Nr. 13/2012 vom 29.03.2012

Althippies und Exmaoisten

Von Geri Krebs

Die Bernerin Veronika Minder realisierte 2005 ihren ersten Kinodokumentarfilm, «Katzenball». Damals war sie 57, ein eher ungewöhnliches Alter für eine Neufilmerin. Hatte die Regisseurin dort mit der Geschichte lesbischer Subkulturen in der Schweiz bereits ein Thema gewählt, das ihr nahelag, so ist sie sich nun mit «My Generation» erneut treu geblieben. Es geht darin weniger um den ersten grossen Hit von The Who aus dem Jahr 1965, der die 68er-Revolte ein Stück weit antizipierte – sondern um sechs Bekannte Minders (drei Männer und drei Frauen, darunter auch Bekanntheiten wie der Schlagzeuger Fredy Studer oder die Tänzerin Uschi Janovsky), die alle im Jahr 1948 geboren wurden wie die Autorin selbst.

«My Generation» ist ein bewegender Film übers Älterwerden und darüber, was aus jenen Träumen geworden ist, von denen 1968 viele glaubten, sie lägen auf der Strasse und man brauche sie nur aufzuheben. Es ist aber auch ein sehr schweizerischer Film: Jene hierzulande weitverbreitete Grundhaltung, niemandem zu nahe zu treten, beherrscht ihn. So hätte man vom ehemaligen Politaktivisten Willi Wottreng, der heute als Nekrologschreiber bei der «NZZ am Sonntag» und als Publizist arbeitet, gern mehr erfahren über seine Zeit als Kader in einer maoistischen Organisation. Dass einer fünfzehn Jahre damit verbracht hat, einem Politiker ideologisch hinterherzulaufen, der für einen der grössten Massenmorde im 20. Jahrhundert verantwortlich war: Das verdiente eine etwas genauere Betrachtung als nur ein paar wohltönende Floskeln, man sei nach dem 68er-Aufbruch bald sektiererisch und totalitär geworden. Auch der Umstand, dass die porträtierten Frauen jung schwanger und dann ihren Weg als alleinerziehende Mütter gehen mussten, wird zu knapp abgehandelt. Dass Älterwerden auch mit Schmerz und Abschied und mehr als «Wir hatten eine tolle Zeit damals» verbunden ist, vermittelt der von Tania Stöcklin solid montierte Film leider ebenfalls zu knapp.

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