Nr. 41/2012 vom 11.10.2012

Die Universitäten bluten aus

Von Toni Keppeler

Dass im kubanischen Gesundheitswesen bisweilen nicht alles so läuft, wie es sollte, ist bekannt. Mal fehlt es an Medikamenten, mal werden sogar Verbandsstoffe knapp. KrankenpflegerInnen gehörten mit zu den Ersten, die bei den vor zwei Jahren begonnenen Massenentlassungen ihren Arbeitsplatz verloren. Jetzt wird auch heftig an der zweiten sozialen Säule der Revolution gesägt: am Bildungswesen. Es soll in Zukunft nicht mehr auf das Ziel eines ganzheitlich gebildeten Menschen ausgerichtet sein, sondern auf die wirtschaftliche Nachfrage.

Staats- und Parteichef Raúl Castro hatte es bereits in einer Rede vor der Volkskammer Mitte 2008 angekündigt: «Die Plätze, die unsere Bildungseinrichtungen vergeben, müssen auf die Notwendigkeiten und Möglichkeiten zukünftiger Beschäftigung abgestimmt sein und dürfen nur an solche Aspiranten vergeben werden, die das Gelernte tatsächlich auch anwenden wollen.» Welche Auswirkungen diese Ankündigung hatte, wurde jetzt bekannt, da das nationale Büro für Statistik die Zahlen für den Bildungssektor veröffentlicht hat.

Danach verloren die Universitäten in den Jahren 2008 bis 2011 fast die Hälfte ihrer Studienplätze: Ihre Zahl nahm von 300 000 auf 156 000 ab. Die geisteswissenschaftlichen Fakultäten waren vom Verlust am härtesten getroffen. Naturwissenschaften, technische Studiengänge, Agrarwissenschaften und Pädagogik kamen dagegen weitgehend ungeschoren davon. Abgesehen von der Pädagogik also ausschliesslich Fächer, deren AbsolventInnen zum Überleben des Sozialismus auf Kuba beitragen können. Philosophinnen und Literaten sind angesichts eines weiterhin drohenden Staatsbankrotts eher zweitrangig.

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