Nr. 19/2012 vom 10.05.2012

Schreiben in die Wanderdüne

Gedichte des mexikanischen Dichters José Emilio Pacheco sind nun in einer repräsentativen Auswahl zu lesen.

Von Valentin Schönherr

Pacheco (geboren 1939) ist der populärste Lyriker Mexikos. Tritt er auf, so kommen Hunderte, sie sind jung und können seine Texte auswendig. «Hochverrat», eines seiner bekanntesten Gedichte, beginnt mit der Zeile: «Ich liebe meine Heimat nicht.» Pacheco schiebt darin den dogmatischen Nationalismus beiseite – und bietet Alternativen.

Das Gedicht eröffnet auch die neue Pacheco-Ausgabe aus der Edition Delta. Eine repräsentative Auswahl aus mehreren Jahrzehnten zeigt einen Lyriker, dem Verständlichkeit ein zentrales Anliegen war. Pacheco schreibt nie experimentell und selten rätselhaft; wenn er dunkel ist, dann im Schmerz oder im Angesicht des Todes. Innerhalb dieser Grenzen aber ist Pacheco überaus vielfältig. Vom epigrammatischen Kurzgedicht bis zum umfangreichen Zyklus ist alles vorhanden, metrisch strenge Gedichte stehen neben freien Versen und Prosapassagen, und die bewundernde, ironisierende oder ablehnende Auseinandersetzung mit poetischen Vorbildern findet ihren Platz neben den politischen Reflexionen eines wachen Zeitgenossen.

Die Übersetzung lässt formale und klangliche Elemente weitgehend beiseite und setzt auf die Wirkung der einzelnen Worte. So klingen die Sätze mitunter, als wären sie Prosa. Wer kein Spanisch versteht, lernt Pacheco deshalb als einen ausgesprochen unmelodiösen Lyriker kennen, der er nicht ist. Und um manche Stellen ist es einfach schade: «Escribo en la arena errante / la palabra del no volver» ist ein klangvoller Achtsilber. Wenn es heisst: «Ich schreibe in die Wanderdüne / das Wort der Nichtwiederkehr», ist davon nur in der ersten Zeile etwas zu spüren.

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