Nr. 39/2012 vom 27.09.2012

Und wenn jemand schlecht über Ihre Religion redet?

Manchmal zweifeln Evangelikale an Gertrud Bernoullis Glauben. Sie kann umgekehrt mit deren Theologie wenig anfangen. Die Verachtung, die der Westen dem Islam entgegenbringt, macht ihr Sorgen.

Intrview: Bettina Dyttrich

WOZ: Gertrud Bernoulli, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn fundamentalistische Christen antiislamische Hetzfilme drehen?
Gertrud Bernoulli: Es geht ihnen nicht um eine sachliche Auseinandersetzung, sondern um ein gezieltes Verletzen. Ich glaube, es gibt einen politischen Missbrauch von Religion. Menschen, denen etwas heilig ist und die zugleich ängstlich sind und einen engen Horizont haben, können missbraucht werden.

Fühlen Sie sich auch verletzt, wenn jemand schlecht über Ihre Religion redet?
Ja, es macht mich hässig, wenn Leute verallgemeinernd über das Christentum sprechen und die dunklen Seiten der Kirchengeschichte brauchen, um das Ganze fertigzumachen. Ich habe mich auch über eine WOZ-Kolumne aufgeregt, in der es hiess, die Linke habe sich mit den «Pfaffen» gegen längere Ladenöffnungszeiten verbündet. Ich finde diesen Ausdruck ziemlich heftig – ich bin gottefroh, dass in der Kirche über Ruhezeiten nachgedacht wird. Die Tätigkeiten unterbrechen, um zu ruhen, sich zu besinnen, das ist etwas Grundheiliges.

Aber Sie würden wegen dieser Kolumne nicht randalieren …
Natürlich nicht. Ich glaube, die Ausschreitungen wegen dieses Films haben viel mit der Verachtung zu tun, die der Westen der ganzen islamischen Kultur entgegenbringt. Wie alles auf den Fundamentalismus reduziert wird, das ist eine systematische Demütigung.

In den USA werden evangelikale Gruppen immer aggressiver. Gibt es Parallelen in der Schweiz?
Es ist nicht vergleichbar. Es gibt natürlich Organisationen, die ähnlich denken, etwa die EDU. Aber sie sind viel kleiner. Doch auch in der Landeskirche haben Gläubige ganz entgegengesetzte Meinungen, wenn es ums konkrete Leben und politische Weichenstellungen geht.

Gibt es Diskussionen, welche politische Haltung sich mit dem Glauben vereinbaren lässt?
Kaum. Wir reden ja in unserer Gesellschaft generell wenig über den Glauben. Es ist fast ein Tabu. Darum gibt es wohl auf dieser Ebene auch kaum Auseinandersetzungen. Solche Diskussionen entstehen eher mit Evangelikalen, die daran zweifeln, ob wir bekehrt sind.

Wie definieren diese Leute denn «bekehrt»?
Ich denke, es ist das Bekenntnis: «Ich bin erlöst durch Herrn Jesus Christus, der für mich gestorben ist am Kreuz, und bin deshalb ein geretteter Mensch.» Die meisten können auch das genaue Datum sagen, an dem sie bekehrt wurden …

Aber es ist doch die Essenz des Christentums, an Jesus zu glauben.
Ja, aber was heisst das? Natürlich ist es eindrücklich, dass Jesus bis zum Tod zu seiner Botschaft gestanden ist. Aber für mich geht es dabei nicht um ein Sühneopfer … Gott hat nicht den Tod seines Sohnes gebraucht, um mich mit ihm zu versöhnen. Mit einer solchen Theologie kann ich wenig anfangen. Mich stört es bei bekennenden Gruppen auch, wenn sie ständig von ihrem Glauben reden, ihr Bekenntnis aber mit ihrem Leben kaum einlösen.

Wie definieren Sie Sünde?
Sünde, würde ich sagen, ist das, was uns von Gott trennt. Was dem Grundgebot von der Liebe widerspricht. Wenn wir uns selber schaden, anderen schaden … Und es gibt auch Gesetze, in denen Sünde drinsteckt, finde ich. Wenn man Gesetze macht, nach denen es Menschen mit mehr oder weniger Rechten gibt, dann steckt die Sünde schon in der Struktur.

Die Ausschaffungsinitiative?
Zum Beispiel. Und dass wir Dinge konsumieren, die auf Kosten anderer produziert wurden, ist indirekt auch Sünde.

Sie haben vor zwei Wochen eine Wahltochter aus Bosnien erwähnt. Können Sie mehr von ihr erzählen?
Nada flüchtete während des Kriegs mit vierzehn allein in die Schweiz und arbeitete als Haushaltshilfe. Sie erfuhr nur zufällig, dass sie das Recht hatte, in die Schule zu gehen. Ihre Lehrerin war eine gute Freundin von uns, so lernten wir sie kennen. Sie musste ohne Abschluss zurück, schaffte aber mit unglaublicher Energie doch die Matura und konnte in Deutschland studieren. Wir haben das nie geplant, aber wir sind einfach zusammengewachsen, wie eine Familie. Jetzt hat sie endlich einen deutschen Pass, aber das waren Odysseen! Immer wieder war ihr Aufenthalt gefährdet. Da merkten wir, wie dicht die Grenzen der EU sind.

Viele Leute, die am Politischen Abendgottesdienst teilnehmen, sind im Pensionsalter. Stirbt die linke christliche Tradition aus?
Nein, das geht weiter! Dieses Virus kann nicht ausgerottet werden. Wenn es an einem Ort nicht mehr lebt, geht es woanders weiter.

Ist es Ihnen wichtig, dass es christlich deklariert ist?
Ich freue mich, wenn es das ist. Aber ich treffe auch immer wieder Leute, die sich auf eindrücklichste Weise engagieren, wenig darüber reden und nicht einmal sagen können, warum sie es tun. Sie beziehen sich nicht auf den christlichen Glauben, aber sie leben ihn.

Gertrud Bernoulli (61) ist seit 35 Jahren Pfarrerin. Seit 22 Jahren organisiert sie in Zürich mit einem Team den Politischen Abendgottesdienst (siehe WOZ Nr. 8/10). Heute arbeitet sie in Rüschlikon am Zürichsee.

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