Nr. 15/2012 vom 12.04.2012

Wer schaut zu unserem Subproletariat?

Mit ihrem Bruder Christoph leidet Judith Giovannelli-Blocher trotz politischer Differenzen schwesterlich mit. Und der SP empfiehlt sie, viel deutlicher zu sagen, wie die Sans-Papiers ausgenutzt werden.

Von Dominik Gross (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Judith Giovannelli-Blocher auf ihrem Balkon in Biel: «Wie soll ein Untergetauchter öffentlich mit einer Bundesrätin sprechen? Das ist doch einfach völlig absurd.»

Frau Giovannelli, ist Ihr Bruder Christoph eigentlich ein Demokrat?
Ich glaube, Christoph sieht sich heimlich schon als der Führer der Schweiz. Dauernd verzapfen die SVP-Politiker, sie seien die grösste Partei. Das ist doch lächerlich: Immer wenn ich das höre, sage ich mir: Siebzig Prozent der Bürgerinnen und Bürger wählen euch nie! Dieses plakative Streben nach Dominanz ist unschweizerisch.

Dafür gibts an den Urnen aber jetzt langsam die Quittung.
Jaja, die Schweiz erweist sich immer mehr als demokratisch gegenüber dem Christoph. Das ist eine gute Entwicklung. Für mich persönlich ist es halt einfach schmerzlich, dass es sich dabei um meinen Bruder handelt.

Wie erlebten Sie seine Abwahl aus dem Bundesrat? Es ist ja nicht die erste Abwahl in Ihrer Familie. Schon Ihr Vater Wolfram und Ihr Bruder Gerhard wurden als Pfarrer von ihren Gemeinden abgewählt.
Wissen Sie, ich war schon traurig, als er Bundesrat wurde. Ich dachte: Was tut sich dieser Mann an! Er ist derart ungern im Bundeshaus, es passt so nicht zu ihm, das ist eine Zwangsjacke. Die Abwahl war dann ein Schock: Meine Schwester Theres und ich haben vor dem Fernseher geheult wie die Schlosshunde. Als der Mann aus dem Nationalratssaal hinauslief, konnte ich den Jubel im Parlament fast nicht ertragen. Die Abwahl an sich, dann zweitens – das ist wichtig – erst noch durch eine Frau und drittens auch noch aus der eigenen Partei. Und viertens: Er hatte nicht gemerkt, dass etwas im Busch war. Das war für ihn vielleicht das Schlimmste.

Er und seine Partei spielten danach verrückt.
Das kann man vielleicht so sagen. Die politischen Gegner unterschätzen meinen Bruder immer wieder. Während er wieder einmal abgeschrieben wird, bereitet er die nächste Offensive vor. Das mag er, da können Sie nur so zuschauen.

Ihr Bruder ist Multimilliardär und hat die Schweizer Politik dreissig Jahre lang wie kein Zweiter geprägt. Wieso reicht es ihm immer noch nicht?
Christoph will im Grunde als guter, rechtschaffener Mensch in die Geschichte eingehen. Er will nicht nur Karriere und Geld machen. Man hätte mehr Positives aus ihm herausholen können, wenn man ihn nicht stets in die schwarze Ecke stellen würde.

Gehört er aber nicht dorthin? Zum Beispiel seine Apartheidgeschäfte oder die Alusuisse: Als Geschäftsmann verscherbelte er eine Schweizer Traditionsfirma ins Ausland, und gleichzeitig gibt er als Politiker den Oberpatrioten.
Das ist Ihre Sichtweise. Mir geht es mehr um meinen Bruder als Menschen.

Sie scheinen hin und her gerissen zu sein zwischen Ihren politischen Differenzen mit Ihrem Bruder und einer schwesterlichen Solidarität.
Nun, ich muss ganz klar sagen: Mein Bruder behandelt seine politischen Gegner ungerecht, aber auch er wird ungerecht behandelt.

Trifft das auch Sie persönlich?
Ja, klar. Aber gleichzeitig sagen mir jene meiner Schwestern, die ihm politisch wohler gesinnt sind als ich, immer wieder, auch ich würde ihn in der Öffentlichkeit ungerecht behandeln. Aber schauen Sie, das Problem liegt auch darin, dass die Linke meinem Bruder lange inhaltlich viel zu wenig profiliert entgegentrat. Und sich einfach immer damit begnügte, eine Figur zu haben, die man mit Dreck bewerfen kann. So hat die Linke sehr viele Entwicklungen der letzten Jahrzehnte einfach verschlafen.

Woran denken Sie?
Nehmen Sie aktuell die Sans-Papiers! Da besetzen diese Leute vor ein paar Wochen das SP-Sekretariat in Bern, und alle reden von Untergetauchten. Und dann steht einer dieser sogenannten Untergetauchten plötzlich im Büro von Bundesrätin Sommaruga. Wie soll ein Untergetauchter öffentlich mit einer Bundesrätin sprechen? Das ist doch einfach völlig absurd. Die SP müsste viel deutlicher sagen, dass diese Leute in der Schweiz nach Strich und Faden ausgenutzt werden.

Was heisst das konkret für die Politik der SP?
Nehmen Sie alle diese Leute, die im Pflegebereich, bei den Weinbauern im Waadtland oder den Gemüseproduzenten hier im Seeland schwarz arbeiten: Diese Menschen werden gebraucht. Sie müssten alle zu Härtefällen erklärt werden und ein Bleiberecht erhalten. Überhaupt, unser Subproletariat, wer schaut zu ihm?

Das berühmte Lumpenproletariat ist outgesourct. Wer nicht wählen kann, ist für die Parteien uninteressant.
Eben! Aber das gäbe dann auch eine rassige Diskussion mit dem Christoph. Er hat einfach keine richtigen Gegner. Ich kenne so viele Linke, die heimlich von meinem Bruder schwärmen. Die würden auch gerne eine solche Karriere machen und so beliebt sein wie er. Das ist ja menschlich. Ich könnte ihnen von einem sehr berühmten SP-Politiker erzählen. Immer wenn ich ihn antreffe, steigt er vom Velo und sagt: Also den Christoph, den mag ich halt einfach.

Judith Giovannelli-Blocher (79) ist das älteste von elf Kindern einer Pfarrersfamilie und lebt in Biel. Vor einigen Wochen erschien ihre Autobiografie.

Judith Giovannelli-Blocher: «Der rote Faden. Die Geschichte meines Lebens». Nagel & Kimche Verlag. München 2012. 248 Seiten. Fr. 27.90.

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