Nr. 15/2012 vom 12.04.2012

Ade, «New York Times» der Innerschweiz

Ein Vorzeigemodell hätte die «Obwalden und Nidwalden Zeitung» werden sollen. Für Dutzende Zeitungen nach demselben Muster. Dass es anders kam, habe am Konkurrenzdruck und am mangelnden Inserateabsatz gelegen, heisst es. Das ist nicht die ganze Wahrheit.

Von Susi Stühlinger

Nicht ohne Häme raschelte der Blätterwald, als Anfang März bekannt wurde, dass die «Obwalden und Nidwalden Zeitung» («ONZ») nach nur knapp zwei Jahren ihren Betrieb einstellt. Hinter vorgehaltener Hand wird dem Verleger Urs Gossweiler vorgeworfen, er habe das Projekt höchstselbst an die Wand gefahren, mitunter mit einem Alfa Romeo im Wert von 50 000 Franken.

Doch beginnen wir vorn. In Nidwalden und Obwalden ist man in den ausgehenden Nullerjahren sehr unglücklich über die Mediensituation. Die Regionalausgaben der «Neuen Luzerner Zeitung» sind über die Jahre kontinuierlich geschrumpft, diejenige für Obwalden hatte sie gänzlich eingestellt. So schickt man sich an, eine eigene Zeitung zu realisieren. Die Suche nach einem geeigneten Konzept führt einen Obwaldner Unternehmer über den Brünig nach Interlaken. Dort leitet Urs Gossweiler, Spross einer hundertjährigen Verlegerdynastie, die schweizweit viel beachtete und gelobte «Jungfrau Zeitung». Das Konzept dieser sogenannten Mikrozeitung: zweimal wöchentlich eine Printausgabe mit ausschliesslich regionalen Meldungen und eine Website mit tagesaktuellen Regionews.

Dieses Modell möchte Urs Gossweiler über hundert Mal in der ganzen Schweiz und im angrenzenden Ausland verkaufen. Und die «ONZ» soll dafür das Beispiel werden, das Schule macht. Zwei Probenummern werden lanciert, die «ONZ» stösst auf Begeisterung, jeder, der in Ob- und Nidwalden etwas auf sich hält, kauft Aktien. Insgesamt beläuft sich das Aktienkapital auf drei Millionen Franken, wovon die Gossweiler Media AG selbst rund 250 000 Franken einschiesst. So ganz gratis liefert Urs Gossweiler den InnerschweizerInnen sein pfannenfertiges Modell Mikrozeitung allerdings nicht – er verlangt für die ersten drei Jahre Laufzeit eine Lizenzgebühr von insgesamt 750 000 Franken in drei Tranchen. Nach zwei Jahren soll das Aktienkapital von drei Millionen Franken für die Lancierung aufgebraucht und das Projekt selbsttragend sein. Für Urs Gossweiler lukrativ: Für die Investition einer Viertelmillion steht eine halbe Million Gewinn in Aussicht.

«Ein wirklich trauriger Moment»

Mitte April 2010 wird in den gesichtslosen Hallen eines neuen Gewerbehauses in Alpnach die «ONZ» geboren. Bei Häppchen und Wein aus dem Weinberg des Chefredaktors Francesco Welti gibt Geburtshelfer und Götti Urs Gossweiler den wortgewaltigen Motivator. Auf das Flipchart kritzelt er ein Kästchen und betitelt es mit «New York Times». «Sie informiert die ganze Welt», ruft er in die Runde. Dann zieht er einen Strich senkrecht hinunter und malt ein nächstes Kästchen, kritzelt «NZZ» hinein. «Und sie informiert die ganze Schweiz.» In das dritte Kästchen malt er triumphierend «ONZ». «Und sie informiert die Region.» Einige der künftigen sechzehn RedaktorInnen sind auch da. Ihnen verspricht Gossweiler: «Ihr müsst es einfach wissen: Alle anderen Journalisten werden euch beneiden. Denn ihr dürft nicht bloss schreiben und fotografieren, sondern auch noch Web-TV machen. Das darf sonst niemand!» Um gleich noch anzufügen, dass man von den JournalistInnen auch aktive Mithilfe im Aboverkauf erwarte. Dann kräht er mit rudernden Armen: «Und jetzt go, go, go!»

Keine zwei Jahre später sitzt Urs Gossweiler mit hängenden Schultern vor dem versammelten Team und sagt: «Ich bitte euch, gleich anschliessend eure Kündigung zu unterschreiben. Es macht nichts, wenn sie von Tränen benetzt wird. Denn es ist ein wirklich trauriger Moment.» Was war geschehen?

Erstens war die Konkurrenz nicht untätig geblieben: Kaum war die «ONZ» lanciert, schickte sich die «Neue Luzerner Zeitung» («NLZ») an, die eingeschlafenen Regionalausgaben neu zu beleben, die «Neue Nidwaldner Zeitung» und die «Neue Obwaldner Zeitung» erschienen neu mit einem achtseitigen Regionalteil. Der Vorteil der «NLZ»: Während die «ONZ» fast ausschliesslich NachwuchsjournalistInnen mit wenig Erfahrung einstellte, konnte die «NLZ» auf altgediente RedaktorInnen im Ruhestand zurückgreifen.

Später verbündete sich die «NLZ»-Anzeigenabteilung mit den lokalen Gratiszeitungen und stellte die InserentInnen vor die Wahl: entweder wir oder die «ONZ». Man habe die Konkurrenz auf dem Anzeigenmarkt unterschätzt, sagt Gossweiler, aber darüber wolle er sich nicht beklagen, «das ist der freie Markt». Andererseits müsse er sich auch eingestehen, dass die «ONZ» beim Anzeigenverkauf offenbar versagt habe. Publizistisch habe das Produkt jedoch absolut überzeugt: «Für mein Team lege ich die Hand ins Feuer.»

Ein Alfa Romeo und fünf Flat Screens

Mehrere ehemalige Redaktionsmitglieder sind indes der Auffassung, dass das Projekt nicht nur am Ausbleiben der Inserate gescheitert ist. Erst einmal erfreute sich der von Gossweiler eingesetzte Chefredaktor Francesco Welti nicht gerade grosser Beliebtheit: Als «willkürliche und chaotische Misswirtschaft» bezeichnet ein Ex-«ONZ»-Redaktionsmitglied Weltis Redaktionsorganisation. Der Chefredaktor habe es kaum fertiggebracht, weiter als einen halben Tag vorauszuplanen, Doppelspurigkeiten waren an der Tagesordnung. Die Redaktion mobbte den ungeliebten Chef hinaus, ein unerfahrener Nachwuchsjournalist rückte nach – worauf die ohnehin schon dünn gesäte kritische, pointierte Berichterstattung zum Erliegen kam.

Das, so sagt ein Redaktionsmitglied, hätte sich mit der Zeit und mit wachsender Erfahrung des Teams bestimmt verbessert – doch so weit kam es nicht. Die AbonnentInnenzahl stagnierte bei 3000, obwohl es gemäss Businessplan schon bald 4000 hätten sein sollen, und die drei Millionen Aktienkapital schmolzen dahin. Urs Gossweiler kam zuweilen vorbei, um der Mannschaft Mut zu machen. Dabei haute er mit der Faust auf den Tisch und klopfte Sprüche wie: «Wer macht denn schon so eine supertolle Zeitung wie wir?» Die Redaktionsmitglieder empfanden diese Motivationsbesuche allerdings als wenig motivierend – im Gegenteil.

Erschwerend kam hinzu, dass Gossweilers System Mikrozeitung keine Änderungen ohne Koordination mit der «Jungfrau Zeitung» zuliess. Das sei, so Gossweiler, «strategisch wichtig für nationale Werbekunden» – sprich für die potenziellen Kunden der hundert weiteren erträumten Mikrozeitungen. Ob sie wohl auch so luxuriös ausgestattet worden wären wie die «ONZ»? Im Büro mit Newsroom-Kolorit, erzählen ehemalige MitarbeiterInnen, seien fünf LED-Fernseher im Wert von je 2000 Franken den ganzen Tag gelaufen, für seinen Chefredaktor kaufte Urs Gossweiler bei einem potenziellen Inserenten einen Alfa Romeo für über 50 000 Franken.

Sich selbst zahlte Gossweiler immerhin nicht die ganze Lizenzsumme von 750 000 Franken aus, sondern lediglich die erste Tranche von 250 000  Franken. Ein Nullsummenspiel also für die Gossweiler Media AG, rechnet man das Investment von knapp 250 000 Franken mit ein – Imageverlust nicht eingeschlossen.

Luzerner Medien

Das Monopol soll mit einer neuen Zeitung geknackt werden

In Luzern kursiert ein Witz: Im Bus treffen sich zwei Bekannte. «Endlich habe ich die ‹Neue Luzerner Zeitung› abbestellt», sagt der eine. «Das wollte ich auch schon lange», erwidert der andere, «wenn nur nicht die Todesanzeigen im Blatt wären.»

Der Witz ist nicht das einzige Anzeichen dafür, dass in Luzern – ja sogar in der ganzen Innerschweiz – viele LeserInnen unzufrieden sind mit dem Monopolblatt «Neue Luzerner Zeitung» («NLZ») und seinen regionalen Ablegern. Einzige Ausnahme ist der Kanton Schwyz, wo mit dem «Boten der Urschweiz» eine Alternative vorhanden ist.

Im Frühjahr 2010 gründeten einige der Unzufriedenen den Verein «Medien.Meinungen.Vielfalt» (M.M.V.). Sie machen keinen Hehl daraus, worum es ihnen geht: das regionale Monopol aufbrechen. Bereits ab Sommer 2012 soll eine momentan noch namenlose Onlinezeitung erscheinen – finanziert über Mitgliederbeiträge und Spenden. Diese soll «An- und Aussichten, Hintergründe und Analysen liefern, weil sie anderswo nicht zu lesen sind». Für die Realisation ist übrigens das Medienberatungsunternehmen Bachmann Medien AG zuständig, das in Basel letztes Jahr erfolgreich die «TagesWoche» lanciert hat.

Auf Facebook existiert seit vergangenem November die Gruppe «Wir wollen eine neue Luzerner Zeitung» – 350 Personen sind der Gruppe bisher beigetreten. Lanciert hat sie Jean-Pascal Ammann, ein Bauingenieurstudent aus Emmenbrücke: «Die ‹NLZ› ist hier völlig konkurrenzlos, was sich sehr negativ auf die Qualität der Berichterstattung niederschlägt. Immer wieder passieren peinliche Fehler. Vor Ort recherchierte, gut erzählte Geschichten sind selten.» Die Kritik an der «NLZ» ziehe sich übrigens quer durch alle politischen Parteien hindurch, sagt Ammann, der Mitglied der Jungen CVP Luzern ist: «Das zeigt: Es geht nicht um die politische Ausrichtung der Zeitung, sondern um den fehlenden Inhalt.»

Thomas Bornhauser, Chefredaktor der «NLZ», nimmt die Kritik ernst, plädiert aber für «Gelassenheit im Umgang mit interessengetriebener Kritik». «Im Vergleich mit Deutschschweizer Tageszeitungen sind unsere beglaubigten Leserzahlen langfristig stabiler.» So schlecht könne die journalistische Qualität also nicht sein. «Eine lebendige Zeitung ist nicht einfach lieb, sondern sie pflegt auch Kontroversen und Kritik. Und das löst seinerseits unweigerlich Kritik aus», erklärt er.

Die aktuelle Monopolstellung der «NLZ» und ihrer fünf Regionalausgaben in der Innerschweiz ist die Konsequenz einer Fusionswelle in den neunziger Jahren. Noch 1990 kamen in Luzern drei verschiedene Zeitungen heraus: das katholisch-konservative «Vaterland», das liberale «Luzerner Tagblatt» und die parteiunabhängigen «Luzerner Neusten Nachrichten». Fünf Jahre später gab es noch eine: die «Neue Luzerner Zeitung». Das Monopolblatt gehört mittlerweile zur LZ Medien Holding AG, die neben der «NLZ» auch Radio Pilatus und Tele 1 umfasst. Die Holding ist wiederum Teil der NZZ-Mediengruppe.
Jan Jirát

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