Nr. 24/2012 vom 14.06.2012

«Carte Blanche»

Von Geri Krebs

Vor zehn Jahren, im Oktober 2002, fielen Truppen des kongolesischen Milizenführers Jean-Pierre Bemba in der Zentralafrikanischen Republik ein, um gegen Rebellen vorzugehen, die den Präsidenten des Landes, Ange-Félix Patassé, bekämpften. In Wirklichkeit mordeten, plünderten und vergewaltigten Bembas Milizionäre wahllos – was nicht weiter verwunderte, denn ihr Chef hatte ihnen explizit freie Hand in der Wahl der Mittel zur «Rebellenbekämpfung» erteilt. Für diese Verbrechen wurde Bemba später vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag angeklagt. 2008 konnte er während eines Europaaufenthalts verhaftet und nach Den Haag überstellt werden.

Seit 2010 läuft dort gegen ihn der Prozess wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Dies ist der Hintergrund, vor dem Heidi Specognas neuster Dokumentarfilm spielt. Die Schweizer Regisseurin hat sich bereits früher, etwa in «Das kurze Leben des José Antonio Gutierrez» über den ersten US-Soldaten, der im Irakkrieg fiel, einerseits durch präzise und umfangreiche Recherche ausgezeichnet und andererseits durcheine hohe menschliche Anteilnahme – die jedoch nie sentimental wird – . Für «Carte Blanche», bei dem zum ersten Mal überhaupt ein Filmteam die Arbeit der Ermittler des Internationalen Strafgerichtshofs begleiten konnte, gilt dies ganz besonders: In der harten Gegenüberstellung zwischen der geradezu klinisch sterilen Atmosphäre, in welcher der Den Haager Gerichtshof arbeitet, und der Realität, in welcher heute jene überlebenden AugenzeugInnen der Gräueltaten von Bembas Soldateska in der Zentralafrikanischen Republik leben, wird erfahrbar, welche Unmöglichkeit es darstellt, diesen geschundenen Menschen so etwas wie Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Und dann gibt es die Ausführungen von Chefankläger Luis Moreno Ocampo, der als Argentinier Erfahrungen mit einem Terrorregime mitbringt und geduldig die Wichtigkeit des Haager Tribunals ausführt. Mit den Bildern, die Bembas Familie im luxuriösen belgischen Exil zeigen, wird klar, warum Schlächter wie Bemba nie verschwinden werden.

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