Nr. 27/2012 vom 05.07.2012

Keine Sonderwelten für «auffällige» Menschen

Herausfinden, was ein Mensch selbst tun kann: Darauf setzt das Konzept der Sozialraumorientierung. Wolfgang Hinte gilt als dessen geistiger Vater. Die WOZ sprach mit ihm über die Tücken der traditionellen Sozialarbeit und die Fähigkeiten, die zum Organisieren einer Diebesbande nötig sind.

Interview: Patrik Maillard

WOZ: Herr Hinte, worin unterscheidet sich das Konzept der Sozialraumorientierung von anderen Ansätzen?
Wolfgang Hinte: Wir versuchen, zwei Fallen zu vermeiden. In die erste Falle trete ich, wenn ich mir ein Bild vom Menschen mache. Dann setze ich Energie ein, den Menschen, so wie er ist, zu verändern. Und Sie kennen das: Wenn jemand Sie verändern will, werden Sie erst einmal garstig oder widerborstig. Die Frage sollte also nicht sein: Was soll aus diesem Menschen werden?, sondern: Wie ist er, welche Stärken hat er, woran hat er Spass, wie hat er sein Leben bisher gemeistert?

In die zweite Falle tappt man, wenn man überlegt: Was kann ich für diesen «armen, benachteiligten Menschen» tun? In diesem Moment habe ich die Eigenaktivität des Menschen schon im Keim erstickt. Ich erhebe mich fragend über jemanden und suggeriere mit der Frage, dass dieser Mensch etwas braucht, das ich ihm geben könnte.

Was schlagen Sie dagegen vor?
Die Alternative ist, zusammen mit dem Menschen herauszufinden, was er selbst tun kann. Auch Menschen in schwierigen Lebenslagen, die vielfach benachteiligt sind, haben Möglichkeiten, selbst aktiv zu sein. Dadurch bekommen sie Würde. Also darf es nicht darum gehen, pädagogisch Menschen «machen» zu wollen, sondern Bedingungen zu schaffen, in denen Menschen gut, gesund und lebensfroh aufwachsen können.

Sozialraumorientierung ist als Konzept für professionelle soziale oder pädagogische Arbeit entwickelt worden. Sie akzeptiert Menschen mit ihren Lebensentwürfen, achtet deren eigene Ressourcen und nimmt den professionellen Anteil möglichst zurück. Der Mensch soll in seinem Umfeld belassen werden, mit den ihm wichtigen Bezugspersonen.

Wenn diese Menschen aber etwas Kriminelles tun?
Nehmen wir jemanden, der Kopf einer kleinkriminellen Jugendbande ist, die in Geschäfte einbricht: Das sind kriminelle Aktionen, und die verurteile ich. Aber die Fähigkeit, mit der er das gemacht hat, die bewundere ich. Denn wer einen Einbruch plant oder eine Gang organisiert, der muss richtig managen können. Ganz häufig sind die Fähigkeiten, die jemand hat, um kriminell zu werden – ich betone: die Fähigkeiten –, die gleichen wie diejenigen, die jemand hat, der ein grosses Unternehmen lenkt.

Ein Standardbeispiel von mir ist die Achtzehnjährige, die im Warenhaus klaut wie ein Rabe. Sie ist optimal prädestiniert, Kaufhausdetektivin zu werden. Wenn man aber nur die kriminelle Tat bekämpft, nimmt man der Person ihre Fähigkeiten, anstatt diese zu achten und sinnvoll einzusetzen.

Im Schulheim Ried leben die Jugendlichen jetzt nicht mehr wie früher abgeschottet am Dorfrand, sondern bewegen sich mitten unter den anderen Menschen. Ist das Teil der Sozialraumorientierung?
Ja, durchaus. Jahrelang sind für «auffällige» Menschen Sonderwelten geschaffen worden. Die Behinderten wurden in grosse Anstalten am Rand der Stadt gesteckt, die alten Menschen in Heime. Die Sonderschüler sind in eigenen Einrichtungen untergebracht worden. Möglichst auch weg vom Alltag, damit sie keinen stören. Für alle wurden eigene Welten erschaffen.

Die Sozialraumorientierung sagt, wenn wir integrativ arbeiten wollen, dann müssen wir eine Gesellschaft schaffen, in der jeder Mensch an dem Ort, wo er sein will, auch arbeiten und leben kann, und zwar zusammen mit vielen verschiedenen Menschen.

Heime beispielsweise müssten weniger spezialisiert und stattdessen integrierter arbeiten. Damit Menschen unterschiedlichen Alters mit ganz verschiedenen Belastungen, Handicaps und Hintergründen lernen, miteinander zu leben. Zudem sollten stationäre Einrichtungen Unterstützung in der Lebenswelt der Menschen anbieten und nicht nur in den eigenen Räumen.

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