Nr. 27/2012 vom 05.07.2012

Der Gotthard und die Klospülung

Von Marcel Hänggi

Er sei ein gestrenger Professor, pflegt der Verkehrsingenieur Hermann Knoflacher von der Technischen Universität Wien zu sagen: Er erwarte von seinen StudentInnen mindestens die Intelligenz einer Klospülung. Eine Klospülung besitzt ein Ventil, das sich schliesst, sobald der Spülkasten voll ist. Herkömmliche Verkehrspolitik, sagt Hermann Knoflacher, funktioniere dagegen wie ein Sanitärinstallateur, der denkt: Da will noch mehr Wasser kommen, ich brauche ein grösseres Rohr. Und kaum ist das Rohr angeschlossen, kommt mehr Wasser und der Installateur denkt: Da will noch mehr kommen …

Der schweizerischen Verkehrspolitik ist die Intelligenz der Klospülung durchaus nicht fremd. «Die Transitstrassen-Kapazität im Alpengebiet darf nicht erhöht werden», steht in der Bundesverfassung. Der Bundesrat aber hätte nun mal so gern eine zweite Röhre für den Gotthardstrassentunnel. Jetzt sieht er seine Gelegenheit gekommen: Der alte Gotthardtunnel muss saniert werden, was einen Engpass schafft, der beseitigt werden muss. Um nicht gegen die Verfassung zu verstossen, will der Bundesrat die Kapazität des Tunnels zwar verdoppeln, ihn nach Abschluss der Sanierung aber nur halb nutzen.

Eine zweite Tunnelröhre sei zwar teuer, sagt der Bundesrat, aber «nicht sehr viel» teurer als eine Verladelösung während der sanierungsbedingten Sperrung der alten Röhre, und während eine Verladelösung nur provisorisch wäre (warum eigentlich?), sei eine zweite Tunnelröhre ein bleibender Wert. Das ist ein lustiges Argument, wenn von dem, was bleibt, in der Bundesverfassung steht, dass wir es nicht wollen, weshalb das Bleibende dann ja auch nicht ganz genutzt werden soll. Wir hätten dann, wie sich Verkehrsministerin Doris Leuthard ausdrückt, zwei «redundante» Röhren, mit dem Vorteil, dass man die eine doch noch voll nutzen könnte, fiele einmal die andere aus. So liessen sich Engpässe vermeiden.

Der Gotthard ist nur an wenigen Tagen im Jahr – Ostern, Sommerferien – ein Engpass. Man kann sich gut ausmalen, wie lange es dauert, bis die Forderung aufkommt, die beiden Tunnelröhren bei «Überlastung» ganz zu öffnen – umso mehr, als die EU eine zweite Röhre begrüsst als eine «Reserve, die dazu beitragen dürfte, Staus bei künftigen Eventualfällen zu vermeiden». Aber auch wenn das bundesrätliche Versprechen an, sagen wir, 350 von 365 Tagen gehalten würde und die beiden Tunnelröhren nur in «Eventualfällen» doppelspurig befahren würden, wäre das natürlich eine Kapazitätssteigerung. Was die Leistungsfähigkeit eines Verkehrssystems begrenzt, sind seine Engpässe: das Ventil der Klospülung. Engpässe beseitigen zu wollen, ist die Logik des dummen Sanitärinstallateurs.

Der Anspruch, ein Hochgebirge jederzeit störungsfrei durchfahren zu können, als wäre es gar nicht vorhanden, ist so vermessen wie weiland der Pakt mit dem Teufel in der Schöllenen – aber der Teufel ist nicht immer so doof, sich mit einer Ziege abspeisen zu lassen.

Womit wir beim Mythos wären, den auch Verkehrsministerin Leuthard beschwor. Ein Ausbau des Gotthardtunnels hat hohen, ja geradezu mythischen Symbolwert – aber keinerlei Nutzwert, der irgendwie im Verhältnis zum Aufwand stünde. Auch nicht für die Tessiner Wirtschaft, die um ihre Anbindung an die Deutschschweiz fürchtet: Es sind UrlauberInnen, die den Gotthard von Zeit zu Zeit verstopfen, und die meisten von ihnen bringen der Schweizer Wirtschaft gar nichts. Besonders schön sagte es die NZZ: Die Kreativität, die die Frage der Finanzierung der zweiten Tunnelröhre freigesetzt hat, habe wohl weniger mit einer möglichst kurzen Nord-Süd-Verbindung zu tun als «mit der Tatsache, dass die Notwendigkeit des 2,8-Milliarden-Franken-Projekts nicht gegeben ist».

Das Parlament dürfte der zweiten Tunnelröhre all seinen Bekenntnissen zum Sparen, zu Alpen- und Klimaschutz zum Trotz zustimmen; den Alpenschutzartikel in der Verfassung nehmen Parlament wie Bundesrat seit achtzehn Jahren nicht ernst. Doch die Chancen sind intakt, dass an der Urne die Vernunft siegt. Einfach wird es nicht: Die Strassenbaulobby hat viel Geld, ist gut vernetzt – und aggressiv.

Der Kampf kann gewonnen werden, aber jetzt heisst es: An die Säcke!

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