Nr. 40/2012 vom 04.10.2012

Architekturtheorie in Bildern

Von Fredi Bosshard

Es muss irgendwann Ende der siebziger oder Anfang der achtziger Jahre gewesen sein. An der Universität Zürich fand in einem mittelgrossen Hörsaal eine Gastvorlesung von René Furer statt. Der Dozent für Architekturtheorie war an der ETH tätig und dem Uni-Publikum unbekannt. Einige wenige StudentInnen der Kunstgeschichte und anderer Studienrichtungen sassen im Raum. Sie schienen sich untereinander kaum zu kennen.

Furer begann seine Vorlesung, die eigentlich ein Diavortrag war, aus dem Halbdunkel des farbigen Lichts heraus. Seine Kommentare waren knapp und präzis, vermittelten mit wenigen und witzigen Worten das Wesentliche. Er liess die Fotografien, die er selbst in allen Weltgegenden aufgenommen hatte, sprechen, reihte Dia an Dia aus seinem enormen Fundus, schuf so Assoziationsketten, die quer durch die Jahrhunderte und Kontinente mäanderten. Furer zeigte in der Gegenüberstellung Zusammenhänge auf, die wir so in der Architekturgeschichte noch nicht wahrgenommen hatten. Ein Dia zeigte eine grosszügige Kutschenvorfahrt und die prunkvolle Treppe, die zu einem herrschaftlichen Haus führte, das folgende eine protzige Millionendollarvilla in Kalifornien mit ebensolcher Vorfahrt für die Limousinen.

Es dauerte nur zwei, drei Wochen, bis der Saal, in dem der ETH-Gast auftrat, aus allen Nähten platzte. Die Mund-zu-Mund-Propaganda wirkte wie heute ein Facebook-Aufruf.

Furer lehrte zwischen 1970 und 1994 an der ETH. Seine Diashows, die er lustvoll und mit ganzem Körpereinsatz vortrug, erlangten Kultstatus und irritierten gehörig, regten zu eigenen Überlegungen an. Dieses Jahr hat er seinen achtzigsten Geburtstag gefeiert. Die Edition Hochparterre hat dies zum Anlass genommen, den Foto-/Textband «Landschaften. Eine Architekturtheorie in Bildern von René Furer» herauszugeben. Die Herausgeberin Ina Hirschbiel Schmid hat mit Furer die «Choreografie» dazu entwickelt. Die Bilder lassen Erinnerungen an jenen Hörsaal der Uni Zürich wach werden. Die Texte und Bildlegenden sind so klug und unterhaltsam wie einst die Vorlesungen.

www.hochparterre.ch

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