Nr. 21/2012 vom 24.05.2012

Keiner vertraut niemandem

Die Ethnologin Jeanette Erazo Heufelder beschreibt in einer grossen Reportage die Orte, die zu den bedeutenden Schlachtfeldern des mexikanischen Drogenkriegs zählen.

Von Wolf-Dieter Vogel

Gräber wie für Könige: Auf dem «Narco»-Friedhof Jardines del Humaya in Culiacán, Mexiko. Foto: Aus dem besprochenen Band

Mexiko, das Land der enthaupteten Körper, der hingerichteten Migranten, ermordeten Frauen und erhängten Journalistinnen: Fast jeder kennt eine grausame Meldung aus diesem Land, das längst zum Synonym für eine Gewalttätigkeit geworden ist, die kaum jemand mehr real nachvollziehen kann. JournalistInnen kolportieren ständig neue Opferzahlen, von denen sie selbst nicht wissen, ob diese auch nur annähernd der Wahrheit entsprechen – es sind Ziffern, hinter denen soziale Verhältnisse verschwinden. Nur wenige Berichte können vermitteln, wie es im Innern dieser Gesellschaft aussieht, in der organisierte Killer ungestraft Menschen ermorden, ganze Regionen kontrollieren und zu Vorbildern der nächsten Generation werden.

Die Ethnologin Jeanette Erazo Heufelder hat sich den Mikrokosmos dieser Gesellschaft angeschaut. Sie ist in jene Orte gegangen, in denen die Kartelle einst gross geworden sind und die heute zu den bedeutenden Schlachtfeldern des mexikanischen Drogenkriegs zählen: Culiacán, Ciudad Juárez, Badiraguato, Creel – Städte und Gemeinden im Nordwesten des Landes, in denen seit Jahrzehnten Opium und Marihuana hergestellt und von dort in die USA geschmuggelt werden.

Drogenballaden, Seifenopern

Ihre Reportagen erzählen von den Narcocorridos, jenen «blutigen Balladen», in denen Massenmörder wie der Sinaloa-Kartellboss Joaquín Chapo Guzmán geehrt werden und die sie in jedem Bus und sogar aus den Lautsprechern in der Gourmetabteilung einer Supermarktkette gehört hat. Oder von der Kapelle des Schutzheiligen der Organisation Jesus de Malverde, zu dessen Todestag BesucherInnen aus aller Welt in das heilige Gemäuer in Culiacán pilgern. «Wie Seifenopern», resümiert die Autorin, «scheinen die über die Drogenbosse verbreiteten Mythen und Legenden mit der Sehnsucht der Leute zu korrespondieren, der Lethargie ihres eigenen Alltags zu entfliehen.»

Vor allem aber berichtet Erazo Heufelder von den Menschen, die sie an diesen Orten getroffen hat. Zum Beispiel von jener alten Frau namens Rosalia, deren Familie seit Generationen Opium anbaut, die aber völlig nervös wird, wenn die Autorin mit ihr darüber sprechen will. Denn schon in ihrer Jugend musste sie erleben, wie Polizisten und Soldaten ins Dorf kamen, Felder niederbrannten und NachbarInnen verhafteten. Damals habe sie nicht gewusst, dass es sich bei Mohn um eine verbotene Pflanze handle. «Denn die gleichen Männer, die erklärten, dass die Pflanze schlecht sei, zwangen sie dazu, die schlechte Pflanze anzupflanzen.»

Daran hat sich bis heute nichts verändert: Wer gerade für wen arbeitet, ob der örtliche Bürgermeister von Chapo Guzmán sein Geld kassiert oder der Polizeichef der Kreisstadt dem Juárez-Kartell hörig ist, erfahren viele nicht – auch dann nicht, nachdem ihre Angehörigen bei einem Schusswechsel der Killer getötet wurden. Und ebenso wie die Söldner der organisierten Kriminalität treten auch Bundespolizisten bei ihren Einsätzen so auf, dass keiner sie erkennt: Ihre Fahrzeuge tragen keine Nummernschilder, ihre Gesichter sind vermummt.

Gut oder schlecht, richtig oder falsch, legal oder kriminell? In einer Atmosphäre der Angst und Gesetzlosigkeit, in einem Land, in dem selbst der Präsident die Hälfte seiner Polizisten für korrupt hält, verschwindet jeder Massstab für das menschliche Miteinander. Keiner vertraut keinem. Niemand kommt auf die Idee, als Zeuge zur Polizei zu gehen. Schliesslich könnte der Beamte, dem er einen Mord melden will, für jene arbeiten, die für die Tat verantwortlich sind. Von allen Problemen sei die Polizei das grösste, zitiert die Autorin eine Ticketverkäuferin im Mormonenstädtchen Lebaron.

Selbstjustiz als letzter Ausweg

Trotz der kritischen Haltung gegenüber Beamten und Sicherheitskräften, die Erazo Heufelder immer wieder von ihren GesprächspartnerInnen zu hören bekommt, verfällt die Ethnologin nicht in eine Romantisierung der Drogenbanden – auch wenn die Kriminellen einem unfähigen Staat die Stirn bieten oder für eine Basisversorgung der Bevölkerung sorgen. Im Gegenteil: «Wir müssen mit den Narcos paktieren», habe sie so oft gehört, «damit sie uns wenigstens das Leben lassen.» Nüchtern beschreibt sie eine Gesellschaft, in der Kinder als Berufswunsch «Drogenboss» angeben und den MitschülerInnen drohen, ihr Vater sei für das Zeta-Kartell tätig. «Die heutigen Helden mit ihren Schnauzern und Cowboyhüten ahmen nicht mehr Pancho Villa oder Emiliano Zapato nach, sondern die Killermaschinen der Mafia», bilanziert sie mit Blick auf die historisch bedeutenden männlichen Vorbilder, die für die Inszenierung mexikanischer Identität eine so grosse Rolle spielen.

Es ist eine traurige, perspektivlos erscheinende Wirklichkeit, die Erazo Heufelder darstellt. Sie berichtet von einer traumatisierten Bevölkerung und verzweifelten DorfbewohnerInnen, die angesichts der Straflosigkeit nach Selbstjustiz trachten: «Gebt uns Waffen! Damit wir uns verteidigen können.» Nur wenige, mit denen sie gesprochen hat, stellen sich gegen die allgegenwärtige Angst. Oft sind es Leute, die Angehörige verloren haben oder einen Weg suchen, an diesen Verhältnissen nicht zugrunde zu gehen. Dass es diese Menschen gibt, ist die einzig gute Nachricht aus dem «Drogenkorridor Mexiko».

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