Nr. 34/2016 vom 25.08.2016

In Chiasso ist Schluss mit dem Spass

Ein Film spielt gestern, an der Schweizer Grenze. Der andere heute, auf Lampedusa. Der Vergleich von «Reise der Hoffnung» und «Fuocoammare» zeigt, dass sich in der Flüchtlingspolitik der letzten 25 Jahre nur etwas verändert hat.

Von Kaspar Surber

Die Katastrophe dauert deshalb fort, weil alle verantwortlich sind und niemand: Emin Sivas als Mehmet Ali in Xavier Kollers «Reise der Hoffnung» (oben) und Samuele Pucillo in Gianfranco Rosis «Fuocoammare». Stills: Frenetic Films; Xenix Filmdistribution GmBH

Ramser steuert den Lastwagen auf den Zoll bei Chiasso zu. Er ist zuversichtlich, das Ehepaar Meryem und Haydar Sener sowie ihren Sohn Mehmet Ali über die Grenze zu bringen. Hatte der beleibte Chauffeur aus Schaffhausen den Flüchtlingen in Neapel noch Geld abgeknöpft, ist auf der Fahrt in den Norden gegenseitig die Sympathie gewachsen. Ramser, unnachahmlich gespielt von Matthias Gnädinger, bringt Mehmet Ali in der Autobahnraststätte das Spaghettidrehen bei und streckt für ein Polaroidfoto die Zunge heraus. Doch in Chiasso ist Schluss mit dem Spass: Der Zöllner befiehlt der türkischen Familie auszusteigen, weil sie über kein Visum verfüge. Sie muss zum Bahnhof Como marschieren. Ramser druckst herum, dass es ihm leidtue, er nun aber für sich selbst schauen müsse.

Die Abweisung bedeutet eine dramatische Wende in Xavier Kollers Film «Reise der Hoffnung», der 1990 erschienen ist. Diese Woche kommt er noch einmal ins Kino. Der Anlass dazu ist ein symbolischer: der Oscar-Gewinn für den besten fremdsprachigen Film vor 25 Jahren. Doch der Moment könnte politischer nicht sein, wenn heute Hunderte Flüchtlinge in Como warten, die von den Schweizer GrenzwächterInnen abgewiesen wurden. Fast gleichzeitig startet auch «Fuocoammare», das Porträt der Mittelmeerinsel Lampedusa, mit dem der italienische Regisseur Gianfranco Rosi den Goldenen Bären an der diesjährigen Berlinale gewonnen hat. Wie stellen die beiden Filme, die ein politisches und mediales Vierteljahrhundert trennt, die Flucht damals und heute dar? Und was sagt das über die je herrschende Politik aus?

Gefrorene Bilder

Frei von jedem Kitsch ist «Reise der Hoffnung» ein berührendes Drama geblieben. Wie die Familie mit anderen Flüchtlingen trotz schlechter Witterung von Schleppern im Simplongebiet über die Grenze geschickt wird, wie Mehmet Ali im Schneesturm kurz vor dem Erfrieren das Foto des lustigen Ramser aus der Tasche zieht, als wäre es ein Talisman, der ihm Schutz bieten könnte – das zielt nicht nur direkt ins Herz, sondern zeigt exemplarisch, dass die Illegalisierung der Fluchtrouten damals wie heute in den Tod führt.

Der Tod ist auch in «Fuocoammare» gegenwärtig. Im Rumpf einer Holzbarke schwimmen Leichen im Wasser, in ihren Kleidern wirken sie wie bunte Fische – es sind verstörende Bilder, wie man sie in dieser Nähe nicht aus den Nachrichten kennt. Gianfranco Rosi inszeniert diese Nähe aus höchster Distanz. Seine Szenen lässt er zu Standbildern gefrieren, sodass sie wie Gemälde aus einer fernen Zeit wirken. Auf einem der nächsten Bilder sind die Toten geborgen, die Retter in weissen Schutzanzügen stehen auf dem Deck des Kriegsschiffes und blicken aufs weite Meer. «Europäische Ratlosigkeit, Lampedusa, 2016» könnte die Legende heissen.

So wie beide Filme den Tod direkt zeigen, versuchen sie, ihre Geschichte dennoch vom Leben her zu erzählen. Beide wählen dafür die Perspektive der kindlichen Unschuld, stellen einen Jungen in den Mittelpunkt und impfen ihm den Aufbruch, die Zukunft ein. In «Reise der Hoffnung» ist es Mehmet Ali, der sich bei der Mutprobe der Dorfkinder in der Türkei als Einziger nicht vom Gleisbett bewegt, als sich der Güterzug nähert. Dieser rast über ihn hinweg, und als der Vater dem Kind wütend den Staub von den Hosen klopft, ist dem Zuschauer klar: Der ist wagemutig genug für die Flucht. «Fuocoammare» folgt dem Lampedusano Samuele, der am liebsten mit seiner Steinschleuder durch das Buschwerk der Mittelmeerinsel schleicht und Vögel erschreckt. Im Gegensatz zu Mehmet Ali, der ein Kind bleibt, das später leidet und friert, wirkt Samuele altklug, was auf die Dauer eher nervt. Er hat dazu ein lahmes Auge, das er trainieren muss, und wenn Rosi dieses Detail ständig betont, so ist seine Botschaft klar: Die nächste Generation muss bloss ihren Blick für die Katastrophe schärfen, damit sich diese verhindern lässt. Recht hat er ja, aber es ginge auch ein bisschen weniger pädagogisch.

Gewiss kann man einwenden, die beiden Filme liessen sich formal kaum vergleichen, schliesslich sei der erste ein Spiel- und der zweite ein Dokumentarfilm. Doch lösen die Regisseure diese Genregrenzen selbst bewusst auf. Ein Jahr lang dokumentierte Rosi mit seinem Team den Alltag auf der Mittelmeerinsel, und doch liefert er immer wieder Szenen, die man allesamt für gespielt hält, etwa den eindringlichen Rap eines jungen Nigerianers über die Stationen seiner Flucht. «Reise der Hoffnung» basiert umgekehrt auf einer wahren Geschichte. Der Kältetod eines türkischen Jungen an der Schweizer Grenze erschütterte 1988 die Öffentlichkeit. Dass beide Regisseure Fakten und Fiktionen vermischen, spricht für sie. Es gibt schliesslich kein fiktiveres und gleichsam existenzielleres Gebiet als Flucht und Migration. Hier treffen biografische Pläne, staatliche Kontrolle und mediale Inszenierung aufeinander.

Verantwortung aufgelöst

Es gibt in der Beschreibung der Flucht nur einen Unterschied zwischen den beiden Filmen, allerdings einen markanten. Und man darf vermuten, dass darin auch die Veränderung der Politik in den letzten 25 Jahren zum Ausdruck kommt. Koller erzählt die Flucht chronologisch, als Nacheinander, von der Türkei in die Schweiz. So entwickeln sich auch die Figuren: Der engstirnige Haydar, der bloss weg will aus dem ländlichen Leben, kommt auf der Reise mit allen möglichen Leuten in Kontakt, wird zum fürsorglichen, zunehmend verzweifelten Vater. Gianfranco Rosi wiederum blickt auf die Grenze, die Küste von Lampedusa. Die Flucht und ihre Auswirkungen auf die InselbewohnerInnen erscheinen als Nebeneinander: Samuele trifft nur Vögel, niemals auf einen Flüchtling. Die BewohnerInnen erfahren nur zwischen Schlagermusik aus dem Radio, dass schon wieder ein Flüchtlingsboot gekentert ist. Der Einzige, der tatsächlich mit den Flüchtlingen in Berührung kommt, ist der Arzt.

Bei einem Reportagenbesuch auf Lampedusa habe ich das zwar anders erlebt. Auf dieser kleinen Insel von neun auf drei Kilometern stehen sich alle auf den Füssen herum, die einen EinwohnerInnen sind hilfsbereit, die anderen rassistisch. Wenn Rosi das strikte Nebeneinander überzeichnet, so ist seine Analyse dennoch treffend: Die politischen Bemühungen der letzten Jahre bestanden bekanntlich immer auch darin, die Bevölkerung möglichst aus den Asylverfahren zu drängen. Der Kontakt zu Flüchtlingen – im besten Fall Freundschaften – wird amtlich verhindert. Die Verantwortung der Behörden wird hochgradig verteilt, bis sie sich im Nichts auflöst. Die Katastrophe auf dem Mittelmeer dauert deshalb fort, weil alle verantwortlich sind und niemand.

Was hilft gegen die Trennung? Wohl doch der ständige Versuch der Verbindung. Xavier Koller war letzten Freitag an einer Vorpremiere im Kino Rex in Bern. Er erzählte, er habe den Film zuerst mit einer Szene der Beisetzung von Mehmet Ali in der Türkei beenden wollen. Doch schliesslich stoppte er ihn vorher, bei Ramsers Besuch in der Gefängniszelle Haydars, vor dessen Rückschaffung in die Türkei. Ramser bringt Schokolade, Haydar sagt: «Ich wäre gerne dein Freund geworden.»

«Reise der Hoffnung» ab 25. August 2016 im Kino. «Fuocoammare» ab 1. September 2016 im Kino.

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