Nr. 31/2012 vom 02.08.2012

Wohnen in der Grauzone

Billige Zwischennutzung leerer Gebäude – das klingt nach urbanem Abenteuer. MieterInnenrechte und Privatsphäre sind allerdings beim Modell «Antihausbesetzung» unbekannt.

Von Tobias Müller und Tino Buchholz

Ellen Wiegers lag gerade im Bett, als die Tür aufging. Ein fremder Mann trat ins Schlafzimmer, und es sah nicht so aus, als wollte er ob des Anblicks, der sich ihm bot, peinlich berührt kehrtmachen. Für den anderen Mann, den im Bett, den sie gerade erst kennengelernt hatte, war die Sache klar: «Ich wusste nicht, dass du mit jemandem zusammenwohnst», stammelte er. «Tu ich auch nicht, das ist der Kontrolleur», brachte Wiegers heraus.

Die dreissigjährige Studentin, die eigentlich anders heisst, ist einer von rund 50 000 Menschen, die in den Niederlanden vorübergehend leer stehende Gebäude «bewohnend bewachen». Dieses Geschäftsmodell nennt sich in den Niederlanden Antikraak. Damit wollen die EigentümerInnen ihre Immobilien vor Hausbesetzungen (Kraak), Vandalismus und Verfall schützen.

Bis 2010 wurden HausbesetzerInnen nicht strafverfolgt, wenn das betreffende Haus vorher mehr als ein Jahr leer stand. Nun sind Hausbesetzungen verboten. Antikraak aber hat das geduldete Kraaken überlebt: Leerstandsverwaltung, wie es heute genannt wird, boomt in den Niederlanden und ist nun auch in anderen europäischen Ländern angekommen (vgl. «Antikraak für Europa» im Anschluss an diesen Text).

Ferien? Nur mit Bewilligung

Für die kurzzeitigen BewohnerInnen bietet Antikraak eine preiswerte Nische auf angespannten Wohnungsmärkten. Ellen Wiegers zum Beispiel bezahlt für ihre Zweizimmerwohnung in Amsterdam gerade mal 115 Euro im Monat ohne Nebenkosten. Im Durchschnitt zahlen Antikraaker rund 150 Euro. Hinzu kommen in der Regel einmalige Gebühren für Vermittlung, Einschreibung und Kaution von einigen Hundert Euro. Das Viertel nahe der Amstel ist schmucklos und vom sozialen Wohnungsbau geprägt. Auch Wiegers’ Haus ist ein Sozialbau. Jetzt aber sollen hier neue Eigentumswohnungen entstehen, und bis es so weit ist, wohnt in jeder der vier Etagen einE AntikraakerIn.

Wie lange sie bleiben kann, weiss Wiegers nicht. Kündigen kann ihr das Vermittlungsbüro Alvast jederzeit mit einer Frist von vier Wochen, ohne Angabe von Gründen. So steht es in der Übereinkunft, die offiziell «Gebrauchs-Leih-Kontrakt» heisst, denn sie bietet den BewohnerInnen «keinen Anspruch auf Mieterschutz». Zudem enthält sie ein strenges Reglement: Mehr als zwei Wochen Abwesenheit ist nur mit Zustimmung möglich; Partys, Kinder und Haustiere sind untersagt – und die Wohnung muss stets ordentlich aussehen, denn die BewohnerInnen, so bekam es Wiegers einmal gesagt, «sind die Visitenkarten von Alvast».

Um den Wohnungszustand zu prüfen, behält die Firma einen Wohnungsschlüssel und schickt Kontrolleure vorbei. «Natürlich geschieht das immer unangemeldet», sagt Ellen Wiegers. Ein Einzelfall ist sie nicht: Klagen über die Verletzung der Privatsphäre gibt es bei den meisten der etwa fünfzig Antikraak-Agenturen.

Das Geschäftsmodell Antikraak richtet sich eigentlich an flexible Mittelstandskids, StudentInnen und Kreative. Oft aber handeln die Einziehenden aus blanker Not: Der soziale Wohnungsmarkt in den Niederlanden kennt Wartezeiten von sechs Jahren und mehr, auf dem freien Markt gibt es fast nur Eigentumswohnungen. Daneben entsteht mit Antikraak ein dritter, gänzlich unregulierter Wohnungsmarkt. Das Geschäftsmodell wird auch dadurch begünstigt, dass die Lebensdauer von Immobilien abnimmt und die Zeit vor dem Abriss – wenn die Gebäude eigentlich leer stehen – gewinnbringend genutzt wird.

Wohnen in Nichtwohnungen

Vielfach ist Antikraak die letzte Ausfahrt vor der Obdachlosigkeit. Merel Cruyff, Mitte zwanzig, die vor kurzem in ein kleines Haus in einem Arbeiterviertel am Rand von Den Bosch zog, ist dafür ein Beispiel. Die Siedlung gehört einer Wohnungsbaugesellschaft und soll in den nächsten Jahren abgerissen werden. Doch bis dahin regieren hier die Antikraak-Agenturen. Mit siebzehn war Merel Cruyff schon einmal Antikraakerin, in einem Bürogebäude, das zum Verkauf stand. Doch irgendwann hatte sie die ständigen unangekündigten Besuche satt und lebte fortan in besetzten Häusern. Nun, da das Hausbesetzen nicht mehr geduldet ist, weiss Cruyff nicht, wie sie wohnen könnte – ausser wieder als Antikraakerin. Es gibt also beides in einer Person: die Hausbesetzerin und die Antihausbesetzerin.

Der angespannte Wohnungsmarkt eröffnet den Antikraak-Agenturen immer weitere Geschäftsfelder. «Das Wohnen verlagert sich von Wohnungen auf Nichtwohnungen», sagt Joost van Gestel, operativer Chef des Antikraak-Marktführers Camelot Europe, «in leer stehende Büros, Schulen, Kirchen und gelegentlich sogar Gefängnisse.» Camelot-Direktor Remco van Olst brachte die Vorzüge des Geschäftsmodells Antikraak in einem Vortragstitel auf den Punkt: «Proaktive Leerstandsverwaltung – weniger Risiken, mehr Rendite».

Ein bisschen Widerstand

Abel Heijkamp, Sprecher des Bond Precaire Woonvormen (BPW), sieht Antikraak in einem grösseren Rahmen: «Dass Menschen keine vernünftige Unterbringung haben, ist eine politische Entscheidung», so Heijkamp. Kommunen entledigten sich ihrer sozialen Verantwortung, indem sie die Bewirtschaftung von Wohnraum an Antikraak-Agenturen auslagerten. Die BewohnerInnen landen in einer rechtlichen Grauzone, ohne Rechte, aber durchaus mit Pflichten. «Antikraaker sind Wachschutz, Hausmeister und Putzpersonal, nur keine Mieter», sagt Heijkamp. Für die EigentümerInnen und Versicherungen gälten die Objekte weiterhin als leer stehend – sie seien somit lediglich sich selbst verpflichtet.

Die Verträge enthalten eine Reihe bizarrer Klauseln, die rechtlich kaum haltbar sind. BPW hat über fünfzig Regeln gefunden, die gegen zwanzig verschiedene Gesetze verstossen. Dabei geht es um den Eingriff in die Privatsphäre, um Hausfriedensbruch durch Kontrolleure sowie BewohnerInnen- und Menschenrechte.

Für Abel Heijkamp liegt die Lösung auf der Hand: «Antikraak muss abgeschafft werden.» Zunächst aber ruft der BPW dazu auf, der dreissigjährigen «Tradition des Hausfriedensbruchs» durch die Kontrolleure einen Riegel vorzuschieben: Kürzlich tauschten widerständige AntikraakerInnen in mehreren grossen Städten ihre Wohnungsschlösser aus. Welche Wirkung diese Aktion entfaltet, bleibt noch abzuwarten.

Merel Cruyff würde sich gerne am Widerstand beteiligen, macht sich aber Sorgen um die Folgen. «Ich weiss nicht, wo ich sonst hin soll. Eigentlich wollte ich nie mehr antikraak wohnen, aber ich brauche doch ein Dach über dem Kopf.»

Die Namen aller AntikraakerInnen wurden geändert – laut Vertrag dürfen sie Medien keine Auskünfte geben. Weitere Information und Dokumentarfilm von Tino Buchholz: 
www.creativecapitalistcity.org.

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