräume. Zum einen bedienen sich die Gläubigen an Formen der Popkultur. Gleichzeitig können sündige Örtlichkeiten durch gottgefällige verdrängt werden.»

Der Urbanist betonte, er wolle eine Entwicklung beobachten und verstehen und sie nicht von vornherein qualifizieren. «Auf jeden Fall ist festzuhalten, dass derzeit neue religiöse Bewegungen die Stadt mitgestalten.»

Ausführlich ging Becker auf das Beispiel der Redeemed Christian Church of God (RCCG) in Nigeria ein, gegründet in den fünfziger Jahren. Eine halbe Autostunde von der Metropole Lagos entfernt betreibt sie eine eigentliche Stadt: mit eigener Stromversorgung, Universität und Bank. Und vor allem mit einer Megakirche für 750 000 Gläubige. Im Dezember wird während sechs Tagen der «Holy Ghost Congress» mit Ansprachen und Gesängen gefeiert. Die Gläubigen kommen jeweils über Nacht, den Altar sehen sie nur auf Bildschirmen.

Die ICF baut aus

«Das Areal der RCCG erscheint als Idealstadt, nicht nur moralisch, sondern auch funktional», so Becker. In der Megakirche strahlt die ganze Nacht Flutlicht. Es vermittle in doppelter Hinsicht «Power», meinte Becker: Weil in Nigeria Stromausfälle an der Tagesordnung sind, symbolisiere das Licht neben der religiösen Erleuchtung die wirtschaftliche Potenz der RCCG. Als Gegenmacht zum Staat ist die Kirche allerdings nicht zu verstehen, vielmehr reproduziert sie dessen Machtstrukturen: Christliche Präsidentschaftsanwärter holen sich am Heiliggeistkongress den Segen.

In der Diskussion wurde versucht, das Phänomen in der Stadt Zürich festzumachen. Ausgangspunkt war die Abstimmung um den Güterbahnhof. Die Forderung nach günstigem Wohn- und Gewerberaum scheiterte, auf dem Areal soll ein Justiz- und Polizeigebäude entstehen. Dies ist frühestens Ende 2012 der Fall, bis dahin nutzt die Firma Rufener Events einzelne Hallen als Kongresszentrum: «Hauptkundin von Rufener ist die International Christian Fellowship ICF, die sich die Miete von 30 000 Franken pro Abend leisten kann», berichtete Vesna Tomse vom Verein Güterbahnhof.

Die Meinungen gingen auseinander, ob die Popkirche die Stadtentwicklung mitgestaltet. Vielleicht rücke die ICF nur in den Fokus, weil sie vom Maag-Areal in den Güterbahnhof umgezogen sei und man den selbst gern hätte, meinte ein Zuhörer: «Ob die CS oder die ICF die Hallen mietet, ist doch egal. Wichtig ist, wer sie vermietet.» Tomse entgegnete, vermutlich habe sich die ICF am Umbau zum Kongresszentrum beteiligt. Tatsächlich vermeldet die Kirche auf ihrer Website, der Umbau sei nur dank des Einsatzes von Fachleuten und unzähligen «Volunteers» möglich gewesen. Und dank Gottes Hilfe.

Eine Reportage zur ICF ist in WOZ 44/10 erschienen. Mehr Infos zur Ausstellung: 
www.globalprayers.info.

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