Nr. 41/2012 vom 11.10.2012

Voller Einsatz für den Alpenrhein

Anita Mazzetta ist am Alpenrhein aufgewachsen. Nun kämpft die Bündnerin gegen Kraftwerksprojekte, die das sensible Ökosystem des Flusses gefährden.

Von Harry Rosenbaum (Text) und Hannes Thalmann (Foto)

Anita Mazzetta: «Wir sind als Kinder in die kalten Fluten des Alpenrheins gestiegen.»

«Der Alpenrhein liegt auf der Intensivstation», sagt Anita Mazzetta über den derzeitigen Gesundheitszustand des Fliessgewässers, an dem sie – im Bündner Dorf Trun – aufgewachsen ist. Davon ist die 49-jährige Frau mit der ruhigen Stimme und der Frisur einer Marathonläuferin überzeugt. Die Stromproduzenten Axpo, Alpiq und Liechtensteinische Kraftwerke strebten danach, die intensive Nutzung der Wasserkraft des im Bündnerland und im St. Galler Rheintal noch jungen Rheins wiederaufzunehmen, sagt Mazzetta. Mit der vom Bund angepeilten Energiewende seien die Pläne für den Bau von Wasserkraftwerken wieder aus der Schublade gezogen worden – ein «ökologischer Irrsinn», wie es Mazzetta ausdrückt. 

«Die Wasserkraftnutzung ist für das sensible Ökosystem des Alpenrheins die grösste Gefährdung», sagt sie. «Sie führt zur Absenkung der Sohle des Flusses, die Zuflüsse verlieren die Niveaugleichheit, und ständig wechselnde Pegelstände bringen das Ökosystem durcheinander.» Die nun neu aufgelegten Kraftwerkprojekte seien bereits in den achtziger und neunziger Jahren als nicht umweltverträglich abgeschrieben worden. Seit dem 19. Jahrhundert ist der Alpenrhein durch Siedlungsdruck, Industrialisierung und wegen der Hochwassergefahr stark verbaut und begradigt worden.

Mit altem Elan wieder dabei

Die ausgebildete Gymnasiallehrerin und frühere Journalistin beim Schweizer Fernsehen und Radio war bis vor zwei Jahren Projektleiterin der Umweltplattform Lebendiger Alpenrhein. Sie arbeite Teilzeit, und der Job brauche ein Vollzeitengagement, sagte sie damals und trat zurück. Heute setzt sich Mazzetta als Geschäftsführerin der WWF-Sektion Graubünden erneut mit dem alten Elan für den Alpenrhein ein. Sie bleibe aber ein einfaches Mitglied der Plattform, betont sie. 

Die Umweltplattform, der Umweltorganisationen aus Graubünden, St. Gallen, Vorarlberg und dem Fürstentum Liechtenstein angehören, ist nicht zuletzt als Sympathiekampagne zur Unterstützung des Entwicklungskonzepts Alpenrhein gestartet worden, das 2005 die Internationale Regierungskommission Alpenrhein (IRKA) bewilligte. Ihr gehören die Regierungen von Graubünden, St. Gallen, Vorarlberg und Liechtenstein an.

Das Entwicklungskonzept will aus dem Alpenrhein und seinen Zuflüssen ein sicheres, naturnahes Flusssystem machen. Die politische Durchsetzung des Konzepts, die nötige Öffentlichkeitsarbeit und die Bereitstellung der personellen und finanziellen Ressourcen sind per Staatsvertrag geregelt.

Eine erste Abschwächung des Konzepts erfolgte aber bereits diesen August: mit der Grundsteinlegung für den Bau des Vorarlberger Kraftwerks Illspitz an der Mündung der Ill in den Alpenrhein, gleich gegenüber der St. Galler Gemeinde Rüthi. Lukas Indermaur, der Nachfolger von Mazzetta bei der Umweltplattform Lebendiger Alpenrhein, sagt über das Kraftwerk, das in eineinhalb Jahren fertiggestellt sein wird: «Die Konsequenz wird die weitere Absenkung der Flusssohle sein, wodurch die grossflächige Durchnässung des Naturschutzgebiets Bangs-Matschels ausbleibt. Das steht klar im Widerspruch zum IRKA-Entwicklungskonzept.»

Der grösste Wildbach Europas

Die Verbindung von Anita Mazzetta und dem Alpenrhein reicht lange zurück. Sie hat den grössten Wildbach Europas auf nicht ungefährliche Weise ausgereizt. «Wir sind als Kinder in die kalten Fluten gestiegen und haben uns von der Strömung mitreissen lassen. Das war herrlich. Die Eltern durften natürlich davon nichts erfahren», erzählt die Umweltaktivistin, die selbst Mutter einer zwölfjährigen Tochter ist. 

Der Alpenrhein gehört zu ihrer persönlichen Geschichte. Daher die grosse Sorge und der unbeugsame Kampfeswille. Den Fischen im Alpenrhein geht es miserabel. Das Bild von der Intensivstation ist nicht übertrieben. «Früher gab es dreissig verschiedene Fischarten, heute sind es gerade mal noch sechs, die in dem Gewässer regelmässig zu finden sind», sagt Mazzetta, die für ihre Umweltanliegen seit 2009 auch im Gemeindeparlament der Stadt Chur als Vertreterin der Freien Liste Verda kämpft. 

Plötzlich, mitten im Fotoshooting für die WOZ, das nicht im Churer WWF-Büro, sondern am Alpenrheinufer, am Rande des Bündner Hauptorts stattfindet, ruft Mazzetta erstaunt: «So etwas habe ich hier noch nie gesehen.» Vom anderen Ufer aus schauen fünf Gämsen herüber, die vom Calanda abgestiegen sind. Das Leuchten in den Augen von Anita Mazzetta lässt vermuten, dass sie für ihr Engagement für einen lebendigen Alpenrhein just einen weiteren Motivationsschub erhalten hat.

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