Nr. 37/2012 vom 13.09.2012

«Auf die Familie und auf Freunde ist noch immer Verlass»

Das Rentnerpaar Antonios und Evangelia Michalis erlebt jeden Tag, was die Sparvorgaben der Europäischen Union bedeuten. Sie fühlen sich vom Staat immer mehr allein gelassen.

Von Theodora Mavropoulos

«Die hatten recht», sagt Antonios Michalis. «Das zeigt doch nur, wie verzweifelt viele Rentner jetzt schon sind.» Antonios ist neunzig Jahre alt und Rentner – und er ist verzweifelt. Könnte er gehen und wäre er vergangene Woche in Athen gewesen, er hätte dabei sein können, als ein paar Dutzend aufgebrachte SeniorInnen das Gesundheitsministerium stürmten und bis ins Büro von Minister Andreas Lykourentzos vordrangen. Dreimal schon wurden in den vergangenen zwei Jahren ihre Bezüge gekürzt, zusammengenommen um rund ein Viertel.

Bei den derzeit laufenden Verhandlungen verlangt die sogenannte Troika aus der Kommission der Europäischen Union, der Europäischen Zentralbank und dem Internationalen Währungsfonds von Griechenland weitere Einsparungen von mindestens 11,5 Milliarden Euro, um die nächste dringend benötigte Kredittranche von 31,5 Milliarden Euro freizugeben. Nach den Vorstellungen der Geldgeber sollen weitere 150 000  Staatsbedienstete entlassen, die Sechstagewoche eingeführt und der Kündigungsschutz gelockert werden.

Die griechische Regierung hat sogar einen Sparvorschlag im Umfang von 17 Milliarden Euro vorgelegt. Bis Ende Oktober will die Troika die Vorschläge Griechenlands prüfen. Wenn sie diese dann für ungenügend hält, werden die Kreditzahlungen eingestellt und Griechenland ist pleite. Schon jetzt ist klar: Auch beim neuen Sparpaket sollen die RentnerInnen mit 4,6 Milliarden Euro die Hauptlast tragen. Wie das gehen soll, weiss Michalis nicht. «Wir Alten können uns doch heute schon unsere notwendige Medizin kaum mehr leisten.»

Medikamente nur gegen Vorkasse

Antonios Michalis, der mit seiner 89-jährigen Frau Evangelia in Patras auf der Halbinsel des Peloponnes wohnt, ist vor drei Monaten schwer gestürzt und hat sich den Oberschenkel gebrochen. «Ich bin alt», sagt er, «da passiert so etwas eben.» Schlimm sei nur, dass er vom Staat allein gelassen werde. Und dies, obwohl er sein ganzes Arbeitsleben lang als Vorarbeiter auf einer grossen Fruchtplantage nicht schlecht verdient und immer in die Rentenkasse eingezahlt hat.

Nach den drei Kürzungsrunden bekommt das Ehepaar heute eine gemeinsame Rente von monatlich 1150 Euro. Das hört sich zunächst ganz ordentlich an. Aber ein altes und gesundheitlich angeschlagenes Paar kann davon im Griechenland von heute kaum mehr leben. Arztbesuche, Pflegekraft und Medizin – alles muss aus der eigenen Tasche bezahlt werden. Das übersteigt oftmals das Budget von Antonios und Evangelia Michalis. Allein für Medikamente müssen die beiden über 200 Euro monatlich ausgeben. Jeder Hausbesuch des Arztes kostet 50 Euro, und die Pflegekraft, ohne die sich das Paar nicht mehr aus dem Bett bewegen könnte, berechnet pro Monat an die 900 Euro.

«Um ab und zu das Geld für die Pflegekraft zu sparen, hilft uns unsere Tochter», sagt Evangelia Michalis. «Manchmal steckt sie uns auch etwas Geld zu.» Die Tochter arbeitet in einem Supermarkt an der Kasse und kommt selbst kaum über die Runden. «Es ist uns jedes Mal peinlich, von ihr Geld anzunehmen.»

Bei weiteren Kürzungen im Gesundheitsbereich droht der vollkommene Zusammenbruch der medizinischen Versorgung. Apotheker weigern sich jetzt schon, Medikamente auf Rezept zu geben – das Risiko, den ausgelegten Betrag von der staatlichen Krankenkasse nicht zurückzubekommen, ist ihnen zu hoch. ÄrztInnen lehnen verordnete Untersuchungen ab, weil sie befürchten, kein Honorar zu sehen. «Ich habe sogar Verständnis dafür», sagt Antonios Michalis resigniert, «die müssen ja auch irgendwie ihre Familien ernähren.» Zahlungsverzögerungen der Krankenkassen haben schon viele Apotheken in die Pleite und das Defizit von Spitälern in die Höhe getrieben. Beide können Medikamente von den Pharmaunternehmen nur gegen Vorkasse beziehen.

«Wir verlangen gar nicht viel»

Die einheitliche staatliche Krankenversicherung wurde erst vor einem Jahr aus den gesetzlichen Krankenkassen der ArbeitnehmerInnen, der Selbstständigen und Freiberufler, des öffentlichen Dienstes und des landwirtschaftlichen Sektors geschaffen, um gleichwertige Leistungen für alle zu garantieren. Die tendieren jetzt allerdings mehr und mehr gegen null: Hunderttausende müssen ihre Medikamente in der Apotheke bar bezahlen und können sich erst anschliessend mit der Quittung an die Kasse wenden. Die Altschulden der zusammengelegten gesetzlichen Krankenkassen stehen bei der neuen Superkasse in den Büchern: mehr als zwei Milliarden Euro. Allein 270 Millionen schuldet die Kasse den ApothekerInnen des Landes, 800 Millionen den Privatkliniken, ÄrztInnen und Krankenhäusern. Ihr monatlicher Etat wurde deshalb drastisch gekürzt.

«Als ich gestürzt bin und mir den Oberschenkel gebrochen habe, dachte ich schon, jetzt ist es vorbei – jetzt bin ich in diesem Staat ausgeliefert», sagt Antonios Michalis. «Aber irgendwie ging es bisher immer. Auf die Familie und auf Freunde ist in Griechenland noch immer Verlass.» So haben ihm Freunde einen Rollstuhl besorgt. Von der staatlichen Kasse hätte er nie einen bekommen. Aber auch dieses solidarische Netz fängt unter dem Druck der dauernden Sparauflagen langsam zu bröckeln an. «Die Leute haben selbst nichts mehr.»

Wer sich früher eine Privatklinik leisten konnte, geht heute ins öffentliche Spital. Die personelle Unterbesetzung im staatlichen Gesundheitswesen – es fehlen rund 5000 ÄrztInnen und 20 000  Pflegekräfte – ist wegen der steigenden Nachfrage noch dramatischer als zuvor: Die Wartezeiten werden immer länger, die Qualität der Versorgung sinkt. KrebspatientInnen müssen vor einer Operation inzwischen mit einer Wartezeit von bis zu fünf Monaten rechnen. «Ich hoffe, dass ich so schnell nicht wieder in ein Spital muss», sagt Antonios. «Niemand kümmert sich dort um dich, wenn du nicht selbst eine Pflegekraft bezahlst oder sich deine Familie oder deine Freunde um dich sorgen.»

Nach der nächsten Sparrunde werde alles noch schlimmer, befürchtet er. Auch wenn noch nicht alle Details ausgehandelt sind, so ist doch eines klar: Diejenigen, die schon jetzt kaum mehr etwas haben, wird es am härtesten treffen. «Dabei verlangen wir gar nicht viel», sagt Evangelia Michalis. «Wir wollen nur in Würde altern, mehr nicht.»

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