Nr. 26/2012 vom 28.06.2012

Wenn Politik in den Alltag eindringt

Der italienische Regisseur Emanuele Crialese hat mit «Terraferma» einen Film zu grossen Themen gedreht: Überfischung des Mittelmeers, Bootsflüchtlinge, der Traum einer besseren Zukunft. Weil Crialese nahe herangeht, ist ein sehenswertes Werk entstanden.

Von Jan Jirát

Ein Fischernetz schwebt langsam, von unten her gesehen, in die Tiefen des Mittelmeers hinab. Es ist ein Moment voll poetischer Schönheit, der den Film «Terraferma» eröffnet. Doch dahinter verbirgt sich ein Abgrund: Es schwimmt kaum mehr ein Fisch in diesem Meer. Die Schönheit und der Abgrund, sie kollidieren im neusten Film von Emanuele Crialese immer wieder.

«Terraferma» erzählt die Geschichte einer Fischerfamilie auf der kleinen Mittelmeerinsel Linosa, die zwar zu Italien gehört, aber geografisch der afrikanischen Küste viel näher ist als Europa. Jeden Tag fahren der siebzigjährige Ernesto (Mimmo Cuticchio) und sein neunzehnjähriger Enkel Filippo (Filippo Pucillo) auf ihrem alten Fischkutter zur See. Für Filippo, dessen Vater vor Jahren von einer Ausfahrt nicht mehr zurückgekehrt ist, war immer klar, dass auch er Fischer wird.

Das sehen nicht alle in seiner Familie gerne. Seine Mutter Giulietta (Donatella Finocchiaro) will mit ihm aufs Festland: «Hier hast du keine Zukunft. Es gibt immer weniger Fische», sagt sie ihrem Sohn. Sein Onkel Nino hingegen würde Filippo gerne in seinem Tourismusgeschäft arbeiten lassen, als Strandwächter und Bootsführer für Rundfahrten.

Eines Tages stossen Ernesto und Filippo auf ein überfülltes Boot voller Flüchtlinge. Umgehend alarmieren sie die Küstenwache. Als einige Flüchtlinge in die Fluten stürzen und auf ihren Kutter zuschwimmen, beschliessen die Fischer, sie aufzunehmen, auch wenn das gesetzlich verboten ist. «Ich bin Fischer», sagt Ernesto später trotzig, «für mich gelten die Gesetze des Meeres. Wenn jemand in Gefahr ist, dann rette ich ihn.»

Unter den aufgenommenen Bootsflüchtlingen sind auch eine hochschwangere Frau und ihr Kind. An Land verstecken Ernesto und Filippo Mutter und Sohn in der Garage – ins Haus können sie sie nicht bringen, weil dort TouristInnen wohnen.

118 Millionen Euro – 2000 Tote

Am Ursprung von «Terraferma» steht eine Rückkehr. Vor zehn Jahren hatte der italienische Filmemacher Emanuele Crialese den Film «Respiro» auf Lampedusa gedreht. Als er 2009 zurückkehrte, erkannte er «diese kleine, abgelegene Insel» kaum wieder: «Lampedusa war zur umkämpften Aussengrenze Europas geworden. Neben Fischkuttern stachen nun bewaffnete Patrouillenboote in See. An Land herrschte eine Mischung aus Verwirrung und Verzweiflung», sagt Crialese rückblickend.

Tatsächlich ist der Name Lampedusa heute ein Symbol für die Flüchtlingspolitik Europas. Der Kontinent ist zur Festung geworden, bewacht von der militärisch aufgerüsteten Grenzschutzagentur Frontex, an der auch die Schweiz beteiligt ist. Das Ziel: möglichst viele Flüchtlinge abfangen und zurückschicken, bevor sie europäisches Festland erreichen. Der Preis im Jahr 2011: 118 Millionen Euro und 2000 Menschen, die ihr Leben auf der Flucht im Mittelmeer verloren haben.

Gerade als Crialese auf Lampedusa war, trieb nach 21 Tagen auf offener See ein Flüchtlingsboot auf die Insel zu. Von siebzig Bootsflüchtlingen überlebten nur fünf die Überfahrt, darunter Timnit als einzige Frau. Sie spielt in «Terraferma» die Rolle von Sara, der hochschwangeren Mutter. Crialese fand Timnit mithilfe des Uno-Hochkommissariats für Flüchtlinge (UNHCR), und sie sagte für die Filmrolle als äthiopischer Bootsflüchtling zu. Die Rolle spielt sie beeindruckend eindringlich. Etwa in der zentralen Szene, als Filippos Mutter, die die Flüchtlinge in ihrer Garage so schnell wie möglich loswerden will, entdeckt, dass Sara die genau gleichen Träume wie sie selbst hat: das Festland und eine bessere Zukunft.

Konzentrierter Schauplatz

«Terraferma» hätte eigentlich kolossal scheitern müssen. Zu gross sind die Themen und Fragen für einen einzelnen Film. Zu schwierig und heikel ist der Balanceakt zwischen Politik und Moral. Tatsächlich gibt es einige Stellen, die nicht funktionieren, die zu dramatisch oder überhöht wirken. Etwa wenn der Polizeiposten mit toten Fischen übersät gezeigt wird. Die Fischer der Insel protestieren mit dieser Aktion dagegen, dass ihre seit Generationen überlieferten Grundsätze von Rom missachtet werden.

«Terraferma» ist trotzdem ein eindrücklicher Film geworden, weil Emanuele Crialese den Schauplatz ganz klein hält. Im Mittelpunkt steht einzig die Fischerfamilie, die schon genug Probleme hat und nun – mit den Flüchtlingen in der Garage – erst recht überfordert ist. Die Bühne des Films ist der Alltag, und das Bild ist geprägt von der immer wieder eingefangenen Schönheit des Meeres, der Insel und der Menschen, mitsamt ihres eigenwilligen Dialekts. In diesen Alltag und diese Bilder dringt immer wieder die Politik: Sie ist der Eindringling, die Fremde in diesem Film.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch