Nr. 22/2012 vom 31.05.2012

Ballettkrimi

Von Silvia SüessMail an AutorIn

Eine Frau tanzt durch den Wald, Krähen schreien. Plötzlich erklingt eine elektrische Gitarre, ein Schlagzeug setzt ein, und eine heisere Männerstimme singt in Moll: «Anneli, wo bisch geschter gsi?» Dann folgt der Vorspann des Films: Die Kamera fährt zur Musik über ein Papier, auf dem Skizzen zu sehen sind von Räumen, Kleidern und Noten, rhythmisiert erscheinen die Namen der Mitwirkenden über dem Papier.

Steve Walkers Dokumentarfilm «Buebe gö z’Tanz» beginnt wie ein Krimi, und er ist tatsächlich auch fast einer – obwohl der Plot gar nicht danach tönt: Zwei Tänzerinnen des Stadttheaters Bern bekommen die Möglichkeit, selber eine Aufführung zu choreografieren. Sie fragen die Berner Band Kummerbuben an, ob sie ihren Auftritt live begleiten würde. Die sechs Männer der Rumpelpolkaband, die traditionelle Schweizer Lieder völlig neu interpretiert, sagen zu, obwohl sie mit Ballett gar nichts am Hut haben. Zwei völlig unterschiedliche (Arbeits-)Welten prallen aufeinander, alle Beteiligten sind gefordert.

Dass er ein guter Geschichtenerzähler ist, hat Steve Walker bereits mit seinem Diplomfilm «Aschenbrüder» (2006 mit Markus Heiniger) bewiesen, einem Kurzspielfilm, den er an der Zürcher Filmschule realisiert hat. Und auch in seinem Dokumentarfilm zeigt er ein bemerkenswertes Händchen für Dramaturgie. Gekonnt montiert er Aufnahmen von hart arbeitenden, schwitzenden, sich am Boden wälzenden TänzerInnen mit Szenen aus dem Bandraumkeller, wo die sechs Jungs plaudernd Bierdosen zusammenräumen.

Walker begleitet die ProtagonistInnen von Anfang bis Ende des Projekts, und als Zuschauerin leidet und bangt man mit den Beteiligten. Denn fast bis am Ende ist nicht klar, ob das Projekt zustande kommt: Da gibts einen Zusammenbruch, einen Geburtstermin, der mit dem Auftrittsdatum kollidiert, einen Bandaustritt – die Spannung, die sich durch den ganzen Film zieht, steht jener, die ein guter Krimi haben muss, in nichts nach.

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