Nr. 40/2012 vom 04.10.2012

Ekstase durch Askese

Von Markus Spörndli

«Live» ist das Zeugnis einer Band, die auf Studioaufnahmen perfekt klingt, aber nur im Konzert voll zur Geltung kommt. Der Zürcher Komponist und Pianist Nik Bärtsch begründete vor über zehn Jahren Ronin als «Zen-Funk»-Band. Sie startete 2006 durch, als sie sich unter die Fittiche des Münchner ECM-Labels begab. ECM ist in den Bereichen Jazz und Neue Musik weltbekannt und gab Standardwerke von Keith Jarrett, Paul Bley, Jan Garbarek und Arvo Pärt heraus.

Mit ECM-Produzent Manfred Eicher und Ronin-Chef Bärtsch trafen zwei Perfektionisten und Klangfetischisten aufeinander. Doch spätestens das dritte ECM-Studioalbum, «Llyrìa», von 2010, offenbarte auch eine Angleichungstendenz, die manch junge ECM-Acts erfasst: Da gemahnten ein paar Melodiebogen des Saxofonisten Sha an das hallende Pathos eines Garbarek und Elemente von Bärtschs Klavierspiel an Jarrett oder Pärt.

Mit «Live» aber besinnt sich Ronin auf seine ursprüngliche Radikalität. Die Doppel-CD vereint neun Konzertmitschnitte aus Deutschland, Japan, Britannien und den Niederlanden, bei denen das Quintett sich und das Publikum in einen Rausch spielt – einen musikalischen der Reduktion und Konzentration. Anders als im herkömmlichen Jazz und Funk ist dieser meist nicht orgiastisch, sondern meditativ.

Doch auch auf der «Live»-CD fallen die Abwendung vom Minimalismus und die Zuwendung zum Ornamentalen ins Ohr. Die Häufung von ausufernden Basssoli kann als Hommage an den Bassgitarristen Björn Meyer gedeutet werden, der die Band geprägt und 2011 verlassen hat. Kürzlich ist auch die Trennung von Perkussionist Andi Pupato bekannt geworden.

Neu tritt Ronin als entschlacktes Quartett auf, ohne Perkussion und mit dem neuen Bassisten Thomy Jordi. Bei den jüngsten Auftritten im Zürcher Exil-Club hörte sich die Rückbesinnung aufs Prinzip «Ekstase durch Askese» höchst erfreulich an. Dies weckt auch einige Hoffnung auf Ronins nächstes Studioalbum bei ECM.

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