Nr. 16/2016 vom 21.04.2016

Den Berg abtragen

In ihrem starken Debüt «Die Pürin» erzählt Noëmi Lerch vom Werden, Sein und Vergehen.

Von Anna Wegelin

Das Dorf mit dem schepsen Kirchturm, darum herum der dunkle Wald und darüber die steilen, brüchigen Bergwände: Sie bilden den äusseren Rahmen für den Lauf der Dinge und des Daseins in Noëmi Lerchs Debüt, dem Prosaband «Die Pürin». Die 1987 geborene Autorin hat am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel studiert und lebt und arbeitet saisonal auf einem Hof in Graubünden.

In behutsamer, aber taufrischer Sprache erschafft sie einen kleinen Schöpfungsbericht über Werden, Sein und Vergehen. Die «Pürin» ist die erste Frau im Tal, die den Beruf der Bäuerin erlernt hat. Mit ihr schaut die namenlose Ich-Erzählerin, ihre «Gehilfin», nach den Kühen, mäht das Gras und baut den Miststock. Die beiden Frauen sind ein eingespieltes Team. Doch kommt und geht die Pürin, wie es ihr beliebt, und auch die Handvoll Menschen im Umfeld der Gehilfin sind launisch: Wenn sie abends in die verlassene Villa der Grosseltern zurückkehrt, singt ihre vom «anderen Ende der Welt» herkommende Grossmutter das Kosakenlied. Der Grossvater bietet ihr selbst gebrannten Quittenschnaps an – ob vermeintlich oder tatsächlich, bleibt in der Schwebe.

Dann ist da dieses «du», ihr nach Mann riechender Liebster, der sie zurückgelassen hat und sie dennoch ständig heimsucht: «In meinem Kopf hat es eine Kiste, da wohnst du. Wie gerne möchte ich dort das Licht löschen. Aber ich muss dich abtragen wie einen Berg.»

Was ist Erinnerung, was Einbildung und was wahr? Und warum kann es nicht anders sein? In kurzen Sequenzen, eine nach der anderen, folgen wir dem Ich durch den helllichten Tag und die suggestiven Träume bis hin zum Aufbruch, der ein Anfang sein kann: «Aber wenn schon verloren gehen, dann mit allem, was dazu gehört.» Einfach stark.

Die Autorin liest in Solothurn am Fr, 6. Mai 2016, um 15.30 Uhr, am Sa, 7. Mai 2016, um 14 Uhr und am So, 8. Mai 2016, um 15 Uhr.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch