Nr. 38/2012 vom 20.09.2012

Was sagen Sie zur Abtreibung?

Der Pfarrberuf sei immer noch auf Männer zugeschnitten, meint Gertrud Bernoulli. Ihr Engagement für Flüchtlinge und ihr Interesse an feministischen Fragen stiessen nicht immer auf Gegenliebe.

Von Bettina Dyttrich (Text) und Ursula Häne (Foto)

Gertrud Bernoulli: «Für mich ist Gott weder Mann noch Frau, sondern ein Gegenüber, das beide Züge hat.»

WOZ: Gertrud Bernoulli, letzten Samstag fand in Zürich ein «Marsch fürs Läbe» statt. Wie stehen Sie zum Thema Schwangerschaftsabbruch?
Gertrud Bernoulli: Eine Gesellschaft, die das Kinderhaben ganz als Privatsache anschaut und dermassen nicht kinderfreundlich eingerichtet ist wie die unsere, wäre verlogen, wenn sie die Abtreibung verbieten würde.

Unterscheiden Sie zwischen Abtreibung an sich und Abtreibung wegen einer Behinderung?
Ich denke, eine Frau bricht die Schwangerschaft normalerweise nur ab, wenn sie merkt, dass es wirklich nicht geht, dass sie jetzt nicht gut Mutter sein kann. Bei Abbrüchen wegen Pränataldiagnostik wird es hingegen an die Frauen herangetragen, es wird schon fast erwartet. Und «Jetzt kein Kind» ist nicht das Gleiche wie «Ich will ein Kind, aber nicht dieses».

Ich gründete vor gut zwanzig Jahren den Verein «Ganzheitliche Beratung und kritische Information zu pränataler Diagnostik» mit. Wir erarbeiteten Broschüren für werdende Eltern, Unterlagen für Ärzte und Ärztinnen und Beratungsstellen. Im Vorstand war auch die Mutter eines Kinds mit Down-Syndrom, die schon während der Schwangerschaft von der Behinderung gewusst hatte. Sie brauchte viel Zivilcourage, um dieses Kind auszutragen. Noch sind die Versicherungen garantiert, aber wer weiss, ob das so bleibt …

Sie waren neben Ihrer Arbeit als Pfarrerin immer auch politisch aktiv. Führte das nie zu Konflikten?
Doch. Anfang der neunziger Jahre, während des Bosnienkriegs, begann ich, in einer Landgemeinde zu arbeiten. Dort machte ich mich bei den Gemeindebehörden unbeliebt, weil sie die Flüchtlinge nicht so unterstützten, wie es ihre Pflicht gewesen wäre. Diese Menschen aus Bosnien wurden meine Freunde, darum stand ich auch für sie ein.

Wie reagierte die Kirchgemeinde?
Meine Stellenpartnerin war nicht wirklich auf meiner Seite. Darum blieb ich nicht lange dort. Es gab auch Konflikte wegen meiner Arbeit mit Familien. Ich sagte, am Heiligabend darf man doch die kleinen Kinder nicht ausschliessen, nur weil sie mit ihrer Lebendigkeit während der Weihnachtsgeschichte stören! Ich wollte meine Ideen umsetzen, thematisierte auch die feministische Theologie …

Worum geht es dabei?
Feministische Theologinnen gruben aus, was verschüttet war: wie viele Frauen um Jesus herum lebten, welche aktive Rolle sie in den frühen christlichen Gemeinden spielten. Es gab zum Beispiel die Apostelin Junia, die von späteren Übersetzern in einen Junias umgewandelt wurde. Feministische Theologinnen haben die Bibel für mich viel zugänglicher gemacht durch ihre Auslegungen auf sozialgeschichtlichem Hintergrund. 

Kamen solche Themen in Ihrem Studium vor?
Nein, damals überhaupt noch nicht. Frauen haben heute in der reformierten Landeskirche zwar Zugang zu allen Ämtern, aber Pfarrer ist immer noch ein Beruf, der auf Männer zugeschnitten ist. Das ist mir erst richtig bewusst geworden, als ich vom Spezialpfarramt für Behinderte in eine «normale» Kirchgemeinde kam. Nur schon die Unterlagen und die Lieder im Gesangbuch: Da ging es nur um den «Herrn», um «Brüder» und «Knechte». Und das klassische Bild war lange die Pfarrfamilie, in der die Frau dem Pfarrer den Rücken freihält und ganz viel macht in der Gemeinde – gratis. Aber das gibt es immer weniger.

Gott wird fast immer als Mann dargestellt. Wie sehen Sie das?
In den gängigen Bibelausgaben wird für Gott nur «Herr» verwendet. Der Gottesname lässt sich aber genauso gut mit Höchster, Lebendige, Ewiger, Glanz oder «ich bin da» wiedergeben. Für mich ist Gott weder Mann noch Frau, sondern ein Gegenüber, das – wenn man mit Menschen vergleichen will – beide Züge hat. «Wie eine Mutter tröstet, so will ich dich trösten» – einen solchen Spruch aus der Bibel finde ich schön. Oder das Bild von Gott als «Gluggere», die uns unter ihren Flügeln beschützt …

Im Klischee ist die katholische Kirche fürs Gemüt, die reformierte mehr für den Kopf.
Das ist tatsächlich ein bisschen so. Aber das verändert sich auch; ich versuche, immer etwas Anschauliches zu inszenieren, das Wärme und Farbe hineinbringt. Ich habe auch Interesse an Ritualen, weil man mit einem Ritual mehr begreifen kann, als wenn man etwas nur hört.

War in der Kirche, in der Sie aufgewachsen sind, das Abendmahl das einzige Ritual?
Ja, schon. Aber zum Glück hatte ich ja den Pfarrer, von dem ich letztes Mal erzählt habe: Man stand im Kreis, er brach das Brot und teilte es aus – sein Talar war immer voll Mehl. Dann sagte er: So, jetzt habt ihr hier geteilt und seid gleich, geht jetzt hinaus und lebt das auch! Das gefiel mir. Das ist konkret …

Also ganz ähnlich wie im Politischen Abendgottesdienst?
Ja. Wir haben dort am Anfang beschlossen, dass wir Brot und Wasser teilen, Gäste einladen, die von ihrem Engagement erzählen, und dass es improvisierte Musik gibt. So machen wir es auch nach zwanzig Jahren noch.

Gertrud Bernoulli (61) ist seit 35 Jahren Pfarrerin. Seit 22 Jahren organisiert sie in Zürich den Politischen Abendgottesdienst mit. Heute arbeitet sie in Rüschlikon am Zürichsee.

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