Nr. 45/2021 vom 11.11.2021

Rosen, Tod und Kohlendioxid

Von Menschen und Blumen in der Kühlhalle bis zum Theaterstück zur Spanischen Grippe: Éric Baudelaire thematisiert in der Kunst Halle Sankt Gallen die Gleichzeitigkeit von Klimakrise, Digitalisierung und Pandemie.

Von Giulia Bernardi

Rosen auf dem Fliessband, manuell platziert, in vordefinierten Abständen, eine nach der anderen, der immer gleiche Ablauf. Diese industrielle Endlosschleife führt uns Éric Baudelaire in seiner Videoarbeit «This Flower in My Mouth» vor Augen. Und während wir in der Kunst Halle Sankt Gallen Platz nehmen, eingehüllt von raumgreifenden Bildern, mag uns das monotone Szenario fast schon meditativ erscheinen. Denken wir an die ausbeuterischen Strukturen, die ein auf Effizienz und Leistung angelegtes System befördert, kippt die Meditation rasch ins Unbehagen.

Kühlhalle und Haltestelle

Schauplatz von «This Flower in My Mouth» ist eine der grössten Kühlhallen Europas. Täglich werden 46 Millionen Blumen aus Afrika und Südamerika ins niederländische Aalsmeer eingeflogen und von dort aus weiterverkauft. Éric Baudelaire hielt einzelne Arbeitsschritte fest, wobei eng getaktete, maschinelle und manuelle Vorgänge ineinanderfliessen. Blumen werden in automatisierten Gitterwagen aneinandergereiht, um anschliessend von Arbeiter:innen abgeholt und zur nächsten Station befördert zu werden. Das Lager gleicht einer kleinen Stadt aus Gabelstapler fahrenden Menschen mit orangenen Leuchtwesten, die eine verinnerlichte Routine durchlaufen.

Dieses Szenario nimmt der US-Künstler als beispielhaft für die Gegenwart. Nahe liegt die Assoziation zur Klimakrise, die durch Kapitalismus und globalen Handel verstärkt wird und eine Verknappung von Lebensräumen, Ressourcen und Biodiversität zur Folge hat. Die in Plastik gewickelten, bunten Schnittblumen simulieren diese Biodiversität bloss, die Natur – oder das, was wir darunter verstehen – verkommt derweil zur konsumierbaren und immer verfügbaren Ware. Und indem wir unser Verhältnis zur Natur befragen, kommen wir nicht umhin, auch das humanistische Verständnis des «Menschen» zu überdenken, das sich seit dem 17. Jahrhundert etabliert hat. Denker:innen wie René Descartes definierten den Menschen als autonom und somit in der Lage, sich selbst Gesetze zu geben. Folglich fühlt er sich der Natur überlegen und spricht ihr jegliche Rechte ab.

Neben Aufnahmen aus der Kühlhalle sind auch Personen an einer Haltestelle vor einer städtischen Kulisse zu sehen. Sie versammeln sich, reihen sich aneinander wie die Rosen auf dem Fliessband, warten, bis sie abgeholt und zum Ziel befördert werden. Als Betrachter:innen erinnern wir uns unwillkürlich daran, wie wir am Morgen selbst an einer solchen Haltestelle standen, auf das Smartphone oder die Anzeigetafel starrten und abwogen, ob es sich noch lohnen würde, vor dem nächsten Bus eine Zigarette anzuzünden.

Dass Technologien und Repräsentationssysteme uns die Realität vermitteln, wurde uns selten so klar bewusst wie seit Beginn der Pandemie: Diagramme und Zahlen über Neuinfektionen, Hospitalisierungen, Genesene und Tote sind gewissermassen unser Fenster zur Welt geworden, sie beeinflussen individuelle Stimmungen und politische Entscheidungen.

Auf diesen Aspekt verweist eine skulpturale Serie im dritten und letzten Raum. Dabei handelt es sich um reliefähnliche Objekte aus Paraffin – ein Abfallprodukt, das bei der Erdölgewinnung entsteht –, die nebeneinander an der Wand hängen und Diagrammen nachempfunden sind. Mit den jeweiligen Titeln «Roses (price)», «Death (COVID-19)», «Carbon (emissions)» und «Loneliness (Google searches)» wird deutlich, dass Éric Baudelaire auf Entwicklungen zwischen Januar und Juni 2020 referiert, die er nun in unmittelbare Relation zueinander setzt. So ist beispielsweise zu sehen, dass Anfang 2020 mehr Menschen an den Folgen von Covid-19 starben als in den darauffolgenden Monaten und dass die CO2-Emissionen abnahmen. Allerdings wird der wissenschaftliche Inhalt dieser Diagramme durch die grobe Darstellung verfremdet. Und da die Objekte von Glas umrahmt sind, gleichen sie eher einem musealen Objekt als wissenschaftlicher Empirie. Es stellt sich die Frage, ob wir globale Ereignisse tatsächlich begreifen, wenn sie uns durch eine steigende oder fallende Kurve vermittelt werden. Und wie verstehen wir die Kulturtechniken, mit denen wir die Realität abzubilden versuchen?

Das Stück auf der Stoffbahn

Baudelaire greift die Gleichzeitigkeit auf, die unsere Zeit prägt: Digitalisierung, Pandemie, Klimakrise und kapitalistische Logik entfalten sich simultan und global. Diese Gleichzeitigkeit wird auch im Theaterstück «The Man with the Flower in His Mouth» von Luigi Pirandello thematisiert, das 1922 nach der Spanischen Grippe verfasst und in der Kunst Halle nun auf grossformatige Stoffbahnen gedruckt wurde. Das Stück spielt spätabends in einer Bar, während ein erkrankter Mann einem unbekannten Geschäftsmann von seinem bevorstehenden Tod erzählt. Ohne gross Widerstand zu zeigen, hört dieser zu, da er gerade seinen Zug verpasst hat. Existenzielles und Triviales treffen aufeinander, Lebensrealitäten konvergieren, ganz unterschiedliche Wahrnehmungen von Zeit werden spürbar, die für die einen zu schnell und für die anderen nicht schnell genug vergeht.

Éric Baudelaire: «Death Passed My Way and Stuck This Flower in My Mouth». Bis am 28. November 2021 in der Kunst Halle Sankt Gallen. www.kunsthallesanktgallen.ch

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