Nr. 33/2012 vom 16.08.2012

«Sie kannten die Löcher in meinen Socken»

Kostas Karasantes galt 32 Jahre als staatenloser Flüchtling. Heute ist er Grieche und Schweizer und hofft auf das Linksbündnis Syriza.

Von Noëmi LandoltMail an Autor:in (Text) und Ursula Häne (Foto)

Aufgewachsen mit Heimweh nach einem Land, das er nicht kannte: Kostas Karasantes spricht heute noch von «bei uns», wenn er Griechenland meint.

Die Tasse steht noch immer unangerührt auf dem Tisch, der Kaffee ist längst kalt geworden, während Kostas Karasantes erzählt. Seit gut zwei Stunden sitzen wir in einem Café beim Basler Bahnhof und sind in unserem Gespräch erst in den achtziger Jahren und damit bei der Hälfte von Karasantes’ Lebensgeschichte angelangt. Der 61-Jährige erzählt gerne und ausschweifend: «Sie müssen mir Grenzen setzen», sagt er und holt Luft, um sogleich weiterzureden, denn zu erzählen gibt es vieles.

Kostas Karasantes’ Eltern hatten im Griechischen Bürgerkrieg auf der Seite der KommunistInnen gekämpft, bis eine US-amerikanische Mine seiner Mutter den Unterschenkel wegsprengte. Sie flohen nach Ungarn, 1950 wurde Kostas Karasantes in Budapest geboren. «Ich hatte eine glückliche Jugend», sagt er. «Ich genoss eine sozialistische Erziehung, wie sie im Bilderbuch steht.» Er war bei den Pionieren, marschierte mit bei den 1.-Mai-Umzügen, besuchte ein marxistisch-leninistisches Gymnasium und studierte dann slawistische Philologie in Belgrad, Zagreb und zuletzt Skopje. 1973 besuchte ihn dort ein Verwandter aus Griechenland, und Karasantes beschloss, endlich in das Land zu reisen, von dem ihm seine Eltern so oft erzählt hatten. «Sie sprachen oft von Rückkehr», erzählt Karasantes. «Ich bin aufgewachsen mit dem Heimweh.» Einem Heimweh nach einem Land, in dem er damals noch nie gewesen war und bis heute nie gelebt hat. Und doch sagt er noch heute, hier im Basler Café, «bei uns», wenn er von Griechenland, und «wir», wenn er von den Griechen spricht.

Verhaftet und fichiert

Doch der erste Versuch, in die unbekannte Heimat zu reisen, schlug fehl, am Grenzposten in Gevgelija im heutigen Mazedonien wurde er abgewiesen. Allen griechischen Bürgerkriegsflüchtlingen war die Staatsbürgerschaft aberkannt worden. Auch Karasantes war nun staatenlos und sollte es bis zu seinem 32. Lebensjahr bleiben – heute hat er sowohl den griechischen als auch den Schweizer Pass. Ein Bekannter riet ihm, die Einreise über ein westliches Land zu versuchen. Zu Fuss überquerten er und ein Freund des Nachts die grüne italienisch-jugoslawische Grenze und nahmen in Triest den Zug nach Basel, von wo sie eigentlich weiter nach Kanada oder in die USA wollten. In Basel meldeten sie sich bei der Fremdenpolizei und wurden erst einmal in Untersuchungshaft im Lohnhof gesteckt. «Als vermeintliche Kommunisten schienen wir gefährlich» – und dass dies eine Weile so bleiben sollte, erfuhr Karasantes in den neunziger Jahren im Rahmen der Fichenaffäre. «In meiner Fiche fand sich eine genaue Beschreibung meiner Wohnung und dass ich Löcher in den Socken hatte. Ich weiss bis heute nicht, warum ich fichiert wurde.» Vielleicht weil er regelmässig nach Zürich an die 1.-Mai-Demo fuhr, vielleicht weil er an den Anti-AKW-Protesten und auch an der Besetzung in Kaiseraugst teilnahm, vielleicht weil er mit mehreren POB/Poch-Mitgliedern gut befreundet war und es auch heute noch ist.

Aus der U-Haft kam Karasantes nach Altstätten (SG) in ein Empfangszentrum, bis er schliesslich als Flüchtling anerkannt wurde und nach Basel zurückkehrte, wo er 1977 seine Frau kennenlernte, mit der er zwei Kinder hat. Er arbeitete temporär auf Baustellen, dann bei diversen Druckereien, bevor er sich schliesslich 1989 selbstständig machte und seine eigene kleine Druckerei, Kostas Druck, in Allschwil aufbaute, die er noch heute – der Digitaldruck machts möglich – als Einmannbetrieb führt.

Viel Sonne, nette Leute, super!

Mit seiner Frau reiste Karasantes in den siebziger Jahren auch erstmals nach Griechenland. Die Beschreibung der Reise fällt unsentimental und kurz aus: «Es war so, wie ich es mir immer vorgestellt hatte. Viel Sonne, nette Leute, meine Familie. Super!» Lieber spricht er über das heutige Griechenland, die Krise, die «griechische Tragödie»: «Die Bedingungen, die Griechenland auferlegt werden, dienen einzig dem Kapital und den Banken.» Er hat oft Kontakt zu Freunden und Verwandten, er erzählt von einem Freund, der ein Weingut im Norden des Landes hat, ihm gehe es gut, er verkaufe seine Weine ins Ausland. Er erzählt aber auch von Spitälern, die keine Medikamente mehr haben, davon, dass ihm die arbeitslosen Jugendlichen und der Aufschwung der Rechtsextremen Sorgen machten.

Sorgen machen Karasantes auch die Hunderttausenden von gestrandeten Flüchtlingen in Athen und anderswo. Sorgen, dass sich der Volkszorn entlädt, der letzte Solidaritätsgedanke verschwindet, Fremdenhass um sich greift. Er hofft auf die Jugend und auf das sozialistische Parteibündnis Syriza. «Ich bin kein Kommunist, aber ich bin links», sagt er heute. Zu oft hätten sozialistische Bewegungen die falsche Richtung genommen. «Aber nach 38 Jahren in der plutokratischen Schweiz weiss ich, dass der Kapitalismus auch nicht funktioniert.»

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