Nr. 26/2012 vom 28.06.2012

Fiebriger Albtraum durch die Nacht

Ödön von Horvaths Kasimir und Karoline werden in der Filmversion der beiden Theatermänner Julian M. Grünthal und Samuel Schwarz von 400asa zu verlorenen Gestalten aus der Zürcher Gegenwart.

Von Nina Scheu

«Ein reiches, verbrunztes Kaff am Fusse der Glarner Alpen, das ist Zürich», erfahren wir – in breitestem Berndeutsch – zu Beginn dieses aussergewöhnlichen Films. Aussergewöhnlich ist «Mary & Johnny» nicht nur wegen der äusserst geradlinigen Wortwahl. Sondern auch, weil er so ganz anders daherkommt als die sonstigen – mal besseren, mal schlechteren – Schweizer Filme, die man in den letzten Jahren sehen konnte. Weil er keine echten oder scheinbaren Erfolgsmuster nachäfft, sondern in seiner Kompromisslosigkeit alles wagt.

Und das ohne Unterstützung der einschlägigen Stellen bei Bund, Stadt oder Kanton, die angesichts der Eingaben wahrscheinlich in verzweifeltes Kopfschütteln ausbrachen. Wenn Skript und Drehpläne nur halb so chaotisch waren, wie die Filmbilder erahnen lassen, dann hegt man ganz ohne Kopfschütteln Verständnis für die Nein-SagerInnen, die es nicht wagten, dafür Subventionen lockerzumachen.

Verbrunzt ist Zürich tatsächlich in jenem Sommer 2010, in dem neun kurze, über weite Strecken improvisierte Drehtage genügen mussten, um das Material zu filmen, das nachher zu dieser kleinen und dabei doch so grossen, weil universellen Filmgeschichte zusammengefügt wurde. Verbrunzt, weil in der Stadt ein Fest auf das andere fällt: Street Parade, Fussball-WM, Züri-Fest. Und alle pinkeln sie nach dem zehnten Bier an die Bäume.

Das Elend der kleinen Leute

Dabei herrscht eigentlich Wirtschaftskrise. Der Bund hat vor kurzem erst der UBS mit 68 Milliarden Franken unter die Arme gegriffen. Die ersten Entlassungswellen sorgen für Verunsicherung. Doch das interessiert die Massen nicht. Sie wollen feiern. Auch Mary (Nadine Vinzens) will feiern. Es ist Finalnacht, Holland spielt gegen Spanien, die ganze Stadt ist auf den Beinen. Aber ihrem Freund Johnny (Philippe Graber) ist nicht lustig zumute. Er hat gerade seinen Job verloren, und ausserdem macht er sich nichts aus Fussball. So beginnt eine Nacht voller Taumel und Missverständnisse.

Die beiden Regisseure Julian M. Grünthal und Samuel Schwarz, die schon beim Theaterkollektiv 400asa zusammengearbeitet haben, bedienen sich für ihre zeitgemässe Verfilmung einer zeitlosen Vorlage: Die Geschichte von Mary und Johnny ist auch die Geschichte von Kasimir und Karoline, die Ödön von Horvath Ende der zwanziger Jahre am Oktoberfest in München spielen liess. Das Theaterstück, das dem Film zugrunde liegt, spiegelt das Zeitgefühl um 1929 kurz nach dem Börsencrash, und wir kapieren schnell, dass sich am Elend der kleinen Leute seit damals nicht viel geändert hat.

Der Film beginnt mit seinem Ende. Mischa (Marcus Signer), ein Berner Kleinganove, sitzt im finsteren Knast und erinnert sich an jene folgenschwere Nacht im Sommer 2010: wie Mary und Johnny sich stritten und aus den Augen verloren und wie Mary mit einem schmierigen Schönling (Nils Althaus als Hostettler, ein Looser mit weissem Hemd und K.-o.-Tropfen in der Hosentasche) davonzog, während Johnny bei ihm, Mischa, und seiner Freundin Fränzi (Gina Gurtner) Anschluss fand.

Drei Nächte lang drehte die Crew mitten im Festgetümmel rund um den Zürichsee. Grölende Fussballfans fanden ebenso ins Bild wie das Riesenrad und der Festbetrieb rund um das Public Viewing am Bellevue. Genauso ziellos wie die Filmgestalten scheint auch die Kamera durchs Menschengewirr zu taumeln.

Worte fallen, rau und witzig

Doch in diesem Film ist nichts zufällig. Nicht die zahlreichen Bezüge zu aktuellen Begebenheiten, nicht die Namen – Sepp heisst der notgeile Fussballfunktionär, der schliesslich mit Mary im protzigen Schlitten davonfährt – und auch nicht Juliane Werding, die aus der Jukebox im Festzelt nölt und an einen Conny erinnert, der viel zu jung gestorben ist.

Immer wieder kreuzen sich die Wege von Mary und Johnny in dieser Nacht, in der Alkohol und Verzweiflung sich zu einer explosiven Mischung vereinen. Als der Morgen graut, sitzt Mischa im Knast und Johnny mit Fränzi am Limmatufer. Und Mary, ja Mary treibt bewusstlos im Wasser an ihnen vorbei.

Es gibt kein Happy End in diesem kleinen, schmuddeligen Film, den sich Mischa im Knast zusammenträumt. Dafür Dialoge, die so rau und dabei so witzig aus den angetrunkenen Mündern fallen, als seien sie nie aufgeschrieben worden. Und SchauspielerInnen, die hervorragend agieren. Allen voran Marcus Signer, der es schafft, dass man sogar den polternden Schläger Mischa zu mögen beginnt. Oder Jaap Achterberg als heimlich schwuler Freund des machtgierigen Fussballfunktionärs (Andrea Zogg). Toll auch die immer betrunkener durch die Szenerie schwankende Exmiss Nadine Vinzens.

«Mary & Johnny» ist so chaotisch-diszipliniert wie die Köpfe, die dahinterstehen. Und so verloren wie die Opfer der aktuellen Wirtschaftslage – das heisst die feiernde Mehrheit.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch