Nr. 39/2015 vom 24.09.2015

Alles so schön echt hier, oder?

Die kalifornische Musikerin Julia Holter lädt auf ihrem vierten Album, «Have You in My Wilderness», zu einem listigen Ausflug.

Von Benedikt Sartorius

Songs, die «warm, dunkel und roh» sind: Musikerin Julia Holter, die gerne alles schweben lässt. Foto: Rick Bahto

Das Cembalospiel stolpert, seltsam billige Geigenfetzen aus dem Synthesizer hängen in der Luft, Streicher und Schlagzeug setzen ein – und verscheuchen die anfängliche Irritation. Eine elf Sekunden dauernde Irritation gleich zum Albumbeginn, an die man sich als HörerIn im weiteren Verlauf der neuen Liedersammlung von Julia Holter zurückerinnern sollte. Denn die kalifornische Musikerin hat auf «Have You in My Wilderness» zehn Songs versammelt, die sich zunächst so anhören, als umarme hier eine Sängerin die grosse Popmusik, um das ewige Versprechen der Authentizität endlich einmal einzulösen. Grossartige, grossformatige und doch intime Songs, die sehnsüchtig «Feel You» oder «How Long» heissen und in denen sich der synthetische Nebel auflöst, den Holter auf ihren bisherigen Werken aufgezogen hat. Alles also klar, alles so schön echt hier, oder?

Eindeutigkeit oder Eigentlichkeit war noch nie eines der Merkmale von Julia Holter. Die heute Dreissigjährige studierte Komposition, erst an einer Uni in Michigan, wo sie, so sagte sie jüngst dem Magazin «Wire», «schlechte Musik» geschrieben habe – und sich eher als Dilettantin zwischen all diesen Freunden der Klassik fühlte, auch weil sie höchst unterschiedliche Musik liebte. Als Holter 2007 nach Los Angeles zurückkehrte und am California Institute of the Arts weiterstudierte, traf sie auf eine damals im Untergrund werkelnde Musikerschaft rund um Ariel Pink, die später unter dem Sammelbegriff «hypnagogic pop» zusammengefasst wurde.

Klarer und luftiger

Bereits zu diesem Zeitpunkt hatte Holter begonnen, mit ihrem Keyboard und Computersoftware eigene Lo-Fi-Songs aufzunehmen, die auf selbst gebrannten CDs und Kassetten in Umlauf gebracht wurden. 2011 folgte ihr erstes «richtiges» Album, «Tragedy», auf dem sie die Tragödien des griechischen Dramatikers Euripides verarbeitete und die geschlossene Songform immer wieder mit Noises und Klangcollagen sabotierte. Der Nachfolger, «Ekstasis», mit dem Julia Holter zu ihrem aktuellen Label, dem Indie-Riesen Domino, gefunden hat, war ähnlich offen und verschwommen: In den ätherischen Keyboards und Holters Stimme konnte man sich einfach und staunend verlieren, ehe ganz zum Schluss Free-Jazz-Bläser den täuschenden Wohlklang wegfegten – und behaupteten, dass dies die Ekstase sei. «Loud City Song», auf dem Holter vor zwei Jahren erstmals mit einer mit Bläsern, Perkussion, akustischem Bass und Streichern besetzten Band arbeitete, führte ihren kammermusikalischen Popentwurf weiter weg vom Schlafzimmer – und hin zu luxuriöseren, musicalhaften Kunstliedarrangements, die gekonnt alles in der Schwebe liessen.

Und nun erscheint «Have You in My Wilderness», ein Album, das für einmal auf eine alles überlagernde Erzählung verzichtet und mit Songs bestückt ist, die, so Holter, «warm, dunkel und roh» sind. Und die direkter, herzlicher erscheinen als frühere. Das mag damit zusammenhängen, dass Julia Holter ihre Stimme mit weniger Soundeffekten ausgestattet hat und die Lieder – gespielt von einer siebenköpfigen, gewohnt gitarrenlosen Band – klarer und luftiger arrangiert und produziert sind.

Literarisches Spiel

Ein persönliches Album im Sinn von «Hier singt eine von sich und über ihre tief empfundenen Emotionen» ist «Have You in My Wilderness» aber nicht. Listig ist dieser romantisch erscheinende Ausflug in eine ungefähre Wildnis gestaltet, vielleicht mehr denn je. Denn etwas Seltsames lauert auf dieser Platte, ein «second face», wie Holter einmal singt und auch auf dem Pressezettel schreibt, nämlich «das Gefühl, dass die Dinge nicht so sind, wie sie scheinen». Hervorgerufen wird dieses Lauernde neben der Musik, die auch bei opulenten Anflügen viele Leerstellen lässt, durch die verklausulierten Worte, die auch in den Songtexten nicht minder rätselhaft scheinen: «Can I feel you? », singt Holter auf der ersten, wunderbar hellen Single, «Feel You», nur um auf diese Phrase die Anschlussfrage «Are you mythological?» zu stellen. Und so geht es verwirrend und faszinierend weiter in diesen Miniaturerzählungen, denn «language is such a play», wie sie später einmal singt. Ein literarisches Spiel, das Holter aus verschiedenen Erzählperspektiven inszeniert.

Eindeutig zu verorten ist die titelgebende Wildnis dieser Taschensinfonien nicht: Mal liegt sie am Ufer des Pazifiks, wie in «The Sea Calls Me Home» (einem bereits älteren Song, der hier neu instrumentiert zu hören ist), zuweilen leuchten aus der Ferne auch die Lichter der Grossstadt, oder es ist die Silhouette eines Geliebten, der schemenhaft wieder auftaucht. Ja, es sind schon auch Love Songs oder zumindest solche, die zunächst so beginnen wie der abschliessende Titeltrack. Zärtlich nimmt hier Holter die Perspektive eines Verführers ein, der am Schluss doch merkt, das seine «Lady of Gold» ent- und verschwindet und nicht bleiben wird in seiner «wilderness».

Bleibt nachzutragen, dass das stolpernde Cembalospiel zu Beginn des Albums aus Holters Keyboard stammt. Was für ein schöner Schwindel.

Konzert in Zürich, «Ziegel 
Oh Lac», Dienstag, 27. Oktober 2015.

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