Nr. 28/2012 vom 12.07.2012

Wenn «bewährte Massnahmen» scheitern

Am Freitag startet die Fussballliga in ihre neue Saison. In der Debatte um Gewalt und Feuerwerk häufen sich die Stimmen, die den rein repressiven Weg hinterfragen.

Von Pascal Claude

Hans-Jürg Käser sieht keinen Spielraum für Verhandlungen. «Gar nichts» hält er von der Idee, Wege zu suchen für ein legales Abbrennen von Feuerwerk im Stadion. Wer zündet, suche den Kick, so der Präsident der Konferenz der kantonalen Justiz- und Polizeidirektorinnen und -direktoren (KKJPD) in der «Rundschau» des Schweizer Fernsehens. Kein Fan wolle sich vorschreiben lassen, wann, wo und unter welchen Bedingungen er Feuerwerk abbrenne. Auf die Eigenverantwortung der Fangruppen zu zählen, kommt für die KKJPD nicht infrage: «Die Selbstregulierung innerhalb der Fankurven funktioniert offensichtlich nicht oder nicht in genügendem Ausmass», hält sie in ihrem Bericht vom vergangenen Oktober fest.

Die KKJPD, die im Kampf um gewalt- und feuerwerkfreie Sportanlässe den Rhythmus bestimmt, hält den Versuch für gescheitert, auf «partnerschaftlicher Basis konsensfähige Lösungen zu finden». Sie setzt auf eine Strategie der Nulltoleranz und auf verschärfte repressive Massnahmen im Rahmen des Hooligan-Konkordats. Die Haltung, die dieser Strategie zugrunde liegt, ist von der Überzeugung geprägt, dass aus der Fanszene selbst weder Reflexion noch Initiative zu erwarten sind und deshalb nur härtere Massnahmen von aussen zum Ziel führen.

«Grundsätzlich haben wir Verständnis dafür, dass die Polizei im Hintergrund präsent ist und unter Abwägung der Verhältnismässigkeit auch einschreiten kann. Damit muss man als wilde Fanszene umgehen können, ohne sich immer in einer Opferrolle zu sehen.» So steht es auf einem Flugblatt, das der Fandachverband der Basler Muttenzerkurve zum Ende der vergangenen Saison im Stadion verteilt hat. Und in der aktuellen Ausgabe des Fanzines «Känäme» (keine Namen) der «Boys», der grössten Fangruppierung der Zürcher Südkurve, findet sich folgende Passage: «Fordern wir weniger Repression und verhältnismässige Polizeieinsätze, so bedingt das unsererseits gleichzeitig mehr Verantwortung der Gesellschaft gegenüber, sprich: Selbstregulierung. Wir können nicht erwarten, dass sich die Allgemeinheit aus unseren Angelegenheiten raushält, wenn wir sie durch Konflikte offensichtlich miteinbeziehen.»

Parallelen zur Drogenpolitik

Im Mai war publik geworden, dass das Sportamt der Stadt Zürich gemeinsam mit Fanvertretern Möglichkeiten auslotet, Feuerwerk im Stadion gesetzeskonform zu verwenden. Der Vorstoss führte zu heftigen Kontroversen. Doch im Gegensatz zu früheren Diskussionen zum Thema hat sich der Grenzverlauf verändert: Inzwischen argumentieren nicht mehr Fanarbeitende mit Unterstützung des FC-Basel-Präsidenten Bernhard Heusler allein gegen eine repressive Mauer aus Polizei, Politik, Medien und Fussballverband. Eine Abkehr vom rein repressiven Weg findet immer breitere Zustimmung.

Es gehe nicht mit Stammtischparolen, so Claudius Schäfer, CEO der Fussballliga, sondern «einzig im Dialog und mit Verständnis für alle Gruppen». Res Strehle, Chefredaktor des «Tages-Anzeigers», zieht in einem Kommentar zur Zürcher Pyro-Idee Parallelen zum erfolgreichen Pragmatismus in der Drogenpolitik. Der Basler Polizeikommandant Gerhard Lips hält ein kontrolliertes Abbrennen von Feuerwerk für technisch machbar. Die NZZ widmet dem Thema Feuerwerk einen auffällig ausgewogenen Artikel. Und mit der Basler «Tageswoche» bereichert seit vergangenem Herbst eine neue, differenzierte und gut informierte Stimme die lange Zeit festgefahrene Diskussion.

Das «biologische Fundament»

In seinem Jahresbericht 2011 vermerkt das Fedpol im Kapitel «Gewalt an Sportveranstaltungen» einen «Zuwachs von gewaltbereiten Ultragruppierungen», eine zunehmende «Solidarität unter Gewaltbereiten» sowie eine «teilweise Radikalisierung unter Risikofans», insbesondere im Verhältnis zu Polizei und Sicherheitskräften. Mit anderen Worten: Die Situation hat sich verschlechtert, mehr Leute neigen zu mehr Gewalt. Trotzdem sieht das Fedpol in Hooligangesetz, Hooligandatenbank und Stadionverboten «bewährte Massnahmen». Daraus spricht eine gewisse Ratlosigkeit. Eine Öffnung der Diskussion rund um Fussball und Sicherheit, wie sie der Zürcher Pyro-Vorstoss ermöglicht hat, kommt deshalb zur rechten Zeit.

«Raufereien sind nicht einfach ein Zeichen moralischer Verworfenheit», sagte der Schriftsteller und emeritierte Literaturprofessor Peter von Matt kürzlich im «Migros-Magazin». Junge Männer, die sich zu Jugendbanden formen, lebten «einen natürlichen Stammestrieb aus, der in ihrem biologischen Fundament steckt». Die Ausführungen galten zwar der Stammesstruktur der SVP unter Christoph Blocher. Wenn von Matt aber die Überwindung männerbündischen Verhaltens als fragilen Prozess der Zivilisierung beschreibt, klingt auch der Fussball an. Denn wie stark auch immer junge Männer nun ihrer biologischen Disposition ausgesetzt sind, wenn sie sich in die Stadien begeben: Fest steht, dass die geschlossenen Männerbünde der Fussballfans von Politik und Öffentlichkeit als bedrohlich und gestrig wahrgenommen werden und deshalb einhellig auf Ablehnung stossen.

Als der Zürcher Vorschlag zu einer Pyro-Legalisierung öffentlich wurde, äusserte sich die Sozialdemokratin Min Li Marti in der Presse negativ über die Idee: Der Spagat des Sportamts, von der Forderung nach Nulltoleranz zur Prüfung einer Legalisierung innerhalb weniger Monate, sei unglaubwürdig. Die Präsidentin der SP-Fraktion im Zürcher Gemeinderat und Koleiterin der Abteilung Kampagnen und Kommunikation bei der SP Schweiz erklärt gegenüber der WOZ, weshalb von der SP in Fragen um Fussballfans kaum Konstruktives zu vernehmen ist: «Für einen Teil der SP ist der Bereich Fussball und Sicherheit eine der wenigen Möglichkeiten, sich als Partei repressiv zu positionieren.» Anders als im Asylbereich sei hier nicht mit Widerstand von der Basis oder den WählerInnen zu rechnen.

Das fehlende Verständnis für die Welt der Fans ist aber nicht nur strategisch begründet. Marti sieht schlicht keine inhaltlichen Anknüpfungspunkte: «Die Fussballfans sind eine Jugendkultur, aber ohne deren Bonus. Weil sie meist keine Jugendlichen mehr sind und weil nicht ersichtlich ist, was sie eigentlich wollen. Ein Recht auf Pyro ist einfach keine Forderung, die man politisch unterstützen könnte.»

Wie sehr es sich Fussballfans über die Jahre mit sämtlichen politischen Lagern verspielt haben, bekamen die AnhängerInnen des FC Basel bei ihren letzten Besuchen in Zürich zu spüren: Unter dem grünen Polizeivorsteher Daniel Leupi erlebten sie Empfänge, wie sie in der Schweiz höchstens vom Wef bekannt sind: Kessel, Helikoptereinsatz, Personenkontrollen – dies alles, ohne dass es zuvor zu strafbaren Handlungen gekommen war. Die Botschaft ist klar: Zürich hat genug von den Muskelspielen auswärtiger Fans, von ihren Märschen im Feindesland, von den mit verbotenem Feuerwerk beleuchteten Machtdemonstrationen. Die Fans sollen gesittet zum Stadion kommen, am liebsten aber ganz zu Hause bleiben. Weil sie sich, so weiss auch das Fedpol, bei Heimspielen ihres Klubs zwar in der Regel friedlich verhalten, «auswärts aber umso mehr Probleme verursachen».

Sächsföif, Studio Wellness, Zone 5

Den Fans die Auswärtsfahrten madig machen: eine naheliegende Strategie. Erfolgversprechend ist sie deshalb nicht. Wo die Politik an den Fussballfans nichts Schützenswertes findet, schützen diese sich umso entschlossener. Und zu schützen gibt es einiges. Der in den Kurven, insbesondere aber auf Fanmärschen zur Schau gestellte Machismo überdeckt, was an Bindungen, Kreativität und Hingabe den Fanszenen zugrunde liegt.

Jede grössere Fangemeinschaft der Schweizer Super League verfügt heute über ein eigenes, selbstverwaltetes Lokal. Die umgebauten Tiefgaragen, Restaurants oder Gemeinschaftsräume heissen Saal, Sächsföif, Studio Wellness oder Zone 5, und wer sich dort umsieht, versteht, warum die verstärkte behördliche Repression ihr Ziel verfehlt. In ihrem Habitus, ihren Liedern, ihren Schriften und ihren Räumen haben sich die Fans eine Welt eingerichtet, die für sie verbindlich ist: ohne Konsumzwang, quer durch alle Schichten und mit allen Möglichkeiten zur Entfaltung.

Wenn jemand in stundenlanger Feinarbeit ein Modell des eigenen Stehplatzsektors nachbaut, um Choreografien zu entwerfen, sauber die Wände in den Klubfarben tapeziert oder zum Zehn-Jahr-Jubiläum der eigenen Fangruppe die halbe Kurve zu selbst gekochten Speisen einlädt, so steckt dahinter so viel Identität und Engagement, wie sie kein Wasserwerfer wegzuspülen vermag. Auswärtsfahrten sind dabei der vielleicht wichtigste Teil dieser Fanidentität, weil sie Raum bieten, um Neues auszuprobieren, und weil sie die Zusammengehörigkeit stärken angesichts potenzieller Konfrontationen. Auswärts gefahren wird sowieso, aber nicht nach Polizeiprotokoll. Dafür vielleicht «in kleinen Gruppen, ohne Gesänge», wie ein Buch über Hamburger Hooligans heisst.

Wie mit den Minaretten?

KKJPD-Präsident Hans-Jürg Käser liegt vermutlich richtig mit seiner Einschätzung, dass Fans an einer behördlich orchestrierten Pyro-Show kein echtes Interesse haben. Im Ringen um Ruhe an Fussballspielen geht es um die Frage, wie viel Autonomie einer Subkultur zugestanden werden soll, die sich explizit über ihre Autonomie definiert. Heisst die Antwort null, ist die Folge eine Radikalisierung, wie sie das Fedpol feststellt, und eine Solidarisierung «mit Leuten, die das nicht unbedingt verdienen», wie es einer nennt, der die Szene kennt.

Samuel Dubno, grünliberaler Gemeinderatskollege von Min Li Marti und Saisonkartenbesitzer beim FC Zürich, pocht in der Diskussion um Fangewalt deshalb auf das Wahren der Relationen, auch in den Ansprüchen. Wie alt nun diese Fans seien, die sich jugendkulturell gebärden, sieht er als zweitranging: «Wenn da jemand mit Dreissig noch mitmachen will, stört mich das nicht. Es geht vielmehr darum, dass sich die Fangruppen an minimale Regeln halten.» In welchem Masse sie das nicht tun, auf welcher statistischen Basis die stets behauptete Zunahme von Gewalt rund um Sportveranstaltungen also steht, ist nach wie vor unklar. Eine «nicht repräsentative Umfrage» habe zu diesem Ergebnis geführt, war von der KKJPD unlängst zu lesen.

Anstelle der fehlenden Zahlen lässt Dubno seine Erfahrung sprechen: «Wer regelmässig im Stadion ist, weiss, dass es selten zu ernsthaften Vorfällen kommt. Vielleicht ist es wie mit den Minaretten: Wer keine Muslime kennt, fürchtet sich eher vor ihnen. Und glaubt dann, mit einem Minarettverbot diesen Ängsten begegnen zu können.»

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