Nr. 37/2012 vom 13.09.2012

Ist der Glaube eine Entscheidung oder ein Gefühl?

Obwohl ihr Vater Kleinbauer und Hilfsarbeiter war, konnte Gertrud Bernoulli das Gymnasium besuchen – dank eines engagierten Pfarrers. Doch das Theologiestudium war eine Enttäuschung.

Von Bettina Dyttrich

WOZ: Gertrud Bernoulli, warum sind Sie Pfarrerin geworden?
Gertrud Bernoulli: Meine Familie hatte einen kleinen Bauernhof im Kanton Baselland gepachtet. Als wir mit dem Bauern aufhören mussten, weil meine Mutter einen kaputten Rücken hatte, zogen wir in ein Dorf, direkt neben das Pfarrhaus. Meine Mutter war depressiv und wollte sich das Leben nehmen. Der Pfarrer reagierte sofort und erklärte mir, das sei eine Krankheit wie andere auch, und ich solle das den Leuten sagen, wenn sie etwas anderes behaupteten. Er gab mir Klavierstunden und redete auch viel mit mir. Ich glaube, das rettete mich damals. Er fand, meine ältere Schwester und ich sollten studieren, und machte meinen Eltern Mut.

Irgendwann fragte er, ob ich Theologie studieren wolle. Da war ich schon im Progymnasium, aber hatte noch kein Latein – ich wollte eigentlich bauern, war auch einmal in einen Bauernsohn verliebt …

Das wäre sicher auch spannend gewesen.
Ja, aber er ist dann auch nicht Bauer geworden. – Ich erlebte diesen Pfarrer als sehr hilfreich; er lebte, was er sagte, und behandelte die Kinder vom Erziehungsheim gleich wie uns. Da entschied ich ganz schnell, ich wolle Theologie machen und jemand werden wie er. In drei Wochen holte ich ein Jahr Latein nach.

Waren die Eltern einverstanden?
Ja, sie sagten einfach, sie könnten uns nicht helfen bei den Hausaufgaben … Es ist schon anstrengend, wenn man aus einem bildungsfernen Haus kommt. Ich bin das nie ganz losgeworden. Wenn jemand sagt: «Sie als Theologin, Sie wissen das sicher …», ist mir heute noch unwohl (lacht). Ich bin auch immer eingeschlafen in den Vorlesungen. Die meisten waren so langweilig! Die christlichen Inhalte, die mich bewegten, fand ich im Studium jedenfalls nur spärlich.

Haben Sie trotzdem abgeschlossen?
Ja. Aber kurz vor der Abschlussprüfung reiste ich einen Monat nach Nairobi an eine Vollversammlung des ökumenischen Rates der Kirchen. Als Steward. Obwohl ich kaum Englisch konnte … Ich habe miterlebt, wie dort das Antirassismusprogramm trotz Widerstand der europäischen und nordamerikanischen Kirchen durchkam. Das war spannend. Aber während des Studiums hatte ich wenig Zeit für anderes – ich musste immer auch Geld verdienen, das Stipendium reichte nicht. Und ich unterstützte meine Familie, ich habe eine geistig behinderte Schwester, der es damals schlecht ging.

Waren Ihre Eltern links?
Sie waren einfache Menschen mit einem guten Menschenverstand. Später stimmten sie schon links ab. Aber mich hat eigentlich meine behinderte Schwester politisiert: Ich habe früh begriffen, dass Menschen, die keinen Profit abwerfen, nichts gelten. Das fand ich so ungerecht! Das Gerechtigkeitsgefühl habe ich schon von meinen Eltern. Und die Sensibilität für die Umwelt – meine Mutter ertrug es nicht, wenn ein Tier schlecht behandelt wurde. Sie sagte immer: Da schaut uns doch Gott an aus diesem Tier heraus. Das war etwas ganz Tiefes bei ihr. Ich bin froh darüber.

Wie lebten Ihre Eltern den Glauben?
Sie gingen in die Kirche und auch an die Versammlungen des Brüdervereins, das ist eine evangelische Sekte. Da ging ich jeweils auch mit, aber ich realisierte früh: Was die am Sonntag beten und am Werktag leben, das geht nicht zusammen. Diese Doppelmoral und diese Strenge – alles ist verboten, man darf nicht tanzen, nicht fröhlich sein. So ein Blödsinn! Darum war ich froh, lernte ich diesen Pfarrer kennen und bekam einen glaubwürdigen Unterricht.

Ist der Glaube für Sie eine Entscheidung oder etwas Emotionales?
Ich glaube, er ist eine Einsicht (lacht). Auf emotionaler und rationaler Ebene. Für mich ist er ein hilfreicher Weg: Das zentrale Doppelgebot von der Liebe – du sollst Gott von ganzem Herzen lieben und deinen Nächsten wie dich selbst – finde ich sehr lebensdienlich und wichtig. Und Jesus konnte uns das so einleuchtend vorleben. Er hatte ja keinen Platz hier, war nicht erfolgreich – er wurde umgebracht. Aber dass man seine Ideen nicht ausrotten konnte, das ist für mich die Auferstehung. Viele Leute stehen immer wieder auf, auch in den schwierigsten Umständen, und leben diese Ideen. Und haben dabei ein erfülltes Leben.

Also ist Jesus zentral für Sie?
Ja. Er ist schon eine leuchtende Figur. Seine Haltung zur Familie zum Beispiel war wirklich revolutionär. Als seine Familie ihn heimholen wollte, weil sie merkte, es wird langsam gefährlich für ihn, fragte er: «Wer ist das, meine Mutter und meine Geschwister? Meine Mutter und meine Geschwister sind jene, die den Willen von Gott tun.» Er hat den Besitzanspruch der Familie aufgelöst und verweigert. Das kann für Leute, die an der eigenen Familie verzweifeln – es gibt da ja unheimliche Leidensgeschichten – eine solche Befreiung sein! Ich habe das oft erlebt: wie man zu einer Familie werden kann über die Familiengrenzen hinaus. Mit unserer Wahltochter aus Bosnien zum Beispiel. Und er hat das ja auch gelebt.

Gertrud Bernoulli (61) ist seit 35 Jahren Pfarrerin. Seit 22 Jahren organisiert sie in Zürich mit einem Team den Politischen Abendgottesdienst (siehe WOZ Nr. 8/10). Heute arbeitet sie in Rüschlikon am Zürichsee.

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