Nr. 40/2012 vom 04.10.2012

Kopfarbeit taugt nicht zur Ware

Der Band «Kognitiver Kapitalismus» feiert die revolutionäre Macht des Wissens und denkt Marx’ Wertgesetz neu: ein wichtiger Theoriebeitrag, wenn auch zuweilen etwas platt und hypothetisch.

Von Andrea Roedig

Fallen wir gleich mit ein paar Thesen ins Haus: Die kapitalistische Ökonomie des 21. Jahrhunderts läuft nicht über Waren, sondern über Wissen. Doch dieses Wissen ist immateriell und folgt nicht der klassischen Definition einer materiellen Ressource; es ist per se nicht knapp, es lässt sich nicht in einzelne Teile aufspalten, jede und jeder kann es sich aneignen, es ist nicht nur Mittel, sondern auch Zweck. Kurz: Weil Wissen der heute wichtigste Rohstoff ist, dabei aber nicht wirklich zur Ware taugt, steckt in der Wissensproduktion das revolutionäre Potenzial, um die herrschenden Prinzipien des Kapitalismus auszuhebeln.

Das Geheimnis der Plusmacherei

Der kleine Band «Kognitiver Kapitalismus», herausgegeben von den KulturwissenschaftlerInnen Isabell Lorey und Klaus Neundlinger im Wiener Verlag Turia+Kant, stellt sich die zentrale Frage: Wie kann Wissen Wert schaffen, wie sieht das von Karl Marx so schön benannte «Geheimnis der Plusmacherei» im 21. Jahrhundert aus? Der Band versammelt Übersetzungen italienisch- und französischsprachiger AutorInnen aus der neomarxistischen Strömung des Postoperaismus und macht damit eine Diskussion zugänglich, die hierzulande bislang noch nicht breit rezipiert ist. Ganz in marxscher Tradition versuchen die AutorInnen, nicht die blosse Mechanik der Ökonomie zu erklären, sondern vielmehr ihre innere Logik. Sie fragen gewissermassen nach dem «Wesen» des Wissens – und versuchen, von dort aus eine Bestimmung des gegenwärtigen wissensbasierten Kapitalismus vorzunehmen.

Der instruktivste Text des Bandes stammt von Enzo Rullani, der fast alle Aspekte des weiten Feldes anreisst. Rullani beschreibt Wissen als eine anormale Produktionsressource. Die klassische Ökonomie geht von technisch umsetzbarem Wissen, Marktmechanismen und Nutzenkalkül aus. Doch Wissen, wie es Rullani versteht, funktioniert anders: Es verbraucht sich nicht. Im Gegenteil: Es wird wertvoller, je mehr es zirkuliert. Gerade die Verbreitung des Wissens fungiert als Quelle des Profits, lautet Rullanis These.

Es ist also kontraproduktiv, Kognitives unter klassische Marktbedingungen zu zwingen. Gigi Roggero zeigt in seinem Beitrag, wie Unternehmen versuchen, Wissen künstlich zu verknappen, um den Marktwert zu halten. Das Kapital, so die paradox anmutende Einsicht, fördert nicht das Wachstum, sondern schränkt es ein.

Antonella Corsani wiederum betont, dass der «Verbrauch» (Konsumption) von Wissen zugleich immer auch produktiv ist. In wissensbasierten Gesellschaften lassen sich die Sphären der Produktion und der Konsumption, der Arbeitszeit und der Lebenszeit nicht mehr wirklich trennen. Ein wesentlicher Grundsatz des marxistischen Wertgesetzes wird damit hinfällig: Dass Arbeit Mehrwert schafft, gilt für die neuen Bedingungen nicht mehr. Arbeitszeit kann nicht mehr als Wertindikator dienen.

Klassenkämpferische Attitüde

Die Thesen des Bandes sind auf wohltuende Weise radikal, und sie provozieren Widerspruch. Denn sie beruhen auf teilweise recht eigenartigen Annahmen, wie etwa der fraglosen Euphorie eines totalen Wissenswachstums (bräuchte man im Feld des Wissens nicht auch so etwas wie Nachhaltigkeit?) oder auf einem sehr einfachen Vertrauen aufs Immaterielle, als ob nicht auch der kognitive Kapitalismus auf sehr materialintensiven Grundlagen beruhen würde. Der heikelste Punkt aber ist die Weigerung, Wissen als Ware zu sehen. Dass Wissensproduktion «nicht dem Fluch sinkender Erträge» unterliege, wie im Buch behauptet wird, kann man angesichts der gegenwärtigen Dumpingpreise für Wissensinhalte nicht behaupten. Man müsste überlegen, ob Marx’ Modell der materiellen Warenproduktion nicht doch noch einiges an Erklärungskraft auch für die Funktionsweise des wissensbasierten Kapitalismus enthält.

Es gibt also viel zu diskutieren, und obwohl die klassenkämpferische Attitüde in manchen Texten recht platt daherkommt, ist «Kognitiver Kapitalismus» ein wertvoller Theoriebeitrag, auch für die Urheberrechts- und Commons-Debatte.

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