Regionalmedien in Luzern : Die Analysen machen Mut

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In der Zentralschweiz startet ein neues Onlinejournal. Die grüne Kantonsrätin Heidi Rebsamen ist überzeugt, dass das nüchterne Schreibtischprojekt ein demokratischer Erfolg wird.

Heidi Rebsamen (51), Präsidentin des Trägervereins «Medien.Meinungen.Vielfalt»: «Die ‹Neue Luzerner Zeitung› liefert seit Jahren Einheitsbrei. Luzern braucht Medienvielfalt.»

Heidi Rebsamen nimmt die «Neue Luzerner Zeitung» («NLZ») aus ihrer Tasche, blättert kurz darin und schüttelt den Kopf. Die grüne Kantonsrätin findet die bürgerlich-konservative Monopolzeitung in wichtigen Themen wie der Steuerpolitik oder der Raumplanung einseitig und oberflächlich. Die «NLZ», sagt Rebsamen, reihe Meinungen aneinander, ohne diese einzuordnen, «sie liefert seit Jahren einen Einheitsbrei. Luzern braucht Medienvielfalt», meint die Frau, die sich selbst als «Demokratiefan» bezeichnet.

Rebsamen sitzt mit sonnengebräuntem Gesicht in der Meridiani-Bar in Luzern. Gerade kam sie aus ihren Ferien zurück. Nun erzählt die Sozialwissenschaftlerin, die als Geschäftsleiterin des Aargauer Mieterverbands arbeitet, von ihrem Projekt: einem Onlinejournal für die Zentralschweiz, das am Donnerstag dieser Woche startet. Seit sich die «Luzerner Zeitung» vor sechzehn Jahren mit den «Luzerner Neusten Nachrichten» zusammenschloss, ist es in der Region vorbei mit Medienvielfalt. Hie und da gab es Versuche, das Medienmonopol zu bekämpfen. Alle scheiterten, zuletzt die «Obwalden und Nidwalden Zeitung».

Lachend erinnert sich Rebsamen an den Abend vor zwei Jahren, als man sie fragte, ob sie Präsidentin des Vereins «Medien.Meinungen.Vielfalt.» (M.M.V.) werden wollte. Bedenkzeit brauchte sie keine. Sofort übernahm sie die Leitung eines Projekts, dessen Planung dann doch etwas länger brauchte. Mit etwas leiserer Stimme erzählt sie, dass man Chancen und Risiken abwog und Analysen in Auftrag gab. 300 000 Franken hat die Organisation bis dato für Marktanalysen gezahlt.

Links, ohne links zu sein

Die Analysen ergaben: Ein linkes Zeitungsprojekt hat in der Zentralschweiz nur eine Chance, wenn es nicht links ist. Im Kanton Luzern kommt die Linke auf einen Wähleranteil von unter zwanzig Prozent. Für Rebsamen ist eine breite politische Abstützung ihres Projekts deshalb wichtig. «Mir ist es ein Anliegen, im Vorstand bald auch eine SVP-Politikerin zu haben», sagt Rebsamen, die in ihrer Jugend Mitglied der nonkonformistischen Poch war.

«Rendez-vous am Mittag», «Spiegel Online», «Rundschau» und «Eco» – Rebsamen konsumiert oft Medien. Abonniert hat sie die «Aargauer Zeitung» und den «Tagesanzeiger». In den Ferien liest sie «Die Zeit». Sie liebt Zeitungen. Gerne hält sie sie in den Händen, mag das Knistern. Doch sie weiss, und das hat die Marktanalyse bestätigt, dass sich die Jungen online informieren. Das neue Medium soll deshalb ein Internetportal werden, das spare Produktionskosten. «In fünf Jahren wollen wir den Break-even schaffen», sagt Rebsamen.

Bald mit Bezahlschranke

Sie kneift die Augen zusammen. Während sie vor ihrem geistigen Auge ein Dokument durchblättert, sagt sie: «Ein Drittel, ein Drittel, ein Drittel.» Mittelfristig, so steht es im Businessplan des Projekts, soll das Journal jeweils gleich viel mit Abos, Werbung und Sponsoring verdienen. In einem ersten Schritt können die ZentralschweizerInnen die Inhalte gratis anschauen. Danach, sobald die Onlineseite bekannt ist, führt M.M.V. eine Bezahlschranke ein.

Das Startkapital für das Projekt hat Nick Mijnssen, Erbe des Zuger Industriekonzerns Landis und Gyr, zur Verfügung gestellt. Dieser sei kein Tito Tettamanti mit umgekehrten Vorzeichen, sagt Rebsamen mit Verweis auf den Financier von rechtskonservativen Medienprojekten, «die Finanzierung bei M.M.V. ist transparent.» Auch seien Trägerverein und Redaktion klar voneinander getrennt. Die Aufgabe des Vereins sei es, dafür zu sorgen, dass das Projekt politisch und finanziell breit abgestützt ist. Weder Mijnssen noch sie können auf den Inhalt des Onlineangebots Einfluss nehmen. Für den Inhalt sei die Redaktion da. Vorerst gibt es vier Redaktionsstellen. Koredaktionsleiterin ist Yvonne Anliker, die vorher für die «Neue Zuger Zeitung», eine Regionalausgabe der «NLZ», schrieb. Rebsamen sieht darin weder einen Vor- noch einen Nachteil. Mit Anliker hätten sie eine gute Journalistin, die sich in der Zentralschweiz auskenne.

In Basel erscheint die «Tageswoche», online und gedruckt. In Bern gibt es neu die Internetzeitung «Journal B». Beide werden von Roche-Erbin Beatrice Oeri als Mäzenin unterstützt. Jetzt «MMV Online» in Luzern: In der Schweiz wird mit dem Geld von spendierfreudigen ErbInnen die Regionalmedienszene aufgemischt. «Die ‹NLZ› konkurrieren können wir wohl nicht», sagt Rebsamen. Dafür hätten sie dann doch zu wenige Mittel. Dass das Bedürfnis nach einer Alternative gross ist, zeigt Facebook: Kurz vor der Lancierung des neuen Onlinejournals zählt die Facebook-Seite «Weniger ‹NLZ›» mehr Fans als jene der «NLZ» selbst.

www.mmv-online.ch