Nr. 26/2012 vom 28.06.2012

Zeit statt Geld – die Währung für die Frau

Die Stadt St. Gallen will Pensionierte mit Zeitgutschriften entlöhnen, wenn sie hilfsbedürftige SeniorInnen betreuen. Doch bei genauem Hinsehen entpuppt sich das Modell als verkappte Sparvorlage, die den Frauen mehr unbezahlte Arbeit aufbürden dürfte.

Von Susan Boos

Bald wird man in St. Gallen Zeit ansparen können. Die Stadt startet ein aussergewöhnliches Pilotprojekt: Rüstige RentnerInnen sollen Hilfsbedürftigen beistehen – doch die geleistete Arbeit wird nicht in Geld, sondern in Zeit abgegolten. Man wird also künftig auf einem persönlichen Konto Zeit sparen können, die man wieder ausgibt, sobald man selber auf Hilfe angewiesen ist.

Auf den ersten Blick wirkt die Zeitvorsorge revolutionär. Das Stadtparlament hat die Vorlage Mitte Juni verabschiedet, Bürgerliche wie Linke stimmten zu. Bis 12. Juli läuft die Referendumsfrist noch, die allerdings ungenutzt verstreichen dürfte.

Das Pilotprojekt zielt explizit darauf ab, Leute zu gewinnen, die in der Altenbetreuung «hauswirtschaftliche und sozialbegleiterische Leistungen erbringen», wie der Stadtrat schreibt. Die Stadt lässt sich das in den nächsten fünf Jahren fast eine Million Franken kosten. Zudem leistet sie eine Garantie in Höhe von 3,4 Millionen Franken, um dem System das nötige Vertrauen zu verleihen. Sollte das Projekt nämlich vorzeitig scheitern und in einigen Jahren niemand mehr da sein, der sich in Zeit entgelten lässt, würde die Stadt den Leuten, die Zeit angespart haben, die benötigten Dienstleistungen mit Geld aus dem Garantietopf bezahlen.

Helfen, damit einem geholfen wird

Noch in diesem Jahr soll die Stiftung Zeitvorsorge gegründet werden, deren Geschäftsstelle die Zeitguthaben – gleich einer Bank – verwaltet. Neben der Stadt werden der Stiftung gemeinnützige Organisationen wie der kantonale Spitex-Verband, Pro Senectute oder Kirchgemeinden angehören. Die Stadt wird die Geschäftsstelle mit jährlich 150 000 Franken finanzieren.

Katja Meierhans vom Amt für Gesellschaftsfragen ist zuständig für die Umsetzung des Projekts. Sie hat Betriebswirtschaft studiert und kennt sich in ökonomischen Fragen aus. Sie sagt, persönliche Dienstleistungen liessen sich kaum rationalisieren, deshalb würden sie im Vergleich stetig teurer. Betreuung werde daher zunehmend unerschwinglich. Dem wolle man nun begegnen, indem man die Dimension Geld verlasse und Zeit mit Zeit vergüte: «Die Zeitvorsorge ist letztlich eine Krücke, die hilft, etwas wieder in Gang zu bringen, was es früher schon gab: Man hilft jemandem im Wissen, dass einem später auch geholfen wird.» Das Wichtigste sei, dass Leute ermuntert würden, in die Betreuungsarbeit einzusteigen, und dass dieses Engagement wertgeschätzt werde – vor allem in Anbetracht des absehbaren Personalmangels in der Altenpflege.

Die angesparte Zeit könne man weder vererben noch veräussern, sagt Meierhans: «Aus steuerrechtlichen Gründen ist es wichtig, dass aus dem Zeitguthaben nie Geld wird. Auch ist die Zeit, die man ansparen kann, bewusst auf 750 Stunden begrenzt: Niemand sollte sich überarbeiten, gleichzeitig sollte der Einsatz aber spürbar sein.» Noch sind die Zeitguthaben räumlich gebunden und gelten nur auf Stadtgebiet.

Innerfamiliäre Betreuung kann auch nicht abgerechnet werden. «Es ist sehr problematisch, wenn von aussen ein neuer Verrechnungsmassstab in familiäre Austauschbeziehungen hineinspielt», sagt Meierhans. «Das verändert Erwartungshaltungen und Verhaltensweisen innerhalb der Familie, weil man dann zum Beispiel den Partner nur noch pflegen würde, falls man dafür eine Zeitgutschrift bekommt. Das wäre kontraproduktiv.»

Allerdings wird innerfamiliär sehr viel unbezahlte Arbeit geleistet, indem Grosseltern die Enkelkinder hüten oder die Kinder die Eltern pflegen. Dass gerade diese Leute leer ausgehen sollen, dürfte für viele nicht nachvollziehbar sein – können sie doch ihre Betreuungsarbeit nicht einmal minimal von den Steuern abziehen, obgleich dies seit Jahren gefordert wird.

Ein professionelles System ist teurer

Wenn die öffentliche Hand involviert ist, geht es schnell auch ums Sparen. In seiner Machbarkeitsstudie streicht Gernot Jochum-Müller (vgl. «Das Vorarlberger Vorbild» im Anschluss an diesen Text) die finanziellen Vorteile der Zeitvorsorge hervor: «Bezug von deutlich günstigeren Leistungen als im rein professionellen System» oder «Möglichkeit zur vergleichsweise kostengünstigen Sicherstellung der Versorgung angesichts der demografischen Herausforderung».

Der Stadtrat hat diese Argumentation übernommen und schreibt: «Dank der tieferen Kosten der Laienarbeit in der Haushilfe erzielt die öffentliche Hand mit weniger Subventionen deutlich mehr Wirkung als in einem stärker professionalisierten System.» Und rechnet gleich vor, wie günstig es kommt: «Die Betriebskosten eines solchen Systems liegen weit unter dem erzielbaren Nutzen: Die geschätzten 150 000 Franken pro Jahr sind bereits dann eingespart, wenn pro Jahr rund sechzig Heimmonate vermieden werden können, weil die Betreuten länger in ihren eigenen vier Wänden wohnen können.»

Spitex wehrt sich

Die Spitex-Dienste der Stadt St. Gallen stehen dem vorliegenden Zeitvorsorgemodell zum Teil kritisch gegenüber. Sie sollen ja auch (zusammen mit der Pro Senectute) gemäss den Vorstellungen der Stadtregierung die ZeitarbeiterInnen in den Einsatz schicken. Andrea Hornstein, Geschäftsleiterin von Spitex St.-Gallen-Ost, dem grössten Spitex-Dienst der Stadt, kann sich schwer vorstellen, dass sie die Einsätze der SeniorInnen koordinieren sollte: «Wir hätten die Verantwortung. Wenn etwas schlecht liefe, müssten wir intervenieren. Wir wüssten aber nicht, was die Leute können, die wir einsetzen sollen. Zudem müssten wir einspringen, wenn die Freiwilligen gerade keine Zeit oder Lust haben – das alles dürfte sehr schwierig sein. Für eine solche Koordination fehlt uns schlichtweg die Zeit.» Es laufe auch auf eine Entprofessionalisierung hinaus: «Was man kann, macht man mit Laiinnen – sonst schickt man halt die Profis.»

Nach Ansicht von Hornstein müssten die Einsätze der Zeitvorsorgerinnen getrennt von den professionellen Betreuungsdiensten organisiert werden: «Wir könnten aber sicher empfehlen, in welchen Haushalten eine zusätzliche Unterstützung sinnvoll wäre.»

Auch dass innerfamiliäre Hilfe nicht berücksichtigt wird, hält Hornstein für problematisch. Schon heute werde diesbezüglich wahnsinnig viel geleistet. «Wir haben so viele Demenzkranke, die von ihren Angehörigen betreut und gepflegt werden – gerade diese Angehörigen können bei dem System nicht mitmachen, weil sie gar keine Zeit dazu haben. Ausgerechnet sie werden später nie von anderen Zeit beziehen können.»

Frauenlöhne unter Druck

Ein weiterer Punkt: Das System konkurrenziert zum Teil das Spitex-Personal. Einfache Pflege und vor allem Haushaltsarbeiten werden von Spitex-Angestellten verrichtet, die eine kurze Ausbildung zur Pflegehelferin absolviert haben. Das sind oft über fünfzigjährige Frauen, die so wieder Fuss im Berufsleben fassen konnten. Sie würden bescheiden entlöhnt, sagt Hornstein, aber immerhin hätten sie eine sichere Anstellung mit allen Sozialleistungen: «In diesem Segment besteht kein Arbeitskräftemangel, da gibt es eher zu wenig Stellen.» Genau in diesem Bereich würden nun die Zeitarbeiterinnen tätig – und zwar gratis, womit sie unfreiwillig eh schon tiefe Frauenlöhne weiter unter Druck setzen.

Die einzige bezahlte Arbeit im Zeitvorsorgemodell betrifft die Leitung der Geschäftsstelle, also der Zeitbank, einen klassischen Männerjob. Warum wird diese Stelle nicht in Zeit abgegolten? Warum sind typische Männerjobs wie beispielsweise Kinderspielplätze unterhalten nicht explizit enthalten? Die Zeitvorsorge als Alternativwährung ist durchaus eine förderungswürdige Idee. Doch wenn sie funktionieren soll, muss sie generationenübergreifend organisiert sein und beide Geschlechter gleichberechtigt involvieren. Sonst gerät die Zeitvorsorge zu einem Förderprogramm für mehr unbezahlte Frauenarbeit.

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