Nr. 43/2012 vom 25.10.2012

Wie entscheiden Sie, ob eine Anlage nachhaltig ist?

Antoinette Hunziker-Ebneters Vermögensverwaltungsfirma setzt auf Nachhaltigkeit. Zugleich sitzt die Ex-Chefin der Börse im Verwaltungsrat der AKW-Betreiberin BKW. Im Gespräch mit der WOZ erklärt sie, was sie unter «Sinn mit Gewinn» versteht.

Von Carlos Hanimann (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Antoinette Hunziker-Ebneter: «Das AKW Mühleberg wird man abschalten müssen, das ist klar. Allerdings brauchen Sie eine saubere Transformationsphase.»

WOZ: Frau Hunziker-Ebneter, Sie haben vor sechs Jahren die Forma Futura Invest AG gegründet, eine Vermögensverwaltungsfirma, die auf Nachhaltigkeit setzt. Was heisst das?
Antoinette Hunziker-Ebneter: Nachhaltigkeit messen wir an ihrem Beitrag zur Lebensqualität. Geld ist eine Ressource wie Wasser oder Wissen. Es muss etwas Positives bewirken, es soll in Firmen fliessen, die Produkte schaffen oder Dienstleistungen anbieten, die die Lebensqualität steigern. Wir stützen uns auf vorhandene Definitionen des Begriffs: Es geht um Gesundheit, die Deckung materieller Grundbedürfnisse, Sicherheit, soziale Beziehungen, Wahl- und Handlungsfreiheit, Bildung.

Wann ist eine Anlage nachhaltig?
Wir messen das, indem wir Kriterien entwickeln, mit denen wir das Management, den Innovationsgrad der Produkte und Dienstleistungen sowie den Umgang mit knappen Ressourcen einer Firma prüfen können: Wie fördert es die Mitarbeitenden, wie ist die Entlöhnung, ist sie respektvoll, verhältnismässig? Wenn es ein Bonussystem gibt, ist es langfristig orientiert? Wie sind die Wirkungen der Produkte und Dienstleistungen? Wie geht man mit den Ressourcen um? Besser als die Konkurrenz? Wie fördert man die Lebensqualität von unterversorgten Märkten, von Schwellenmärkten? Wie setzt man die Menschenrechte um? Zu dieser Nachhaltigkeitsanalyse kommt eine ebenso wichtige konventionelle Finanzanalyse hinzu …

… die die Anlagen auf ihre Rentabilität überprüft.
Ja, aber es geht nicht nur um die Rendite. Man muss sich auch der Kraft des Geldes bewusst sein: Es nützt nichts, wenn Sie viel spenden und tolle Projekte unterstützen, aber gleichzeitig Ihr Geld in Firmen anlegen, die überhaupt erst einen Missstand verursachen, den Sie dann wieder mit einer Spende zu bekämpfen versuchen. – Wir bestimmen, was wir konsumieren, wie wir abstimmen – aber auch wie wir unser Geld investieren. Diese Kombination bedeutet für mich Sinn mit Gewinn. Mir ist klar, dass viele Leute nicht das Geld für private Anlagen haben. Aber über die Pensionskassen sind sie ja doch involviert. Es geht also auch darum, dass Pensionskassen, die in der Schweiz über 700 Milliarden Franken verfügen, Firmen dazu bewegen können, in eine Richtung zu gehen, die letztlich auch geringere gesellschaftliche Kosten verursacht.

Das Wort «Nachhaltigkeit» löst bei mir Skepsis aus. Es ist ein furchtbares Modewort geworden. Unter den 200 Unternehmen, die Sie zur Anlage empfehlen, findet sich auch der Chemiekonzern Roche. Ist Roche nachhaltig?
Verglichen mit Novartis schon. Auch was Roche in Bezug auf die Frauenförderung und Diversität macht. Seit 2000 hat Roche jedes Jahr mehr Frauen als Männer rekrutiert. Aber ich verstehe Ihre Frage: Chemie, Pharma, klinische Studien in China, unklare Herkunft der Organe – da ist das Thema «Nachhaltigkeit» schwierig. Und doch: Bei schweren Krankheiten braucht der Mensch diese Arzneien.

Ist Atomenergie nachhaltig?
Wir investieren nicht in Nuklearenergie, weil diese Industrie Abfälle produziert, die die nächsten Generationen belasten. Wir investieren in Energieformen, bei denen das Prinzip der Rezyklierbarkeit gegeben ist. Nuklearenergie braucht es derzeit noch, um die Transformation zu den neuen Energieträgern zu schaffen. Wir können nicht heute Nacht alle AKWs abschalten. Aber wir sollten keine neuen mehr bauen und dafür alternative Energieformen so fördern, dass wir in Zukunft mit erneuerbaren Energieträgern leben können. Selbstverständlich müssen wir auch die Energieeffizienz steigern.

In letzter Zeit wurde die Forderung lauter, Atomkraftwerke abzuschalten – ganz besonders das in Mühleberg. Was halten Sie davon?
Das AKW Mühleberg wird man abschalten müssen, das ist klar. Allerdings brauchen Sie eine saubere Transformationsphase. Und vor allem muss diese bezahlbar sein. Man muss also vernünftig planen, bis man es dann abschalten kann. Und in dieser Zeit müssen wir die neuen Energieformen aufbauen, die es braucht, um die fehlende Energie aufzufangen. Das wurde vorher verpasst. – Wir sind in der Schweiz derart abhängig vom Atomstrom. Auch wenn wir die AKW abschalten würden, wären die Herausforderungen wie die Lagerung der Brennstäbe nicht gelöst. Wir brauchen eine sorgfältig geplante, professionelle Transformation. Auch aus ökonomischer Sicht. Denn sonst investieren die Energieversorger zu wenig in die neuen erneuerbaren Energieformen und in die neuen Netze. Das alles kostet Hunderte von Millionen Franken. Und die müssen wir über die alten Energieformen finanzieren.

Ich frage, weil Sie Vizeverwaltungsratspräsidentin des Energieunternehmens BKW sind, das das AKW Mühleberg betreibt. Gleichzeitig sagen Sie aber, Nuklearenergie sei nicht nachhaltig. Sehen Sie da keinen Widerspruch?
Nein, überhaupt nicht. Denn meine Aufgabe ist ja gerade die, dass ich mich bei der BKW für die Transformation in erneuerbare Energien einsetze. Genau so, wie ich mich im Verwaltungsrat der BKW auch dafür eingesetzt habe, die fossilen Energieträger abzuschalten. Dieser Übergang muss professionell begleitet werden. Es ist viel zu einfach zu sagen: Jetzt schalten wird das alles heute ab.

Antoinette Hunziker-Ebneter (51) gründete
2006 mit PartnerInnen die Forma Futura
Invest AG, eine Vermögensverwaltungsfirma,
die auf nachhaltige Anlagen setzt.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch