Nr. 28/2012 vom 12.07.2012

Weisse Elefanten in Stratford

Zehn Milliarden Pfund (fünfzehn Milliarden Franken) werden in London in die Olympischen Spiele investiert. Nachhaltig soll das alles sein. Bis zu einem gewissen Punkt. Jenseits davon werden Sozialwohnungen geschleift.

Von Stefan Howald

Zuerst kam das neue Einkaufszentrum nach Stratford. Ein riesiger Komplex aus Glas und Stahl und etwas edlem Holz: Westfield Stratford City, im September 2011 eröffnet, ist mit einer Fläche von 175 000 Quadratmetern, 268 Läden sowie 86 Bars und Restaurants das grösste zusammenhängende Einkaufszentrum in Europa. Über eine elegante Fussgängerbrücke gelangt man vom neuen Westfield ins ältere Stratford Centre. Vor dessen Eingang stehen verlegen einige Bogen mit mattfarbenen Metallstücken, Blätter an einem Baum oder ein Fischschwarm, wie einem Schulwettbewerb entsprungen.

Hüben, im Westfield, finden sich alle Markennamen, französische Bäckereien und italoamerikanische Delis, kleine Piazze mit sorgsam gepflanzten Bäumen zwischen den Gebäuden; drüben ist ein Poundstretcher eingemietet, ein Laden, in dem alles höchstens ein Pfund (1.50 Franken) kostet, es gibt Jeans für fünf Pfund und billige Schmuckboutiquen, daneben einen Pfandleiher, und selbst im W. H. Smith, der lokalen Filiale der grossen Papeteriekette, ist der Teppich abgenutzt und verschmutzt. Dafür überleben im Centre noch ein paar offene Verkaufsstände, an denen sich dreifach geräucherte Schweinshaxen kaufen lassen.

Eine stark befahrene Strasse trennt das alte und das neue Stratford, ein Quartier im Nordosten von Newham. Newham seinerseits ist einer von 33 Londoner Stadtbezirken, oder, mit rund 280 000 EinwohnerInnen, eine der Städte, die London ausmachen. Zehn Kilometer östlich der City, ist Newham eines der ärmeren Gebiete in England, mit hoher Arbeitslosigkeit und tiefer Lebenserwartung. Es ist auch einer von zwei Londoner Bezirken, in denen nichtweisse Ethnien in der Mehrheit sind, mit 34 Prozent AsiatInnen und 20 Prozent Schwarzen. Deren Zuwanderung in den siebziger Jahren löste starke Feindseligkeiten aus. Dagegen entstand die Campaign against Racism and Fascism (Carf) und half, eine schwarze Gemeinschaft zu formen. Doch 2003 wurde die Carf-Zeitung eingestellt, nachdem solcher Aktivismus aus der Mode geraten war; seither brodeln Ressentiments unter der Oberfläche.

Newham wurde schon einmal von der Gentrifizierung gestreift, im Süden des Bezirks, Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre, mit dem London City Airport und dem Umbau von Docklands im benachbarten Bezirk Tower Hamlets zu Canary Wharf, dem neuen englischen Finanzzentrum. Das ist – trotz Finanzkrise – eine eigene Welt geblieben, reich, glitzernd, sauber, klinisch. Wenn man mit dem Bus vom City Airport ins Zentrum fährt, gerät man aber bald ins Gewirr des anderen Newham: vorbei an kleinen Werkstätten, Fabrikgebäuden – eher Sweatshops –, Hinterhöfen, durch Strassen mit mehrstöckigen Reihenhäusern, dazwischen hin und wieder ein Hochhaus, zumeist mit Sozialwohnungen und abblätternden Fassaden, entlang etwas verlebten, aber lebhaften High Streets, gelegentlich mit vernagelten Läden zwischen Cornershops.

Wiederbelebte Industriebrache

Jetzt kommen also die Olympischen Spiele mit dem Olympischen Park nach Stratford. 250 Hektaren umfasst der neue Park im Tal des Lea, einem Nebenfluss der Themse. Er ist auf einer Industriebrache errichtet worden und soll, nach den Spielen, neue BewohnerInnen und neue Unternehmen anlocken. «Regeneration» heisst das Zauberwort. Helfen sollen der ausgebaute Bahnhof Stratford für die U-Bahn und die Docklands Light Railway sowie der neu gebaute Stratford International für Schnellzüge an die Ostküste. Das Westfield-Einkaufszentrum ist das Eingangstor zum Park, oder das Fort, das ihn gegen die Umgebung bewacht.

«Demolish, Dig, Design» («Niederreissen, graben, neu gestalten») – unter diesem Motto begann die Regeneration 2007. Der Stabreim ist eine bemerkenswerte Dreiheit. Sie fängt destruktiv, geschichtslos an und endet in der schönen neuen Gegenwart der Kreativwirtschaft.

Im Gebiet zwischen der Eastway-Ausfallstrasse im Norden und der U-Bahn-Station Stratford im Südosten lagen einst Zuliefer- und Verarbeitungsbetriebe des Warenverkehrs auf der Themse, grosse Lagerhäuser und Fabriken. Zur Jahrtausendwende waren rund 200 kleinere Gewerbebetriebe und Werkstätten übrig geblieben, dazu einige versprengte Wohnsiedlungen. Für die BewohnerInnen begannen die Umsiedlungen früh. Zum Beispiel in der Clays-Lane-Überbauung. Die war 1977 als Wohnbaugenossenschaft gebaut worden, mit 57 gemeinschaftlich bewohnten Häusern und 50 eigenständigen Wohnungen. Dann, 2005, stand sie den grandiosen olympischen Plänen im Weg. 2006 wurden die Gebäude per Gerichtsbeschluss zwangsenteignet und im September 2007 abgerissen. 430 BewohnerInnen erhielten die Zusicherung, anderswo besser untergebracht zu werden – was nicht immer eingehalten wurde. Weitere Zwangsverkäufe folgten. Einzelne GewerblerInnen erstritten vor Gericht bessere Kompensationen. Ein Fischverarbeitungsbetrieb hat am neuen Standort zusätzlich ein nobles Fischrestaurant gebaut und hofft mit und nach den Olympischen Spielen auf eine betuchtere Kundschaft.

Ökologische Versprechen

Nachdem das Gelände geräumt war, wurde die teilweise durch Chemieunfälle verseuchte Erde bis in achtzig Zentimeter Tiefe abgetragen, dann wieder alles zugeschüttet. Auch sonst wird viel Wert auf Ökologie und Nachhaltigkeit gelegt. Nachhaltige Sportanlagen, nachhaltige Grünflächen, nachhaltige Wohnungen.

In London soll es keine weissen Elefanten nicht mehr benutzter Sportstätten geben. Das Basketballstadion beispielsweise ist in Leichtbauweise errichtet, wird nach den Spielen abgebaut und vermietet. Die übrigen Stadien sollen nachher für Spitzen- wie Breitensport weiter benutzt werden, der Park als lokale Erholungslandschaft dienen. Einige Ziele mussten allerdings revidiert werden; die eigene Energieproduktion wird nur noch zehn statt zwanzig Prozent des gesamten Verbrauchs betragen. Vom olympischen Dorf soll die Hälfte der 2818 Wohneinheiten als erschwingliche Wohnungen vermietet, die andere Hälfte privat weiterverkauft werden. Und als Anschlussprojekt sind weitere 8000 Wohnungen in der Umgebung des Parks geplant.

Die Labour Party des Bezirks steht bedingungslos hinter dieser Regeneration. Durch das britische Majorzsystem hat sie bei den Wahlen 2010 alle sechzig Sitze im Bezirksparlament geholt. Bürgermeister Sir Robin Wales ist ein begeisterter Verfechter der ganzen Bautätigkeit. Natürlich, der Bezirk braucht Geld, und da kann man nicht allen geschenkten Gäulen ins Maul schauen. So engagiert sich Ikea als Bauherrin von 1200 Wohnungen – neben Bürogebäuden, einem Hotel und einem Ikea-Laden, einem bescheidenen allerdings, wie versichert wird.

Architektonisch sticht im Olympiagelände das von der irakisch-britischen Architektin Zaha Hadid entworfene Schwimmstadion hervor, das wie ein Delfin der Umgebung entspringt. Und dann ist da der Arcelor Mittal Orbit. Eine 115 Meter hohe verschlungene Metallskulptur des britisch-indischen Künstlers Anish Kapoor, kraftvoll und leicht zugleich, die eine Aussichtsplattform samt Restaurant beherbergt. Grandiose Vergleiche werden angestellt, mit der Freiheitsstatue in New York (22 Meter höher!) und dem Eiffelturm (ein bisschen kleiner, aber länger, wenn man die ganze Metallstruktur auseinanderwickelt!). Doch was hat es mit dem komplizierten Namen auf sich? Das ist natürlich der Sponsor, der indische Stahlmagnat Mittal und seine Arcelor-Mittal-Gruppe. Nach den Spielen wird die Skulptur in Pacht vergeben, weil sie mit der Zeit rentieren soll.

Bei den städtebaulichen Regenerationsplänen jenseits des Parks ist Wert darauf gelegt worden, erschwingliche Wohnungen zu bauen. Doch dieses Versprechen wird langsam ausgehöhlt. Kürzlich hat die Regierung «erschwinglich» neu definiert: Achtzig Prozent des gängigen Marktpreises darf eine solche Wohnung kosten – bei den horrenden Londoner Mieten und Hauspreisen ein abschreckender Betrag. Und die bisherige liberale Direktorin des Regenerationsprojekts ist von einem altgedienten konservativen Politiker abgelöst worden.

Soziale Segregation

Vielleicht stehen in London nächstens doch ein paar weisse Elefanten. Für das riesige Medienzentrum ist noch kein Käufer gefunden worden. Auch ums Olympiastadion wird noch verhandelt. Der Fussballklub Tottenham Hotspur zog sich nach ursprünglichem Interesse zurück, das soeben wieder in die Premier League aufgestiegene West Ham zögert.

Und bereits zeigen sich die ersten sozialen Segregationen. Etwa beim Carpenter Estate, in der Nähe des Orbit. Das sind drei 22-stöckige Häuser, 1968 eingeweihte Sozialbauten. Bereits 2004 wurden sie zum Abriss vorgemerkt, seither von der Bezirksverwaltung gezielt vernachlässigt. Weiterhin ist aber mehr als die Hälfte der Wohnungen bewohnt. Jetzt sollen die drei Blöcke endgültig abgerissen werden, um einem Campus des University College London Platz zu machen, das sich mehr StudentInnen aus Übersee erhofft. Im Carpenter Estate lässt sich nicht gerade ideal wohnen. Aber sozial nachhaltig sieht anders aus als dessen Abriss und die Verdrängung seiner BewohnerInnen. Die Gruppe Carpenters Against Regeneration Plans rechnet vor, dass in Newham 28 000 Menschen auf der Warteliste für Sozialwohnungen stehen, bei einem Angebot von 600 verfügbaren Wohnungen. Gleichzeitig verfallen im Carpenter Estate seit Jahren ganze Etagen. Für die Olympischen Spiele hat die BBC jetzt fünf davon gemietet, als Hauptquartier für ihre Berichterstattung.

Zwei Wochen vor Beginn der Spiele ist der olympische Park fürs gemeine Volk noch immer gesperrt. Jenseits der Gitterzäune sind Stadiendächer zu sehen, und vom dritten Stock eines Warenhauses im Westfield lässt sich ein Blick aufs olympische Dorf werfen. 2013, oder auch erst 2014, soll der Park fürs breite Publikum geöffnet werden. Die Sozialwohnungen rundherum sind dann womöglich geschleift, doch die sozialen Probleme sicher nicht verschwunden.

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