Nr. 50/2013 vom 12.12.2013

Wer profitiert von der Uni im Netz?

Online-Hochschulkurse sollen Wissen gratis bis in den hintersten Winkel der Welt tragen. Was als Bildungsrevolution propagiert wird, droht soziale Ungleichheiten zu zementieren.

Von Franziska Meister (Text) und Philip Bürli (Illustration)

Markus Pauly ist Professor an der University of California in Berkeley. In seiner Vorlesung «Einführung in die Biologie» sitzen – am Montagmorgen um 8 Uhr – regelmässig 650 Studierende. «Nur die Frühaufsteher kommen überhaupt in den Hörsaal», sagt Pauly, «die andern müssen in einen Nebenhörsaal, in den meine Vorlesung simultan videoübertragen wird.» Dass diese Videoaufzeichnungen weltweit via die Apple-Plattform iTunes University angeschaut werden können, wurde ihm erst bewusst, als er ein E-Mail aus Indonesien erhielt: «Vorlesung fünf, bei Minute 27 – wie kommen Sie darauf?»

Anfang 2012 begann im kalifornischen Silicon Valley mit kleinen Start-up-Firmen wie Udacity, Coursera und «edX», was ein Jahr später bereits als «Bildungsrevolution» gefeiert wird: sogenannte Massive Open Online Courses, kurz MOOCs – akademische Kurse im Internet, für die sich jeder und jede gratis einschreiben kann (vgl. «Studieren vom Sofa aus» im Anschluss an diesen Text). Das tun mittlerweile bis zu mehrere Hunderttausend pro Kurs. Wer die Hausaufgaben erledigt, bekommt zum Schluss ein Zertifikat, von Eliteuniversitäten wie Stanford oder Harvard. Demokratischer Zugang zu höherer Bildung – auch für die Ärmsten dieser Welt!

So zumindest die hehre Idee, die unermüdlich propagiert wird – auch von Patrick Aebischer, dem Präsidenten der ETH Lausanne (EPFL). Seine Hochschule war europaweit unter den Ersten, die einen MOOC ins Netz stellten; mittlerweile bietet sie bereits 25 an. Zurzeit ist Aebischer auf Mission in Afrika: Dort will er die Basis schaffen, um das Grundlagenwissen der EPFL via MOOC in die Bevölkerung von Entwicklungsländern zu tragen.

«Ich finde die Idee, dass weltweit jeder gratis einen Hochschulkurs besuchen kann, einfach klasse!», sagt Markus Pauly begeistert. «Den Menschen wird unabhängig von ihrem sozialen Status Wissen zugänglich gemacht. Alles, was man dazu braucht, sind ein Computer und Zugang zum Internet.»

«Attacke auf die öffentliche Bildung»

Hinter den Kulissen geht es indes ums knallharte Geschäft. Nicht umsonst tummeln sich vor allem wirtschaftlich bestens vernetzte private US-Eliteuniversitäten wie Stanford, Harvard oder MIT auf den Onlineplattformen. Für EPFL-Präsident Patrick Aebischer ein wichtiger Ansporn mitzutun. Denn via Coursera oder «edX» lässt sich, so ein Papier der EPFL, die «Visibilität» der Hochschule und ihrer besten ProfessorInnen weltweit steigern sowie ihr «brand» entwickeln: Die MOOCs generierten eine «unique selling proposition» der EPFL im globalen Wettbewerb.

«Via ‹edX› wollen Universitäten wie Harvard und MIT in erster Linie ihre Kurse an andere Hochschulen vermarkten», schreibt Aaron Bady von der University of California in Berkeley in der Fachzeitschrift «Academic Matters». «MOOCs sind Big Business» – und eine «Attacke auf die öffentliche Bildung». Tatsächlich will der Staat Kalifornien MOOCs von diesen Plattformen als weiteres Sparinstrument einsetzen, nachdem er bereits zwischen 2009 und 2012 seinen Bildungsinstitutionen aus Finanznot massiv das Budget gekürzt hat. Die University of California musste Tausende von Angestellten entlassen, die Zahl der ProfessorInnen ist von ungefähr 2200 auf um die 1900 gesunken.

In Berkeley wurde das Kursangebot massiv zusammengestrichen. «Das führte zu grossen Engpässen», sagt Pauly. «Zum Teil mussten die Studenten ein ganzes Jahr warten, bis sie endlich ihren Laborkurs besuchen durften.» Ein finanzieller Albtraum für die Studierenden, denn die Uni erhöhte im selben Zeitraum die Studiengebühren um gut fünfzig Prozent, der Staat strich die Stipendien für den Mittelstand. «Früher war der Staat der gewichtigste Finanzierer der Uni», so Pauly, «heute sind es die Studenten.»

Mit den Massive Open Online Courses wird der Kampf um Stipendien noch härter werden. Markus Pauly sitzt im Komitee, das Stipendien an SchülerInnen vergibt, die in Berkeley studieren möchten. «Mindestens zwanzig Prozent dieser Schüler benutzen bereits MOOCs, um sich auf das Studium vorzubereiten.» Und so ihre Chancen auf ein Stipendium zu optimieren.

Aaron Bady bezeichnet MOOCs als neoliberales Instrument, das exakt auf diese Individuen fokussiert, die sich im Konkurrenzkampf laufend selbst optimieren – und das im selben Zug die akademischen Gemeinschaften auseinanderreisst. Tatsächlich fürchten viele mittlere Universitäten um ihre Zukunft, sollten sich die Hochschulleitungen dazu entschliessen, MOOCs der weltbesten ProfessorInnen einzukaufen, statt in eigene Lehrkräfte zu investieren, wie eine europaweite Veranstaltung in Lausanne im Juni deutlich machte.

Wo nur noch ein paar Dutzend EliteprofessorInnen ihre Sicht der Welt vermitteln, droht eine unfreundliche Übernahme der Universität als Ort des regen Wissens- und Ideenaustauschs. So wird der Zugang zu höherer Bildung nicht etwa demokratisiert und egalisiert, sondern im Gegenteil in einen hierarchischen Top-down-Vermittlungsprozess mit paternalistischem, ja neokolonialistischem Gestus verwandelt.

Sorry, doch nichts für Arme

Patrick Aebischers Mission in Afrika soll unter anderem den Boden bereiten für EPFL-Kurse, zum Beispiel einen über Städteplanung im afrikanischen Kontext. Nebst westlichen Perspektiven auf den Städtebau verankert Aebischer dadurch auch seine «unique selling proposition»: Während MOOCs bislang praktisch ausschliesslich in englischer Sprache angeboten werden, richten sich die EPFL-Kurse ans frankofone Afrika. In Dakar, Ouagadougou, Yaoundé oder Abidjan soll man sich den Kurs fürs Studium an der Hochschule anrechnen lassen können.

Der Nutzen von MOOCs für Entwicklungs- und Schwellenländer werde vor allem über institutionelle Partnerschaften auf akademischer Ebene zum Tragen kommen, schreibt das Zentrum für Information, Beratung und Bildung für Berufe der internationalen Zusammenarbeit (Cinfo) in einem Newsletter. Das setzt eine bestehende Infrastruktur voraus. «Die Annahme, MOOCs würden den am stärksten vernachlässigten Regionen der Welt auf wundersame Weise Wissen vermitteln, ist naiv.»

Das lässt sich auch mit Zahlen belegen. Wie eine Studie der Universität Pennsylvania kürzlich nachwies, gehören achtzig Prozent der KursteilnehmerInnen auf der Plattform Coursera aus Ländern wie China, Indien oder Brasilien zu den Reichsten und am besten Ausgebildeten ihres Landes.

Die Zahlen zeigen ausserdem: Regelmässig schliessen weniger als zehn Prozent aller ursprünglich Eingeschriebenen einen MOOC ab – und nur rund die Hälfte davon erfüllt dabei auch die notwendigen Anforderungen für ein Zertifikat. Eine Bildungsrevolution für die Massen sieht anders aus.

Das gibt auch Sebastian Thrun, Stanford-Professor, Erfinder der Google-Brille und erster Propagator dieser Bildungsrevolution mit seiner Firma Udacity, mittlerweile zu. Sein letzter Effort – eine Zusammenarbeit mit der San Jose State University in Kalifornien – war ein Flop. Anfang 2013 kündete er vollmundig an, StudienanfängerInnen aus den sozial am meisten benachteiligten Schichten – also in erster Linie Schwarze und Latinos – in seinen Mathe- und Statistik-MOOCs auf Erfolgskurs zu bringen. Bloss 25 Prozent bestanden indes den Udacity-Kurs. Wer den traditionellen Mathekurs an der Uni belegte, hatte eine 52 Prozent höhere Chance, ihn erfolgreich abzuschliessen.

MOOCs seien nichts für Arme – die hätten zu viele andere Probleme, lautet Sebastian Thruns Fazit.

Profitmaschinerie ist angeworfen

Wer glaubt, der Non-profit-Gedanke von Firmen wie Udacity oder Coursera sei von Dauer, irrt. MOOCs sind für diese Firmen ein prospektives Eldorado. Nicht zuletzt, weil rechtliche Aspekte noch völlig ungeregelt sind. «Die grosse Frage kommt, sobald die Firmen von den Studenten für die Teilnahme an einem Kurs Geld verlangen», sagt Markus Pauly. «Wie wird das mit den Unis geregelt punkto Inhalt? Bekommen sie Tantiemen? Haben sie nur noch auf ihre eigenen Inhalte Zugriff?» In Berkeley sorge zurzeit auch die Frage für Diskussionsstoff, wem denn der Kursinhalt letztlich gehöre: der Firma? Der Uni? Dem Professor?

Auch wenn er MOOCs nach wie vor für eine gute Sache hält, besonders für Einführungskurse – der aus Deutschland stammende Pauly weiss: «Die Gefahr, dass das Ganze irgendwann von der Wirtschaft vereinnahmt wird, ist gerade in den USA sehr real. Und dann geht es nicht länger um ideelle Wissensverbreitung. Dann werden knallharte Profitinteressen im Zentrum stehen.»

Dieser Prozess hat bereits begonnen, wie die Zeitschrift «Tech Forecast» in ihrer Dezemberausgabe enthüllt, initiiert von Sebastian Thrun, dem einstigen Propheten der freien Onlinebildung. Mittlerweile spannt Thrun nämlich mit der Industrie zusammen. Rund ein Dutzend Firmen hat er bereits unter Vertrag. Sie bezahlen die Herstellung der MOOCs, die nicht länger von ProfessorInnen, sondern von Udacity selbst produziert werden. Der Inhalt ist massgeschneidert auf die Bedürfnisse der jeweiligen Branche. «Die wissen am besten, welches Wissen Studenten im Arbeitsmarkt brauchen», so Thrun. Über kurz oder lang, so ist er überzeugt, würden auch die Universitäten ihren Bildungsfokus in diese Richtung verlagern.

Im Januar startet Thrun mit einem Projekt, das diesen Weg aufzeigen soll: Hunderte von InformatikstudentInnen aus aller Welt beginnen mit einem Onlinestudiengang von Udacity, der in Zusammenarbeit mit dem Georgia Institute of Technology einen offiziellen Hochschulabschluss verspricht. Georgia-Tech-ProfessorInnen vermitteln zwar den Inhalt der MOOCs, das Kursmaterial indes stammt von Udacity. Kostenpunkt: 6600 US-Dollar.

Klicks für Konzerne und Studierende

Der Studiengang soll bis Ende 2014 1,3 Millionen Dollar an Einnahmen generieren; vierzig Prozent davon gehen an Udacity. Unter dem Strich sind es noch viel mehr, denn der Telekommunikationskonzern AT&T hat bereits zwei Millionen Startkapital in das Projekt investiert. Im Gegenzug besuchen AT&T-Angestellte den Udacity-Studiengang. Und der Konzern plant bereits, weitere Udacity-MOOCs zu sponsern.

Zufall ist das nicht. Onlineplattformen registrieren jeden einzelnen Klick der MOOC-TeilnehmerInnen – ein Datenschatz nicht nur für Udacity, Coursera und Co., sondern auch für Konzerne wie AT&T.

Markus Pauly arbeitet in seiner Vorlesung ebenfalls mit Klicks – die kommen indes allein den Studierenden zugute. Immer wieder unterbricht er den Unterricht mit Fragen und gibt den Studierenden neunzig Sekunden Zeit, um sich untereinander auszutauschen und mit einer Fernbedienung die richtige Antwort anzuklicken. So können sie im Verlauf des Semesters bereits einen Teil der notwendigen Punkte erreichen. «Mir geht es nur darum, dass sie sich unterhalten und gemeinsam über etwas nachdenken», sagt Pauly. Und das ist eine andere Erfolgsstory.

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