Nr. 41/2012 vom 11.10.2012

Wenn unsere Zeit an ihr Ende kommt

Peter Mettlers neuer Film ist ein assoziativer Bilderreigen zum Thema «Zeit» – meditativ, aber keineswegs beliebig.

Von Nina Scheu

Im Eiltempo: Auf Hawaii zerstört Lava den Lebensraum der Menschen. Still: Looknow

«The End of Time» beginnt mit einem Sprung aus dem Heissluftballon: Im Jahr 1960 stürzte sich der Ballonfahrer Joe Kittinger aus 31 Kilometern Höhe – quasi vom Rand des Weltraums – in die Tiefe. Er raste auf den Erdball zu – und nahm dennoch nichts von seiner Geschwindigkeit wahr. Erst als er sein Fallen mit den in Sicht kommenden Wolken in Relation setzen konnte, wurden Geschwindigkeit und Zeit wieder spürbar.

Warum er nicht bei den Uhren angefangen habe, frage ich Peter Mettler während unseres Gesprächs im September. Immerhin wäre so ein Schweizer Chronometer doch ein passendes Symbol für die Zeit gewesen. Denn mit «The End of Time» hat sich der kanadisch-schweizerische Filmemacher – nicht zum ersten Mal – eines Themas angenommen, das sich einem visuellen Medium nicht ohne Weiteres erschliesst. Wie soll man Zeit darstellen? Gibt es sie überhaupt? Oder entsteht sie erst durch unsere Wahrnehmung? Ist Zeit erst, wie es einer der Wissenschaftler in Mettlers Film sagt, wenn wir (da) sind: «Time means we are»?

Mandalas im Cern

Ohne Bezug zu Vergangenheit und Zukunft, zu Werden und Vergehen, nehmen wir die Zeit nicht wahr. Sie ist alles und nichts. So konzentriert sich Mettler auf das Einzige, was sein Ankerpunkt sein kann: die persönliche Wahrnehmung von Zeit.

Eine der grössten Herausforderungen bei seinem Filmemachen sei es, aus der Fülle von Assoziationen, die sich bei der Auseinandersetzung mit einem so breiten Thema ergäben, die Handvoll herauszulesen, die er weiterverfolgen wolle, meint der Regisseur. Zumal er anfangs tatsächlich an eine Uhr gedacht habe. Allerdings nicht an ein Schweizer Präzisionswerk fürs Handgelenk, sondern an «The Clock of the Long Now», jenes Kulturprojekt, das unsere nächsten zehntausend Jahre zählen soll. Eine Uhr also, die weit über das menschliche Gegenwartsverständnis hinausgeht.

Die Uhrmacher des «Langen Jetzt» haben nun doch nicht Eingang in den fast zweistündigen filmischen Essay gefunden, in dem Mettler zeigt, wie sich scheinbar Gegensätzliches zu einem Ganzen zusammenfügt. Er stellt Bilder fliessender Lava den pumpenden Beats einer Technoparty gegenüber. Zeigt die Jahreszeiten in Kanadas Wäldern ebenso wie den Blick in die Unendlichkeit der Sterne. Die monströsen Apparate, mit denen die Forschenden am Cern versuchen, die Entstehung der Welt (und der Zeit) nachzustellen, gleichen Mandalas, die entstehen, wenn man wie der Techno-DJ aus Detroit Bilder und Töne durch den Computer jagt.

Detroit dient als Beispiel für Vergänglichkeit und Wiedergeburt: Neben einer zerfallenen Fabrik, in der einst die Autoindustrie geboren wurde, entstehen Gemüsegärten vor besetzten, seit der Subprime-Krise leer stehenden Häusern. Neue Gesellschaftsmuster erhalten durch den Niedergang der alten eine Zukunft.

Klare Botschaft

Fünf Jahre hat Mettler für seinen Film recherchiert, gedreht und aus fast 150 Stunden Rohmaterial ein Werk komponiert: «Ich versuche Erfahrungen zu schaffen, statt die Dinge mit Worten zu beschreiben. Meine Filme sind eine Gratwanderung zwischen Informationsvermittlung und Meditation.»

«The End of Time» konfrontiert das Publikum mit einer Flut assoziativer Bilder, die Triviales mit philosophischem Tiefgang mischen, Bekanntes mit Überraschendem, Banales mit grossartigen Denkanstössen. Der Film lässt viel Raum für Interpretation.

Das ist nicht zu verwechseln mit Beliebigkeit. Peter Mettler hat eine klare Botschaft zu vermitteln, die sich auch im Titel manifestiert: Wir leben in einer gefährlichen Zeit, in der der Gedanke möglich geworden ist, dass unsere Zeit einmal ein Ende haben wird. Einziger Trost: Die Zeit – so es denn eine gibt – wird weiterbestehen, wenn die Menschheit längst ausgestorben ist und andere Lebewesen ihren Platz eingenommen haben. Vielleicht hören diese dann tatsächlich die «Stundenschläge» der «Clock of the Long Now», die alle tausend Jahre erschallen sollen.

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