Nr. 33/2012 vom 16.08.2012

Gibt es SeniorInnen, die noch anfangen, Deutsch zu lernen?

Wie viele Landsleute seiner Generation hat José B. Maluenda auch nach fünfzig Jahren im Land keinen Schweizer Pass. Sein Engagement für Spanisch sprechende Seniorinnen und Senioren in der Schweiz konzentriert sich vor allem auf die konkrete Sozialarbeit.

Von Adrian RiklinMail an Autor:in (Interview) und Ursula Häne (Foto)

«Ideal wäre eine Baracke, eine grosse Garage oder ein ehemaliges Restaurant.» José B. Maluenda sucht für das Projekt ¡Adentro! eine neue Lokalität.

WOZ: Herr Maluenda, Sie sind seit zwölf Jahren ehrenamtlich im Projekt ¡Adentro! für Spanisch sprechende Seniorinnen und Senioren in der Schweiz tätig. Was hat sich in dieser Zeit verändert?
José B. Maluenda: Die Zahl der Senioren hat zugenommen. Die meisten sind ja ab den sechziger Jahren in die Schweiz eingewandert und erst seit kurzem ins Seniorenalter gekommen. Viele kamen mit der Absicht, nur ein paar Jahre zu arbeiten, um danach wieder zurückzukehren. Rund ein Drittel aber ist geblieben, ein weiteres Drittel pendelt. Ein häufiger Konflikt besteht darin, dass pensionierte Männer eher zurückkehren wollen als die Frauen, die wegen ihrer Kinder und Enkelkinder lieber in der Schweiz bleiben.

Die ursprüngliche Absicht, nur ein paar Jahre hier zu bleiben, ist mit ein Grund, weshalb viele Senioren aus dem spanischen Sprachraum nie wirklich Deutsch gelernt haben. Entsprechend gering ist die Partizipation am gesamtgesellschaftlichen Leben hierzulande. Das ist nicht nur selbst verschuldet: Vielen, die sich nach jahrelanger Arbeit in der Schweiz einbürgern wollten, wurde das nicht leichtgemacht.

Ein wichtiger Gedanke von ¡Adentro! ist, dass sich ältere Migrantinnen und Migranten aktiv ins gesellschaftliche Leben einbringen …
Unbedingt. Umso mehr, als sie eine reiche Lebenserfahrung haben, von der auch andere profitieren könnten – auch aus anderen Ländern und Sprachregionen. Wichtig ist deshalb, dass sich auch Seniorinnen und Senioren mit ihren Ideen einbringen können, die Mühe haben, sich in Deutsch auszudrücken. Es braucht also auch Projekte in ihrer Muttersprache. Im hohen Alter, zum Beispiel beim Eintritt in ein Altersheim, gestaltet sich der Alltag ohne gute Deutschkenntnisse noch schwieriger. Für viele Südländer ist es das erste Mal, dass sie mit einer solchen Institution in Kontakt kommen: Zu ihrer Zeit war es in Spanien weit weniger üblich, einen Teil der dritten Lebensphase in einem Heim zu verbringen.

Es gibt also Seniorinnen und Senioren, die im hohen Alter noch Deutsch lernen?
In unserem Lokal Esperanza in Zürich-Altstetten bieten wir jeweils am Freitag solche Kurse an. Aber natürlich ist es schwierig, so spät noch mit dem Lernen einer Sprache anzufangen.

Was werden an der Badenerstrasse sonst noch für Kurse angeboten?
Zum Beispiel das gemeinsame Singen und Turnen am Donnerstag – wir haben einen eigenen Tanz- und Turnraum. In einem weiteren Kurs bieten wir Übungen an und geben Tipps, wie man älteren Menschen mit Bewegungseinschränkungen behilflich sein und auch selbst mehr Sicherheit im Alltag gewinnen kann. Wir organisieren auch Exkursionen, Stadt- und Quartierführungen. Kürzlich waren wir im ehemaligen Industrieviertel, in dem viele unserer Landsleute gearbeitet haben. Mit Kollegen eines bosnischen Vereins besuchten wir unlängst den Botanischen Garten und kochten nachher im Gemeindezentrum Wollishofen gemeinsam Paella – ein solcher Austausch mit Migranten aus anderen Sprachräumen ist für beide Seiten sehr wertvoll.

Besonders wichtig ist die Einführung ins schweizerische Sozialwesen; insbesondere geht es darum, die Angebote von Einrichtungen wie Pro Senectute, Spitex oder auch das System der Ergänzungsleistungen zu erklären.

¡Adentro! bietet auch «Biografiearbeit» an. Was bedeutet das?
Hier können Senioren mithilfe von Bildern und Texten aus Zeitungen und Zeitschriften Collagen zu ihrem Leben zusammenstellen. So können in der anschliessenden Diskussion Fragen zur persönlichen Vergangenheit, Gegenwart und vor allem zur persönlichen Zukunft geklärt werden: Wie war es damals, wo bin ich heute – und wie möchte ich die nächsten Jahre verbringen?

Werden die Kurse rege besucht?
Vor einigen Jahren, als wir uns noch im Altersheim Limmat getroffen haben, kamen mehr Leute; in unserem Lokal in Altstetten hingegen ist es manchmal ziemlich überschaubar. Wenn man bedenkt, dass im Grossraum Zürich einige Hundert Spanisch sprechende Senioren leben, ist das doch recht erstaunlich. Aber jede und jeder Pensionierte hat das Recht auf ihre und seine persönliche Freiheit – viele sind ja auch schon viele Stunden damit beschäftigt, ihre Kinder und Enkelkinder zu unterstützen.

Hat die Lage etwas damit zu tun?
Vielleicht. In Zürich wohnen viele Spanisch sprechende Senioren in den Kreisen drei, vier und fünf, einige in Oerlikon oder Schwamendingen. Da nun aber der Mietvertrag nicht erneuert wird, müssen wir das Lokal in Altstetten Ende des Jahres räumen. Jetzt sind wir auf der Suche nach neuen Räumlichkeiten: Ideal wäre zum Beispiel eine grosse Garage oder ein ehemaliges Restaurant. Auf jeden Fall sollte es eine grössere Küche geben. Es gibt ja auch viele alleinstehende ältere Männer, die nie wirklich kochen gelernt haben. Da wäre ein gemeinsamer Mittagstisch, an dem sie günstig und vor allem auch gesund essen könnten, wunderbar.

José B. Maluenda (75) zog 1962 aus Madrid 
in die Schweiz, wo er vierzig Jahre in der Metallindustrie arbeitete. Seit seiner Pensionierung im Jahr 2002 engagiert er sich 
von Zürich aus ehrenamtlich als Koordinator 
und Leiter im Seniorenhilfsprojekt ¡Adentro! für Spanisch sprechende SeniorInnen in der Schweiz.

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