Nr. 21/2012 vom 24.05.2012

Im Ausnahmezustand

Zum 70. Geburtstag von Lothar Baier.

Von Stefan Keller

Im Sommer 2004 starb in Montreal der deutsche Journalist, Übersetzer und Schriftsteller Lothar Baier, der zwanzig Jahre lang auch für die WOZ gearbeitet hatte. Am Mittwoch, den 16. Mai 2012, versammelten sich in Frankfurt am Main einige Dutzend meist ältere Damen und Herren, um seinen 70. Geburtstag zu feiern. Sie hörten Texte Baiers, lasen selbst welche vor, teilten Erinnerungen an den gemeinsamen Freund, tranken Wein und Bier, assen Brezeln.

Es war der Abend vor Auffahrt oder Himmelfahrt, wie das in Deutschland heisst. Die Frankfurter Innenstadt war weiträumig mit Polizeiketten abgesperrt. Fünftausend Beamte sollen laut Presseberichten im Einsatz gewesen sein, um angekündigte Proteste gegen den Kapitalismus zu verhindern. Auf den Zufahrtsstrassen des Finanzbezirks fuhren Tränengaskanonen auf, an den Autobahnen der Region wurden Busse gestoppt, potenzielle DemonstrantInnen herausgeholt und mit Aufenthaltsverboten belegt. In Frankfurt herrschte polizeilicher Ausnahmezustand.

Zur Geburtstagsfeier für Baier hatte Detlev Claussen eingeladen, Soziologieprofessor und Autor bekannter Bücher. Ans Mikrofon traten ausser ihm ein Filmemacher, mehrere VerlegerInnen (Berenberg, Kunstmann, Wunderhorn), Journalisten- und Schriftstellerkollegen, Baiers Schwester Ursula Schlüter und ein Schauspieler, der einen Abschnitt aus dem Roman «Jahresfrist» (1985) des Gefeierten vortrug. Lang wäre die Liste der Abwesenden, doch einige Freunde Baiers, die ebenfalls verstorben sind, wurden in Erinnerung gerufen: der Germanist Heinz Ludwig Arnold, mit dem er die Zeitschrift «text + kritik» gegründet hatte; der Journalist Niklaus Meienberg, der ihn zur WOZ nach Zürich brachte; der Psychoanalytiker Paul Parin, mit dem ihn ein intensiver Briefwechsel verband und der Baier später in einem WOZ-Nachruf als «Meister» bezeichnete.

Der riesige Polizeiaufmarsch zum Geburtstag hätte den Jubilar wohl belustigt, vielleicht an andere Aufmärsche erinnert, über deren gesellschaftliche Hintergründe er unablässig schrieb: Geboren 1942 in Karlsruhe, mitten im Krieg, geprägt von frühen Frankreichaufenthalten und von der 68er-Bewegung, war Lothar Baier zunächst als Literaturkritiker erfolgreich und galt – etwa mit dem Buch «Französische Zustände» (1982) – als der versierteste Frankreichkenner im deutschsprachigen Raum. Er publizierte über historische und geschichtspolitische Themen, über die Ausrottung der Katharer im Spätmittelalter, die Vernichtung der Juden im 20. Jahrhundert. Über Kriegsverbrecher und Résistance. Er analysierte die Nouvelle Philosophie, die er spöttisch «Franzosentheorie» nannte, und ihre Abwendung von der Linken; die Verwandlung des Nachbarlandes in eine «Firma Frankreich» ausgerechnet unter dem sozialistischen Präsidenten François Mitterrand. Für die WOZ betreute Baier von 1998 bis 2003 das Ressort «Gesellschaft» als Redaktor, während er weiterhin Bücher verfasste. Ein informierter, streitbarer Redaktor, ein verbindlicher Ratgeber in jeder Diskussion. Ein freundlicher, unglaublich belesener Mensch.

Vielleicht hätten die Umstände seines 70. Geburtstags dem Jubilar auch auf die Seele geschlagen. Lothar Baier litt in den letzten Jahren an schweren Depressionen. Er lebte selbst im Ausnahmezustand. Polizeiaufmärsche und ausser Kraft gesetzte Bürgerrechte hätten da gerade noch gefehlt. Von den Gästen der Feier, die durch Strassensperren nach Hause gingen, wurde dem Vernehmen nach niemand verhaftet.

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