Nr. 50/2015 vom 10.12.2015

«Schwach, wirklich schwach!»

In einem Zürcher Hotel traf sich die WOZ mit dem einstigen Drahtzieher der Abwahl von Christoph Blocher. Von der Abschiedsrede Eveline Widmer-Schlumpfs bis zur Wahl ihres Nachfolgers Guy Parmelin: Ein Gespräch über gestern und heute und etwas Empörung über das Verhalten der Linken.

Von Sarah Schmalz (Text) und Florian Bachmann (Foto)

Andrea Hämmerles Blick aufs Wahltheater, im Fernseher und im Spiegel.

Früher Mittwochmorgen. Swissôtel Oerlikon. Bundesratswahlen. Im Fernsehen hält Eveline Widmer-Schlumpf ihre Abschiedsrede. Gefasst wie immer. Staatsmännisch. Sie beschwört die demokratische Tradition der Schweiz. Die Institutionen. Die Gewaltentrennung. Die Schranken im System, die vor Machtmissbrauch und Willkür schützen. Andrea Hämmerle schaut ihr dabei zu, die Beine übereinandergeschlagen, das Kinn auf die Hände gestützt. Er wirkt zufrieden mit dem Gesagten. Und ist ein bisschen stolz. Nicht wie ein Vater, sagt er auf eine entsprechende Frage. Aber vielleicht wie ein Onkel. Einer, der mit Befriedigung auf die Leistung der Frau blickt, die er vor acht Jahren in die Regierung hievte. «Das haben wir also gut gemacht», sagt Hämmerle. «Ich wusste zwar, dass Widmer-Schlumpf es kann. Aber dass sie eine so überzeugende Rolle spielen würde, das hätte ich nicht gedacht.»

Vor vier Jahren hat sich das Bündner SP-Mitglied aus der Politik zurückgezogen. Noch immer aber strahlt der grösste Coup der Linken in der jüngeren Geschichte der Bundesratswahlen auf ihn ab. In der vergangenen Nacht, in der in Bern angeblich die sagenumwobenen Messer gewetzt wurden, hat Hämmerle nur wenig Schlaf abgekriegt. Dienstagabend war er zu Gast im «Club» des Schweizer Fernsehens. Danach wurde es spät: Absacker in einer Bar mit dem ebenfalls eingeladenen ehemaligen grünen Parlamentarierkollegen Daniel Vischer. Ab und zu mache es ihm nichts aus, wenig zu schlafen, sagt der 69-Jährige. Heute sowieso nicht. Hämmerle spürt es noch, das Kribbeln, mit dem PolitikerInnen am Morgen der Bundesratswahl aufwachen. Der Wahlmittwoch ist auch für ehemalige Politprofis ein Ausnahmetag. Gleich nach der Übertragung wird Hämmerle die Koffer packen und ans Fraktionsessen seiner alten KollegInnen nach Bern reisen. Immer wieder leuchten SMS auf seinem Handy auf. Aufregendes aber, sagt er, erreiche ihn nicht. Es ist keine Gefahr in Sicht für die drei offiziellen SVP-Kandidaten. Und obwohl Hämmerle aus erster Hand weiss, dass das nichts heissen muss, tippt auch er auf Parmelin.

Nicht dass ihn das Ticket überzeugt hätte: Der aalglatte Finanzschnösel aus Zug, der freundliche Weinbauer vom Genfersee und der SVP-Adoptivsohn aus der Lega – Thomas Aeschi, Guy Parmelin, Norman Gobbi –, alle drei sind bei den Hearings der anderen Parteien schlecht weggekommen. Parmelin ist ein seltsamer Favorit. Einer, der vom Aussenseiterkandidaten zum kleinsten Übel aufstieg. «Ich habe gehört, dass er ein guter Präsident der Gesundheitskommission war», sagt Hämmerle, der jahrelang mit dem Kandidaten im Nationalrat sass. «Er war angenehm im Umgang, aber blass.» Einer, der «keine Stricke verrupft» habe, «aber auch nicht störte».

Oft schon hat es Andrea Hämmerle gesagt: Ein Bundesrat, das sei ein Landesvater aus Durchschnittsholz. «Und Parmelin ist zumindest unterer Durchschnitt.» Also ein guter Magistrat? «Er wäre zumindest ertragbar», sagt Hämmerle, während die Bestätigungswahlen der anderen sechs BundesrätInnen vor sich hinplätschern. Dass man sich damit offenbar zufriedengibt, während die Bundesversammlung vor acht Jahren alle Hebel in Bewegung setzte, um eine Wiederwahl Blochers zu verhindern, entspricht dem politischen Momentum. «Zurück zur Normalität» heisst das seltsame Credo – ganz nach dem SVP-Mythos, man habe ihr 2007 einen Sitz geklaut. Für die grossen Allianzen fehle aber auch einfach der Blocher-Effekt, sagt Hämmerle. «Damals gab es parteiübergreifend einen grossen Unmut über den Oppositionsführer, der sich partout nicht in die Regierung einfügen wollte.» Das Fass zum Überlaufen gebracht habe dann wohl der kurz vor den Wahlen gezeigte Dokfilm über Blochers Halbbruder Gerhard. «Viele fanden danach: Wenn so einer so viel Einfluss hat, dann gute Nacht.»

210 Stimmen «für üserä!»

Immer klarer zeichnet sich im Oerliker Hotelzimmer ab, dass es heute wohl tatsächlich keine Überraschung geben wird. Rekordverdächtig hoch fallen die Bestätigungsresultate aus. Dann Berset: 210 Stimmen! Hämmerle jault in seinem Stuhl auf: «Wooah, 210 für üserä! Das ist nun wirklich eine kleine Sensation.» Es scheint, heute ist der Tag der freundlichen Konkordanz: Wir wählen euch, ihr wählt uns. Bleibt Zeit, auf den Tag zurückzublicken, an dem die Schweizer Politik für einmal erodierte. Eveline Widmer-Schlumpf machte bereits im ersten Wahlgang 116 Stimmen, Blocher dagegen nur 111. Belämmerte Blicke in der einen Ratshälfte, ungläubige Freude in der anderen. Das sei ein Wahnsinnsmoment gewesen, sagt Hämmerle. «Wirklich … das war … wow – ein Highlight. Ein Riesending.» Bis heute wird dem Juristen ab und zu auf der Strasse zu seinem Coup gratuliert.

«Das ist ja peinlich!»

Dass man ihn nach seiner Politkarriere mehrheitlich auf diese Episode reduziert, stört ihn nicht. «Das ist ja etwas, womit ich gerne in Verbindung gebracht werde. Eine gute Sache, an der ich immer noch Freude habe.» Hassmails und Drohungen gab es nach der Wahl Eveline Widmer-Schlumpfs allerdings auch. Kürzlich habe das wieder zugenommen, sagt Hämmerle. «Im Vorfeld der Wahlen war ich öfter in den Medien präsent, da erinnerten sich einige an ihre Wut.» Dazu kommt die Überzeugung vieler WählerInnen, selbst aus der Linken, die Blocher-Abwahl sei letztlich bloss für die Propagandamaschinerie der SVP produktiv gewesen, die danach jahrelang gegen die Mitte-links-Verschwörer stänkern konnte. Hämmerle sagt: «Ich bereue nichts. Denn es ist nicht abzusehen, was passiert wäre, wenn Blocher vier weitere Jahre Bundesrat geblieben wäre.» Der Rechtstrend sei ausserdem europaweit zu beobachten. «Und er hätte sich mit Blocher an der Macht wohl auch bei uns genau so fortgesetzt.»

«Oh, d Blocheri, wie die driiluegt», kommentiert Hämmerle, als man Blochers Tochter sieht. Die SVP-Fraktion hat gerade der Fraktionserklärung der CVP gelauscht, die Filippo Lombardi mit einer verwirrenden Erklärung abschliesst: Man werde eine der SVP-Kandidaturen berücksichtigen, «sofern diese bestehen bleiben». Nicht nur Magdalena Martullo-Blocher versteht nicht ganz, was Lombardi meint.

Egal, nun sind die Linken dran. Plötzlich liegt wieder Spannung im Saal. Erst SP-Fraktionspräsident Roger Nordmann, dann Balthasar Glättli, Fraktionschef der Grünen, halten leidenschaftliche Reden für die Rechtsstaatlichkeit und gegen einen SVP-Vertreter in der Regierung. Sie schliessen ohne Wahlempfehlung. Und vom einen auf den anderen Moment ist in diesem Hotelzimmer nicht nur Andrea Hämmerle davon überzeugt: «Sie führen etwas im Schilde … Etwas müssen die im Schilde führen. Sonst würden sie anders reden. Jetzt nimmt es mich wunder.» Doch ein Sprengkandidat? Einer aus der Mitte gar, nach diesem klaren Votum? Zwanzig Minuten Wartezeit. Dann: Popelige sechzehn Stimmen für die Walliser CVP-Nationalrätin Viola Amherd. Sie werden wohl von den Grünen kommen. Die SP scheint bereits im ersten Wahlgang geschlossen für Parmelin gestimmt zu haben. «Das ist ja peinlich», entfährt es Hämmerle. «Wer eine solche Ankündigung macht, muss etwas in der Hand haben. Man kann nicht so grosse Töne spucken, den SVP-Anspruch auf Regierungssitze komplett bestreiten und dann keine grosse Kiste bringen. – Das war jetzt schwach. Wirklich schwach.»

Die Nüchternheit macht sich wieder breit vor dem Fernseher im Swissôtel. Langsam beginnt Hämmerle, seine Sachen zusammenzupacken. Der Zug wartet. Und das weihnachtliche Essen mit den alten FraktionskollegInnen. Was wird Hämmerle ihnen nach dieser Bundesratswahl sagen? «Dass ich ihre Taktik nicht verstanden habe: Wenn man vorhat, Parmelin zu wählen, kann man auch dazu stehen: Da braucht es doch keine Verschleierungstaktik. Sondern ein Bekenntnis dazu, dass man sich widerwillig auf das kleinste Übel geeinigt hat.» Und Parmelin? «Keine Ahnung, wohin man den jetzt versorgen wird», sagt Hämmerle zum Abschied. Die Finanzen jedenfalls, «die wären eine Nummer zu gross».

Weiterer Artikel zu den Bundesratswahlen:
Bundesratswahlen: Rückkehr zum Irrtum

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