Kino 2.0 : «Man hat uns wohl als arrogante Arschlöcher wahrgenommen»

Nr.  3 –

Mit «Late Shift» von Tobias Weber und «Polder» von Samuel Schwarz haben zuletzt gleich zwei Schweizer Filme den Möglichkeitsraum des Kinos erweitert. Für beide Regisseure ist klar: Das kann erst der Anfang sein.

Samuel Schwarz

WOZ: Samuel Schwarz und Tobias Weber, mit «Polder» und dem interaktiven Film «Late Shift» treiben Sie beide je die Erweiterung der Kinoerfahrung voran. Hat sich das Kino, wie wir es kennen, in Ihren Augen erschöpft?
Samuel Schwarz: Für mich nicht. Dass man einen Film gemeinsam mit anderen Leuten in einem Raum schaut – das wird sich nie erschöpft haben. Aber die Kulturbegriffe, mit denen diese Orte besetzt sind, und auch die Institutionen, die sie betreuen und betreiben: Da spürt man schon eine Erschöpfung. Nicht grundlos spriessen heute neue Formate wie Virtual-Reality-Kinos. Die konventionellen Kinoräume funktionieren heute mehr wie Stadttheater, das merkt man, wenn man ins Lunchkino geht, wo alle diese grauen Panther sitzen.

Tobias Weber: Für mich hat der klassische Kinofilm ebenfalls überhaupt nicht ausgedient. Eine lineare Geschichte zu erzählen oder eine Geschichte zu öffnen und die Leute mitentscheiden zu lassen, das schliesst sich nicht aus. Ich würde die zwei Formate auch nicht gegeneinander ausspielen wollen. Gleichzeitig stimmt es natürlich: Die Kinos heute haben ein Problem, weil das Erlebnis daheim im Home Cinema fast gleich gut ist wie im Kino. Genau deshalb ist die Gruppendynamik, die bei «Late Shift» im Saal entsteht, so interessant. Wenn die Leute gemeinsam entscheiden und sich mindestens indirekt darüber zoffen, wo die Reise hingehen soll, entsteht ein Mehrwert, den nur das Kino bieten kann.

Erstaunlich ist ja, dass gleich zwei Schweizer Filme praktisch gleichzeitig die Möglichkeiten des Kinos erweitern. Heisst das, dass die Rahmenbedingungen hierzulande für solche Projekte besonders günstig sind?
Weber: Ich kann mir vorstellen, dass das so ist. Es gibt hier ein paar coole, international ausgerichtete Tech-Start-ups in Zürich und Lausanne, die einen guten Drive haben. Wir haben ein hohes Ausbildungsniveau in Game Design und Interaction Design, und wir haben die ETH in Zürich und das Äquivalent in Lausanne.

Schwarz: Es sind wahnsinnig gute Rahmenbedingungen. Das Problem haben wir im Storytelling der Erzählbranche: Wenn wir nicht nur in der Forschung Spitzenklasse sein wollen, sondern auch in den Produkten, was ja für die Filmbranche wiederum wichtig ist, dann muss mehr Geld in die Produktion von Storyworlds kommen, damit wir aus diesem Schweizdiskurs in der Enge rauskommen.

Weber: Genau darum haben wir «Late Shift» in London gedreht. Wir wollten von Anfang an keinen Film auf Schweizerdeutsch machen. Auf diesem Minimarkt, der noch dazu in vier Sprachregionen geteilt ist, so etwas zum Fliegen zu bringen: Das kannst du vergessen. Das funktioniert einfach nicht. Wenn wir mit etwas komplett Neuem auf den Markt kommen wollen, muss das in alle Richtungen ausstrahlen, sonst hat man keine Chance. Und das wiederum – und hier liegt das Problem – wurde wenig goutiert in den traditionellen Erzählbranchen der Schweiz. Man hat uns wohl als arrogante Arschlöcher wahrgenommen, das verstehe ich noch halbwegs: Wir hatten bis dahin nur Werbung gemacht, jetzt kommen wir mit diesem Spielfilm, aber wir drehen ihn in England, und er ist übrigens auch ein bisschen ein Game. Dass die Leute dann sagen: «Super, das fördern wir»? Kannst du vergessen.

Schwarz: Dazu muss man sagen: Das Schweizer Fernsehen hat uns beide unterstützt, über seinen Transmedia-Fonds. Das ist die löbliche Ausnahme, die haben dort ein bisschen Neugier, dieses Neuland zu betreten, auch wenn das Schweizer Fernsehen natürlich auch immer noch neunzig Prozent der Gelder ins Heidiland steckt und den Paradigmenwechsel zu zögerlich mitgestaltet. Grundsätzlich steckt die ganze Branche immer noch im älteren Diskurs der geistigen Landesverteidigung fest: Der Schweizer Film muss nationale Identität stiften, auch mit der Sprache. Das sind wir seit dem Zweiten Weltkrieg einfach nicht richtig losgeworden. Es ist wirklich erstaunlich, dass wir in der Schweizer Filmszene immer noch diesem Schrebergartendenken verhaftet sind, wenn es um die öffentlichen Gelder geht. Aber man beschmutzt natürlich sein eigenes Karma, wenn man zu sehr jammert. Wir müssen jetzt einfach mutig voranschreiten und uns nicht darum kümmern, wenn wir ausgelacht oder als arrogante Schnösel angeschaut werden. Das muss man ignorieren.

Wenn wir vom «Schweizer Film» reden: Ist das überhaupt eine Kategorie, die für Sie eine Rolle spielt?
Weber: Dieser Status wurde uns vom Bundesamt für Kultur bis dato aberkannt: «Late Shift» ist offiziell ein britischer Film. Wir haben zu viel Geld aus der Schweiz im Ausland ausgegeben, um eine Anerkennung als Schweizer Koproduktion zu bekommen. Die Tatsache, dass das unser eigenes Geld war, spielt offenbar keine Rolle. Es waren ja nicht einmal Fördergelder, die wir im Ausland ausgegeben haben.

Schwarz: Wir werden die öffentlichen Förderstellen aber leider nicht dazu bringen, in solche innovativen Projekte zu investieren, wenn wir die Standortproblematik dieser Region nicht beachten – ich sage jetzt extra nicht «Schweiz». Es wäre auch wieder unrealistisch zu glauben, wir könnten ganz ohne Swissness auskommen. Klar, diese gilt es zu überwinden. Aber wir können nicht ignorieren, dass das leider immer noch ein wahnsinnig grosser Faktor bleibt.

Weber: Ich finde es einfach problematisch, wenn wir als Filmschaffende die Stoffe, die wir erzählen wollen, an dem ausrichten, was gefördert wird. Das ist doch hirnrissig. Hier muss das Umdenken passieren. Die Swissness ist doch dadurch gegeben, dass die Vordenker des Projekts Schweizer sind. Das ist Swissness. Wenn es nur immer um den Röstigraben geht, bleiben wir bei den Heidifilmen. Wir alle haben doch heute Freunde in London, in San Francisco, in Asien oder Afrika. Es geht um Mindset, nicht mehr um Landesgrenzen. Das ist unsere Aufgabe als Künstler, das zu fördern und von den Nationalitäten zu lösen. Dann sollte das auch entsprechend von der Förderlandschaft honoriert werden.

Auf spezialisierten Festivals hatten Ihre Filme international eine gute Resonanz – hier in der Schweiz zählte «Late Shift» wenig mehr als 2000 Eintritte, «Polder» etwas über 600. Ist das Kino der falsche Ort für solche Experimente?
Schwarz: Wir setzten von Anfang an einfach auf Events, nicht auf eine normale Kinoauswertung. Wir wussten, dass das bei «Polder» nichts gebracht hätte. Mit diesem Fokus auf Events und Video-on-Demand und auf die App erreichen wir auch langfristig viel mehr Leute.

Weber: Bei uns ist es ähnlich: Wir müssen immer Hardware ins Kino bringen, das ist nicht ganz so einfach. Einen breiten Kinostart im klassischen Sinn gab es nicht, das werden wir jetzt in anderen Ländern versuchen, wie wir das zum ersten Mal in Russland getan haben. Dieses Jahr sollen England, Frankreich, Italien und Deutschland folgen, wo «Late Shift» wie ein herkömmlicher Film in die Kinos kommt. Ob das dann ein grösseres Echo auslöst, wissen wir nicht. Man darf nicht vergessen: Wir sind ein kleiner Film, niemand hat auf uns gewartet. Es ist ein Experiment, das generiert ein bisschen Presse. Aber wir haben kein Werbebudget und keine grossen Namen.

Schwarz: Das ist auch nicht der Zweck dieser Filme. Der Zweck ist, das Eis zu brechen für kommende Filme. Wir arbeiten jetzt an einer Virtual-Reality-Weiterentwicklung von «Polder» mit der Idee, dass man das Kinoerlebnis in einem virtuellen Kino nacherleben kann. Immer, wenn es einen Wechsel von der einen Technologie zur nächsten gibt, reproduziert man ja die vorgängige Erfahrung. Wir reproduzieren bei unserem Ebenenübertritt noch das Kino: Wir benutzen es noch als mystischen Ort, aber das ist wahrscheinlich nur ein Zwischenzustand. So ein Lichtspielhaus ist natürlich ein schöner Ort, aber gewisse Erzählformen kann man leider nur ausprobieren, wenn man das Kino verlässt. Wenn man zu sehr daran hängen bleibt, können sich die Erzählformen nicht weiterentwickeln.

Weber: Wir gehen da mit «Late Shift» nicht halb so weit. Unser Erlebnis ist noch viel näher am Kino, und wir wollen, dass das weiterhin auch im Kino stattfindet. Es ist im Moment auch noch keine stereoskopische Virtual-Reality-Version unserer Software geplant. Das wäre ja denkbar. Aber unser Vorbild waren die neuen TV- Serien. Die kommen zwar nicht ins Kino, aber von ihrem Anspruch her sind sie auf Augenhöhe mit dem Kinofilm.

Woher rührte eigentlich der erste Impuls, einen interaktiven Spielfilm zu produzieren?
Weber: Das ist die Frage, die mir immer gestellt wird und auf die ich immer noch keine gescheite Antwort habe. Es war einfach die Faszination dafür, dass man dem Publikum nicht bloss eine fixfertige Geschichte vorsetzt, sondern die Leute auf eine neue Art einbindet – und sie damit mitverantwortlich macht für das, was passiert.

Schwarz: Bei unserer «Polder»-App gibt es auch einen Storybaum, der dich an bestimmte Orte führt, wo du Entscheidungen treffen kannst. Und es ist schon faszinierend, was die Leute in einen recht simplen Erzählbaum hineinprojizieren, wenn sie sich in einem Park zum Beispiel entscheiden, nach links oder nach rechts zu gehen – vor allem, wenn dann noch der Zufall hineinspielt und dort vielleicht ein Penner liegt oder ein Jogger in einem komischen Outfit daherkommt. Wenn es gut gemacht ist, triggert man etwas in den Leuten, das zu einem hochkomplexen, magischen Erlebnis führt. Es ist auch eine Form von Kontrollverlust: Der Erzähler gibt die Kontrolle ein Stück weit ans Publikum ab.

Haben Sie sich für «Late Shift» auch an Games orientiert?
Weber: Eigentlich nicht. Von Games sagt man ja gerne, dass da interaktive Geschichten erzählt würden, aber in vielen Fällen stimmt das gar nicht. In Games gibt es oft eine einzige, lineare Story, und die Aufgabe des Spielers ist es, diese zu erfüllen. Jedes Mal, wenn du sie nicht erfüllst, stirbst du, und du musst zurück zum Start. Das sind oft gerade keine verzweigten Erzählungen, die dich zu unterschiedlichen Enden führen. Dass man aber wie im «echten Leben» einen Startpunkt hat und über die Entscheidungen, die man trifft, am Ende entweder die Welt rettet oder als zynisches Arschloch mit ihr untergeht – das ist eigentlich eine neue Erfindung.

Aber zeichnet nicht jeden guten Film aus, dass er mich gerade nicht zum passiven Zuschauer degradiert? Kino ist doch immer schon interaktiv: Wenn wir drei einen Film sehen, kommen wir danach mit drei verschiedenen Interpretationen raus.
Weber: Natürlich, im besten Fall ist das so. Wir fühlen uns dem althergebrachten Kino auch immer noch verpflichtet. Es war von Anfang an unser Anspruch, dass der Film eine cineastische Qualität haben sollte – ob man ihn nun auf dem Handy oder auf dem Tablet spielt. Wir haben versucht, die interaktiven Elemente so stark wie möglich zurückzunehmen.

Schwarz: Ich sage auch Ja zum Kino, und ich finde, dass die Filme von Michelangelo Antonioni und Andrei Tarkowski nach wie vor eine tolle Erfahrung sind. Und ich will auch Abbitte leisten vor der Kinobranche und ihr versichern, dass ich ihre Werte nach wie vor schätze. Aber man darf nicht unterschätzen, dass die digitalen Plattformen extrem wichtig werden. Die Zukunft ist, eigene Technologien zu entwickeln, wie ihr das mit «Late Shift» gemacht habt: eine eigene App, die den Film kommuniziert. Wir wollen auch, dass man unsere 360-Grad-Virtual-Reality-Fassung von «Polder» dann über eine App schauen kann.

Sammeln Sie bei «Late Shift» die Daten darüber, für welchen Fortgang des Films sich die Leute entscheiden?
Weber: Ja, aber für eine abschliessende Auswertung ist es noch zu früh. Wir erheben die Daten, um zu schauen, ob es innerhalb der Geschichte ausgetretene Pfade gibt oder ob alle Pfade zum Zug kommen, was uns ja ein Anliegen wäre. Dabei geht es uns auch darum, für zukünftige Projekte zu lernen: Was wird geschätzt? Wo haben wir Dinge gefilmt, die gar nie jemand sieht, weil die Leute andere Entscheidungen treffen? Aber es ist schon auch interessant zu sehen, ob es kulturelle oder demografische Unterschiede gibt. Nach dem Kinostart in Russland zum Beispiel zeichnet sich jetzt ab, dass die Leute dort die viel härteren Varianten wählen als hier in der Schweiz.

Schwarz: Netflix zum Beispiel arbeitet gut mit Big Data: Die haben so herausgefunden, dass eine Geschichte über Lesben in einem Gefängnis ein Publikum findet, und produzierten dann «Orange Is the New Black». Und unsere App generiert ja auch Daten, diese Auseinandersetzung dürfen wir nicht scheuen. Wir müssen uns mit dieser Technik auseinandersetzen, mit Freude und mit Begeisterung! Wir müssen alle Code lernen! Ich will das nicht den Rechten überlassen. Das wäre heute eine wirklich linke Idee: Wie kriegen wir die Digitalisierung so hin, dass sie dem Humanen dient und nicht dem Bau von Killerrobotern, die dich nach Social Profiling erschiessen? Das klingt jetzt etwas pathetisch, aber es ist wirklich dringlich. Wir können uns nicht begnügen mit dieser Alt-68er-Technikskepsis. Die ist ja sowieso heuchlerisch: Man ist zwar skeptisch, aber die Technik benutzt man trotzdem.

Mit den Daten von «Late Shift» könnte man also womöglich das alte, gerade bei Fördergremien verbreitete Klischee widerlegen, nach dem das Publikum nur mit sympathischen Figuren mitfiebert?
Weber: Je nachdem, ja. Die Leute suchen vielleicht bewusst den Konflikt, weil sie ausprobieren wollen, was passiert, wenn der Protagonist mal dreinschlägt. Da spielt dann tatsächlich die alte Mechanik aus Games hinein: Fast jedes Game gibt uns ja die Gelegenheit, Dinge zu tun, die wir uns im echten Leben nicht erlauben würden.

Schwarz: Ich glaube sowieso, dass Gewalt in Erzählungen eine zivilisierende Kraft hat. Ein aktuelles Beispiel: Seit Donald Trump gewählt ist, läuft «The Walking Dead» so schlecht wie noch nie.

Weil der Schrecken real geworden ist?
Schwarz: Ja, das könnte sein. Zombiegeschichten sind ja traditionell eher linke, liberale Narrative. Seit Trump gewählt ist und die extrem brutale siebte Staffel läuft, sind die Quoten von «The Walking Dead» im Keller. Pessimistisch betrachtet, könnte es auch sein, dass die Gewaltdichte bei «The Walking Dead» oder die Demokratiefeindlichkeit, wie sie die Netflix-Serie «House of Cards» vorführt, zu einer Diskreditierung der friedlichen Politik geführt hat.

Tobias Weber

Aber ich glaube trotzdem an die progressive Kraft von Erzählungen. Das Problem ist unser Sofaismus, der dazu führt, dass wir ständig an den Geräten kleben. Wir müssen die Leute wieder zusammenführen, wo sie sich wirklich miteinander auseinandersetzen und sich nicht nur in eine Empörungsspirale begeben. Es geht darum, partizipative Räume zu schaffen, von denen wir heute noch gar nicht wissen, wie sie aussehen könnten. Das finde ich cool an «Late Shift»: Ich kann es daheim als sofaistisches Erlebnis haben, ich kann aber auch ins Kino gehen und erlebe etwas anderes, zusammen mit anderen Leuten.