Nr. 21/2012 vom 24.05.2012

Morbid und modern zugleich

Die russische Ostseeexklave Kaliningrad ist eine verlängerte Werkbank westlicher Firmen und ein Schmugglerparadies. Doch seit Jahren gibt es auch eine starke Bürgerbewegung, die immer wieder mit Erfolg gegen den Abbau von Sozialleistungen protestiert.

Von Ulrich Heyden, Jantarny

«Ich muss pünktlich sein», sagt Viktor Gorbunow. Der ehemalige Schweisser ist ein politischer Aktivist. Er eilt zu einer Kundgebung, mit der er und Gleichgesinnte die Wiedereröffnung von Kindergärten durchsetzen wollen. Seit Monaten steht jeden Freitag eine Gruppe von etwa dreissig Personen aus verschiedenen Oppositionsgruppen mit roten Fahnen und Plakaten vor dem Bürgermeisteramt in Kaliningrad.

Diese Art des zivilen Ungehorsams mit Dauerkundgebungen hat in der Stadt Tradition. Obwohl die Kundgebungen in der Innenstadt von der Polizei so gut wie nie erlaubt werden, versammeln sich die AktivistInnen immer wieder. Wadim Kasuchin, KP-Mitglied, ist das finanzielle Rückgrat der Aktionen. Schon 31 Mal habe er die Strafe für nichtangemeldete Kundgebungen in Höhe von umgerechnet dreissig Franken gezahlt, sagt der Betreiber von fünf Friseursalons in der Stadt. Seiner Schätzung nach gibt es in Kaliningrad einen Bedarf von 10 000 Kindergartenplätzen. Doch die Stadtverwaltung stelle jährlich nur 3000 Plätze zur Verfügung. Die geschlossenen Kindergärten, meist in schönen alten deutschen Bürgerhäusern untergebracht, verfallen derweil.

Kaliningrad ist heimelig-morbide, kühl und schroff zugleich. Vom Flughafen, der seit Jahren umgebaut wird, führt zunächst eine holprige Piste aus Betonplatten in Richtung Innenstadt. Dort herrscht ein quirliges Stadtleben um die riesigen Einkaufszentren. Jugendliche, die es sich leisten können, sitzen in Sushi-Bars, die Älteren in rustikalen Bierrestaurants altdeutschen Stils. Die sichtbaren Überreste des deutschen Lebens – heruntergekommene Villen, die graue Hebebrücke im Hafen und die Reste der Stadttore – stehen in rätselhaftem Kontrast zur modernen Innenstadt. Die Bevölkerung, die meist in nach dem Zweiten Weltkrieg gebauten, schäbigen Mehrfamilienhäusern lebt, liebt «das Deutsche» in ihrer Stadt; es gebe dem Ort etwas «Antikes».

Die Sorgen sind jedoch moderner Natur. Seit Anfang 2010 kommt es im Gebiet immer wieder zu grösseren Kundgebungen und anhaltenden Protesten gegen den Wirtschafts- und Sozialabbau sowie gegen die Korruption; die Aktionen machen landesweit Schlagzeilen. So organisierten im Januar 2010 oppositionelle Gruppen und Parteien eine Grosskundgebung mit 10 000 TeilnehmerInnen gegen die Erhöhung der Importzölle für Gebrauchtwagen und die Erhöhung der Kraftfahrzeugsteuer in der Stadt Kaliningrad. Vor der Erhöhung der Zölle lebten hier Tausende vom Handel mit Gebrauchtwagen aus Europa.

Es war die erste Kundgebung dieser Art in Russland, auf der nicht nur der Rücktritt des Gouverneurs Georgi Boos, sondern auch des damaligen Ministerpräsidenten Wladimir Putin gefordert wurde. Diese Protestwelle konnte der Kreml damals durch teilweises Entgegenkommen ausbremsen. Die Amtszeit des unbeliebten Boos, der in der Ostseeexklave einen marktradikalen Kurs durchzusetzen versuchte, wurde nicht verlängert. Und der neue Gouverneur Nikolai Zukanow vermeide «scharfe Worte» und bemühe sich um einen kooperativen Stil gegenüber der Protestbewegung, sagt Ludmila Seminskaja von der Oppositionsgruppe Solidarnost. Zukanow lade etwa VertreterInnen der Opposition zu Gesprächen mit Moskauer SpitzenbeamtInnen ein und mache kleine Zugeständnisse wie die Erhöhung der Sozialhilfe für alleinstehende Mütter. Zudem konnte die Schliessungswelle bei den Krankenhäusern gestoppt werden, sagt Seminskaja.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Anfang der neunziger Jahre wollten die russischen WirtschaftsreformerInnen die geostrategische Lage von Kaliningrad, dem ehemaligen Königsberg (vgl. «Von Königsberg zu Kaliningrad» im Anschluss an diesen Text), nutzen und die Stadt zu einem Hongkong Russlands umbauen. 1996 erhielt die Exklave den Status einer Sonderwirtschaftszone mit Zoll- und Steuervergünstigungen. In einigen ehemaligen Rüstungsbetrieben läuft nun die Endmontage von Autos und Fernsehern, deren Einzelteile aus dem Ausland geliefert werden – jeder dritte in Russland verkaufte Fernseher kommt heute aus Kaliningrad. Der Markt für westliche Konsumgüter in Russland ist riesig, die russischen Lohnkosten sind niedrig. Das einzige grössere Problem sind die Transitgebühren durch litauisches Gebiet in das russische Kernland.

Dennoch gelang das Vorhaben nur in Ansätzen. Die neuen Firmen konnten sich etablieren, aber sie brachten längst nicht so viele Arbeitsplätze, wie in diesem Gebiet mit seinen 430 000 EinwohnerInnen und den vielen arbeitslosen RüstungsarbeiterInnen nötig gewesen wären. In der Endmontage sind knapp über 7000 Personen beschäftigt. Und von der Herstellung auf dem Weltmarkt konkurrenzfähiger Konsumgüter ist Russland weit entfernt. Aber der Traum von einem internationalen Handelszentrum ist nicht ausgeträumt. So soll ein neuer Containerhafen gebaut werden. Und Ende 2011 setzte der damalige Präsident Dmitri Medwedew seine Unterschrift unter ein Vorhaben, das den Bau neuer Werften in russischen Hafenstädten vorsieht, was auch Kaliningrad betrifft.

Schmuggelware Bernstein

Derzeit floriert an der Küste allerdings eine ganz andere Industrie. Rund eine Fahrstunde von Kaliningrad entfernt liegt Jantarny, das bis 1946 Palmnicken hiess. Der Ort hat 5500 EinwohnerInnen und einen der schönsten Strände der russischen Exklave. Jantarny bedeutet auf Russisch Bernstein. Und rund um den Bernstein, der hier gewonnen wird, hat sich eine rege Schattenwirtschaft entwickelt. An Küchentischen und in Garagen gibt es Hunderte Werkstätten. In unterbezahlter Heimarbeit wird gebohrt, geschliffen und poliert. Und obwohl die private Gewinnung verboten ist, stehen Männer in Gummihosen und mit Käschern in den Wellen der Ostsee, um das «baltische Gold» aus dem Wasser zu fischen. Andere wiederum graben an Land mit Baggern und Pumpen nach dem fossilen Harz.

Schätzungsweise neunzig Prozent der Bevölkerung von Jantarny arbeiten im Bernsteinsektor, sagt Jelena Putinzewa, die selbst in Heimarbeit Löcher in kleine Bernsteine bohrt, die später zu Ketten aufgezogen werden. «Die meisten spezialisieren sich auf einen einzigen Arbeitsschritt», sagt Putinzewa. Die Mutter von drei erwachsenen Kindern lebt derzeit ohne Mann und hat ein wechselvolles Leben hinter sich. Von Beruf ist sie Stenografin. Anfang der achtziger Jahre diente sie als Obergefreite in der sowjetischen Armee in Afghanistan. Später bewachte sie eine militärische Anlage im Gebiet Kaliningrad. Heute verdient sie sich ihr Geld am Küchentisch. Für ein Kilogramm Bernsteine mit Löchern bekommt sie umgerechnet 45 Franken. Dafür muss sie zwei Tage arbeiten. Im Monat verdient sie so umgerechnet 615 Franken. Ihre chinesische Bohrmaschine pfeift mit bis zu 12 000 Umdrehungen in der Minute. Die Arbeitsbedingungen sind primitiv. Der Bohrstaub brennt auf der Haut. Eine Absauganlage gibt es hier nicht.

Offiziell wird Bernstein in Jantarny vom Unternehmen Bernsteinkombinat abgebaut. Direkt neben den Gebäuden der Firma fällt der Blick auf eine hunderte Meter breite Kuhle. Dort haben sich Bagger sechzig Meter tief in die blassblaue Tonerde gegraben. Diese Farbe ist typisch für Bernsteinlagerstätten. Noch an Ort und Stelle wird die Erde mit Hochdruckspritzen gewaschen und der Bernstein herausgelesen. Wachleute mit Hunden patrouillieren über das Gelände. Laut Berichten der Zeitung «Nowye Koljosa» wandern dennoch viele Steine direkt in die Taschen von MitarbeiterInnen.

Bernstein wird in Jantarny seit Ende des 19. Jahrhunderts zunächst im Bergbau, dann im Tagebau gewonnen. Mit dem Ertrag könnte das ganze Gebiet ein Auskommen haben. Immerhin lagern hier laut offiziellen Stellen neunzig Prozent der weltweiten Vorkommen. Doch das grosse Geschäft machen vor allem russische SchmugglerInnen und Firmen in den Nachbarländern Litauen und Polen. Dort hat sich in den letzten Jahren eine grosse Industrie für die Weiterverarbeitung von Bernstein etabliert. Nach Angaben von «Nowye Koljosa» werden jährlich 500 Tonnen Rohbernstein legal exportiert. Dazu kommen 130 Tonnen, von denen man weiss, dass sie als Schmuggelware über die Grenze gebracht werden – obwohl die tatsächlich geschmuggelte Menge schätzungsweise viermal so hoch ist.

Abgeluchste Kleingärten

Eine Schlüsselfigur beim Bernsteinexport ist Viktor Bogdan. Der ehemalige Polizist und Wachmann im Bernsteinkombinat sass wegen Verdachts auf Betrug ein Jahr im Gefängnis. Heute gehört ihm die Firma Amber-plus, die den Bernsteinmarkt in der Region und den Export beherrscht. Bogdan hat dem Bernsteinkombinat die Weiterverarbeitung abgeschwatzt. Das Kombinat habe kein Interesse an einer Veredelung des Rohbernsteins, da dieser Geschäftsbereich «nicht gewinnbringend» sei, wie ein Unternehmensvertreter kürzlich gegenüber den Medien erklärte.

Die meisten Weiterverarbeiter seien in den letzten Jahren entlassen worden, sagt Bergbauingenieur Wladimir Abramow. Während 1995 im Bernsteinkombinat noch 1800 Menschen tätig waren, sind es heute gerade mal halb so viele. Abramow arbeitet im Tagebau des Unternehmens und verdient dort rund 960 Franken im Monat. Weil das aber nicht reicht, um seine sechsköpfige Familie zu ernähren, hat er in seinem Haus eine grosse Werkstatt eingerichtet. Dort giesst er mit Hilfe seiner Kinder kleine Bernsteine in weissen Polyester und formt daraus Schmucksteine für Halsketten. Abramow ist wütend über die Regierungspolitik. Er glaubt, dass in Russland nur noch Rohstoffe exportiert, aber im Land selber kaum noch etwas produziert werde. «Putin bringt Russland um», sagt Abramow polternd.

Zumindest der Wille, dieser Tendenz entgegenzuwirken, scheint aber vorhanden zu sein. Das Bernsteinkombinat von Jantarny war nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion privatisiert worden und ging 2002 bankrott. Danach wurde es unter staatliche Verwaltung gestellt. Nun hat der Chef des russischen Rechnungshofs, Sergej Stepaschin, vorgeschlagen, das Unternehmen erneut zu privatisieren, es aber weiterhin unter staatlicher Aufsicht zu halten. Stepaschin verspricht sich davon mehr Effizienz und einen Wiederaufbau der Bernsteinweiterverarbeitung. Doch die AnwohnerInnen trauen dem nicht. Zu viel ist in den letzten Jahren versprochen und nicht eingehalten worden.

Jantarny ist ein gemütlicher Ort mit wunderbarem Meeresblick. Rechts und links der kaum befahrenen Hauptstrasse stehen fast ausschliesslich alte deutsche Häuser. Doch es wird zunehmend gebaut: sündhaft teure Hotels und Eigentumswohnungen für reiche MoskauerInnen. Alteingesessene AnwohnerInnen würden von den InvestorInnen gedrängt, ihre Kleingärten billig zu verkaufen, erzählt Ljudmila Snegowski, die mit ihrem Mann Jewgeni in einem kleinen Häuschen am Stadtrand lebt.

Um ihre Stadt vor SpekulantInnen und korrupten BeamtInnen zu schützen, wurden auch die BürgerInnen von Jantarny aktiv. Im Dezember 2010 demonstrierten 200 AnwohnerInnen vor dem mondänen Schlosshotel gegen den damaligen Bürgermeister Aleksandr Blinow, dem sie Veruntreuung von öffentlichen Geldern und Zusammenarbeit mit windigen Immobilienfirmen vorwarfen. Die Staatsanwaltschaft leitete daraufhin ein Ermittlungsverfahren ein; Blinow trat zurück. Der neue Bürgermeister Wladimir Serdjukow ist Mitglied der linksliberalen, leicht sozialdemokratischen Partei Gerechtes Russland. Bei den BürgerInnen ist er gut angesehen, hat er sich doch für den Schutz der KleingärtnerInnen eingesetzt.

Ljudmila Snegowski ist gegen die vielen Neubauten für reiche Leute und TouristInnen. Denn die Infrastruktur des Ortes sei nicht für einen Massenansturm angelegt. Sie zeigt auf eine riesige, trübe Pfütze in einem Buchenwald, nicht weit vom Schlosshotel. «Das sind Abwässer, die eigentlich direkt ins Meer fliessen sollten», sagt sie. Die Kläranlagen und die Abwasserrohre in den kleinen Orten im Gebiet Kaliningrad stammen noch aus deutschen Zeiten, sind also über siebzig Jahre alt und gehören längst ausgewechselt.

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