Nr. 22/2012 vom 31.05.2012

«Hier kriegt uns niemand weg»

Keine spanische Region leidet so sehr unter der Wirtschaftskrise wie das agrarisch geprägte Andalusien. Nun helfen sich dort LandarbeiterInnen selbst.

Von Dorothea Wuhrer (Text und Foto), Finca Somonte

«Volkseigentum», «Landrevolution» und die Kürzel der Gewerkschaften: Rund drei Dutzend TagelöhnerInnen besetzen seit dem 4. März die Finca Somonte.

Kein Wald, kein Olivenhain, keine Zitrusfrüchte, keine Tiere. Auf dem Weg zum Landgut Somonte sieht man fast nur weite, brachliegende Felder; Menschen sind nicht zu entdecken. Das Thermometer zeigt um 10 Uhr morgens schon über dreissig Grad an – das ist im Mai ungewöhnlich heiss, selbst hier in der «Bratpfanne Andalusiens», wie die Gegend von den Einheimischen genannt wird.

Nichts an der Landstrasse von La Campana nach Palma del Rio deutet darauf hin, dass hier – zwischen den zwei andalusischen Städten Sevilla und Córdoba – seit drei Monaten um fast 400 Hektaren Land und den dazugehörenden Gutshof gekämpft wird. Weit und breit keine LandarbeiterInnen, keine Polizei, keine Verteidigungsposten. Doch dann entdecke ich an einem grossen Strassenschild der Regionalregierung einen kleinen Hinweis, dass es auf einem Feldweg zur Finca Somonte geht.

Nach zwei Kilometern auf dem staubigen Weg wird sichtbar, dass hier kein normaler landwirtschaftlicher Betrieb steht: Am Eingang zum umzäunten Hof flattern zwei grosse andalusische Fahnen, von den Dächern der drei Gebäude hängen die rot-gelb-violette Flagge der Zweiten Spanischen Republik sowie mehrere rote Fahnen mit dem Bild von Che Guevara. Eine Handvoll Leute schraubt an einem Auto herum, fegt den Hof oder arbeitet in einem kleinen Gemüsegarten. Auf der Rückseite eines der Häuser sind weitere Personen aktiv, darunter Lola Álvarez. Die 44-jährige Andalusierin ist die regionale Verantwortliche der andalusischen Landarbeitergewerkschaft Sindicato de Obreros del Campo (SOC).

Die Besetzung

Die Geschichte beginnt im April 1983. Damals enteignete die in Andalusien regierende Arbeiterpartei PSOE das seinerzeit noch 600 Hektaren grosse Landgut. Dessen Grossgrundbesitzer habe das Land nicht bewirtschaftet, argumentierte die PSOE, die 1982 auch die spanische Zentralregierung übernommen hatte. Danach wurde die Finca immer wieder verpachtet. Im vergangenen September jedoch (die Staats- und Gemeindekassen waren inzwischen leer) beschloss die Junta de Andalucía, die andalusische Regionalregierung, 387 Hektaren Land und den Hof zu verkaufen. Die Behörden legten einen Versteigerungspreis von knapp 5,1 Millionen Euro fest, kündigten aber im Fall weiterer Versteigerungsrunden Preisnachlässe von jeweils zehn Prozent an. «Wer aber hat in einer schweren Wirtschaftskrise so viel Geld?», fragt Álvarez und gibt die Antwort gleich selbst: «Nur Banken, Finanzinvestoren oder GrossgrundbesitzerInnen.»

Aber selbst die zeigten kein Interesse am fruchtbaren Land, zumal die Umwandlung von traditioneller zu ökologischer Bewirtschaftung Grundbedingung für den Zuschlag war. Als die Regionalregierung für den 5. März eine zweite Versteigerung ankündigte und den Ausgangspreis gleich um sechzig Prozent senkte, traf die SOC eine Entscheidung: Am 4. März besetzten rund 500 TagelöhnerInnen und Gewerkschaftsmitglieder die Finca.

«Wir wollen das Land nicht kaufen oder eine Agrargenossenschaft mit Lohnabhängigen schaffen», sagt Lola Álvarez: «Somonte soll vielmehr eine Kooperative für die Arbeitslosen in dieser Gegend werden.» Davon gibt es hier viele. Über 33 Prozent der erwerbsfähigen AndalusierInnen sind derzeit ohne bezahlte Arbeit, unter der Landbevölkerung erreicht die Quote mehr als 40 Prozent. Trotz miserabler Bedingungen sind daher inzwischen selbst Tagelöhnerjobs begehrt. 36 Euro netto bekommt man für 6,5 Stunden Arbeit – wer auf 35 Tagelöhne im Jahr kommt, hat danach maximal sechs Monate lang Anspruch auf 426 Euro «Agrarhilfe». In einem Land, in dem es keine Sozialhilfe gibt, ist das besser als nichts. Diese 1984 von der PSOE-Regierung eingeführte Unterstützung ist freilich umstritten, da sie sich einerseits auf die zwei armen Südregionen Andalusien und Extremadura beschränkt und andererseits vor allem den LatifundienbesitzerInnen zugutekommt: Diese finden so immer billige Arbeitskräfte.

«Viele Familien können derzeit weder ihre Miete noch ihre Hypothek, ihre Strom-, Gas- oder Wasserrechnungen bezahlen, und sie haben kaum etwas zu essen», sagt SOC-Generalsekretär Diego Cañamero. «Da kann es doch nicht angehen, dass das halbe Land immer noch in den Händen von GrossgrundbesitzerInnen ist, die ausserdem auch noch millionenhohe EU-Subventionen einstreichen, obwohl sie ihre Ländereien gar nicht bewirtschaften.»

Millionen für die Herzogin

Tatsächlich werden die EU-Agrarsubventionen nach Hektarzahl berechnet und nicht nach der Produktivität. So erhält die Herzogin von Alba, die reichste Frau Spaniens, deren Landbesitz allein in Andalusien auf 35 000 Hektaren geschätzt wird, jedes Jahr drei Millionen Euro von der EU, ohne dass jemand nachfragen würde, was sie mit dem Geld tatsächlich macht. «Wozu braucht sie das Geld? Wie viele Traktoren, Maschinen, Häuser kauft sie damit?», fragt Cañamero, der die besetzte Finca Somonte häufig besucht und auch mitarbeitet. «Die Menschen hier haben jedenfalls nichts davon.» Und deswegen sei jetzt Schluss mit symbolischen Aktionen.

Dass es den BesetzerInnen Ernst ist, haben sie bereits gezeigt. Am 26. April stürmten 200 BereitschaftspolizistInnen und sechzig Mitglieder der paramilitärischen Guardia Civil die Finca. Doch schon am selben Abend kehrten die BesetzerInnen mit Unterstützung von SOC-Mitgliedern und SympathisantInnen aus ganz Andalusien auf das Gut zurück. «Von hier kriegt mich niemand mehr weg», sagt jetzt Álvarez. «Wo sollte ich auch hin?» Sie sei ihr ganzes Leben lang Tagelöhnerin gewesen, aber nachdem sie 2002 in die Gewerkschaft eingetreten war, «gab es für mich nirgendwo mehr Arbeit». Seither besucht sie Landgüter in der Provinz Córdoba und klärt die TagelöhnerInnen über ihre Rechte auf. Lohn erhält sie dafür nicht, das kann sich die Gewerkschaft nicht leisten, obwohl sich die SOC vor fünf Jahren mit anderen kleinen Gewerkschaften und ArbeiterInnenkollektiven zur Andalusischen Arbeitergewerkschaft SAT zusammenschloss.

Bis August bekommt Lola Álvarez noch staatliche Familienhilfe von etwas über 400 Euro im Monat, dann ist auch damit Schluss. «Ich frage mich gar nicht erst, was kommt, wenn wir wieder geräumt werden.» Allerdings sei auch die besetzte Finca Los Humosos im benachbarten Marinaleda regelmässig von der Polizei geräumt worden – bis die Regierung nachgab (vgl. «Das Gut Los Humosos» im Anschluss an diesen Text). «So werden wir das auch machen», sagt Álvarez. «Das ziehen wir jetzt durch, wir haben nichts zu verlieren.»

Gegen sie, Diego Cañamero und rund 400 weitere SAT-Mitglieder haben die Justizbehörden mittlerweile einen Haftbefehl erlassen – wegen symbolischer Landbesetzungen, Sitzstreiks und anderer Proteste. Da sich die SAT jedoch dem zivilen Ungehorsam verschrieben hat, weigern sich deren Mitglieder, vor Gericht zu erscheinen. «Das ist nichts als Schikane», sagt Cañamero. «Sollen sie mich doch verhaften.» Zwei Tage später wurde der Gewerkschafter dann tatsächlich in Sevilla festgenommen. Aufgrund einer massiven Mobilisierung – viele SAT-Mitglieder und SympathisantInnen versammelten sich vor der Polizeiwache – kam Cañamero noch am selben Abend wieder frei.

Seine schnelle Freilassung hatte vermutlich aber auch mit den neuen politischen Verhältnissen zu tun. Seit Ende April ist die Vereinte Linke IU Teil der andalusischen Regionalregierung. Ein Grossteil der IU-Basis (zu der auch Cañamero gehört) lehnt die Koalition mit den SozialdemokratInnen zwar ab – auch weil die neue Regierung die drastischen Sparvorgaben aus Madrid umsetzt. Andererseits kommt die Regierungsbeteiligung den BesetzerInnen nicht ungelegen: Es ist unwahrscheinlich, dass die IU einer gewalttätigen Räumung von Somonte zustimmt – auch wenn derzeit zweimal täglich die Guardia Civil vorbeischaut und alle BesetzerInnen kontrolliert.

In den Händen des Volks

«Wir werden noch mehr Fincas besetzen, damit die Leute hier endlich Arbeit haben», verspricht Cañamero. Die alte Losung «Das Land dem, der es bewirtschaftet» gelte für sie nicht mehr: «Wir wollen, dass das Land der Allgemeinheit gehört und die Nutzung in den Händen des Volks liegt. Wir kämpfen für Genossenschaften, die das Land ökologisch bewirtschaften, sodass auch nachfolgende Generationen noch etwas davon haben.»

Genug fruchtbares Land gibt es jedenfalls. Auch auf dem besetzten Land der Finca Somonte könnte wesentlich mehr Obst und Gemüse angebaut werden, wie ein Agronom aus Marinaleda den BesetzerInnen bestätigte. Es wird zwar nur ein Zehntel der Anbaufläche bewässert, aber ganz in der Nähe befindet sich ein Fluss. Die Bewässerung ist also kein unlösbares Problem, sondern eine Frage der Organisation.

Unterstützung aus Marinaleda

Und so haben die BesetzerInnen – dank finanzieller und tatkräftiger Unterstützung aus Marinaleda und der erfahrenen Kooperative Los Humosos – inzwischen mit dem Bioanbau von Paprika begonnen. Später sollen Zucchetti, Mangold, Spinat, Artischocken und andere Gemüsesorten folgen – im Grunde genommen «alles, was man hier anbauen, weiterverarbeiten und verkaufen kann», sagt Álvarez. Auch ihre Gewerkschaft sieht im Ökoanbau, der Weiterverarbeitung und der Bewirtschaftung in Form von Kooperativen eine Lösung für die vielen Probleme der Landbevölkerung. Deshalb fordert sie, dass die Regierung unbewirtschaftetes Land kauft oder enteignet.

Mit dem Anbau allein ist es allerdings nicht getan. Ebenfalls entscheidend ist die Entwicklung einer weiterverarbeitenden Industrie: «Wir sind der Obst- und Gemüsegarten Europas, aber hier gibt es keine einzige Fabrik, die Orangen- oder Tomatensaft herstellt», sagt Diego Cañamero. So würden italienische Firmen «unsere Oliven» kaufen, sie in Italien pressen, das Öl abfüllen und dann ihre Etiketten auf die Flaschen kleben. «Das können wir doch auch selbst machen», sagt er.

Dass das geht und profitabel ist, zeigen die EinwohnerInnen von Marinaleda seit langem: Nachdem die LandarbeiterInnen den Kampf um Los Humosos gewonnen hatten, bauten sie eine Konservenfabrik und eine Olivenölmühle. Und während überall in Andalusien die Arbeitslosigkeit grassiert, haben durch die Kooperativen des Orts dort alle einen bezahlten Job.

Ein ausführlicher Artikel über die Kooperativen 
von Marinaleda erscheint in einer der nächsten Ausgaben.

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