Nr. 40/2012 vom 04.10.2012

Sollen Firmen ohne Frauenquote von der Börse ausgeschlossen werden?

Als Chefin hat sie miterlebt, wie Männer weibliche Angestellte partout nicht befördern. Das sei genauso unakzeptabel wie der niedrige Frauenanteil in Verwaltungsräten, findet Antoinette Hunziker-Ebneter.

Von Carlos Hanimann (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Antoinette Hunziker-Ebneter: «Wir sind rund fünfzig Prozent Frauen auf dieser Welt, und in der Schweiz haben wir noch nicht einmal zehn Prozent an Verwaltungsratssitzen erreicht.»

WOZ: Frau Hunziker-Ebneter, können Sie mir fünf bekannte Frauen nennen, die in der Schweizer Wirtschaft eine Führungsposition innehaben?
Antoinette Hunziker-Ebneter: Aus der Wirtschaft? Da ist Monika Ribar, Chefin von Panalpina. Susanne Ruoff, die Chefin der Post …

… Sie zögern …
… und unsere drei Bundesrätinnen. Dann sind es fünf.

Fünf Männer hätten Sie wohl ohne Zögern aufzählen können.
Das ist so, weil in der Schweizer Wirtschaft in leitenden Positionen nur 19 Prozent Frauen sind. In der EU sind es 29 Prozent. Wenn wir die Verwaltungsratssitze anschauen, ist es noch schlimmer: Norwegen hat vierzig Prozent – und in der lieben Schweiz liegen wir unter zehn Prozent. Nicht einmal jeder zehnte Verwaltungsratssitz wird von einer Frau besetzt.

Ich arbeite jetzt seit über 25 Jahren im Finanzwesen, und die Situation ist nicht besser geworden. Im Gegenteil: Seit 2005 ist der Frauenanteil in der Schweiz von 21 auf 19 Prozent gefallen. Das ist ein trauriges Resultat. Deswegen glaube ich, dass wir eine Quote einführen müssen.

In der Verwaltung der Stadt Bern wird es künftig eine Frauenquote von 35 Prozent geben …
Das freut mich. Ich bin zwar grundsätzlich ein sehr liberaler Mensch und war die ersten Jahre meines Geschäftslebens nicht für eine Quote. Aber ich habe in den letzten 25 Jahren festgestellt, dass sich die Situation nicht ändert. Deshalb braucht es vorübergehend eine Quote für Verwaltungsrätinnen, die innerhalb dreier Jahre erreicht werden müsste, sodass dann mindestens dreissig Prozent Frauen in Verwaltungsräten sässen. Diese Regelung könnte nach fünf Jahren wieder aufgehoben werden.

Warum soll die Quote nur fünf Jahre gelten?
Weil bis dann genügend Frauen in den Verwaltungsräten sind, die dafür sorgen können, dass auch andere Frauen nachkommen. Diese Entwicklung muss «top-down» passieren. Norwegen ist sogar so weit gegangen, dass eine Firma, die den vorgegebenen Zeitrahmen nicht einhält, von der Börse dekotiert wird.

Wer die Frauenquote nicht rechtzeitig einführt, den würden Sie von der Börse ausschliessen?
Ja, wenn das Ziel nicht erreicht wird. Wir sind rund fünfzig Prozent Frauen auf dieser Welt, Norwegen schafft eine Frauenquote in Verwaltungsräten von vierzig Prozent, und in der Schweiz haben wir nach all den Jahren noch nicht einmal zehn Prozent erreicht.

Warum hält sich dieses Ungleichgewicht?
Als ich in London arbeitete und zusammen mit meinen Mitarbeitenden die paneuropäische Börse Virt-x aufbaute, hatten wir fünfzig Prozent Frauen angestellt. In der Schweiz blieben damals die meisten Kolleginnen zu Hause, wenn sie Mütter wurden – in London nicht. Ich fragte meine Londoner Kolleginnen nach den Gründen. Und sie sagten mir: «Wir können uns das schon ökonomisch gar nicht leisten, zu Hause zu bleiben. Das Risiko, dass der Partner den Job verliert, ist zu gross.»

In der Schweiz können es sich die Familien leisten – zumindest im Moment noch. Ich finde es gut, dass sich die Mütter um die Erziehung der Kinder kümmern, es ist gesellschaftlich eine der wichtigsten Aufgaben. Allerdings wird die Hälfte aller Ehen geschieden. Schon deshalb rate ich allen Frauen weiterzuarbeiten – und sei es Teilzeit. Die ökonomische Voraussetzung für den Ausstieg aus dem Berufsleben wird künftig vermehrt verschwinden. Ein anderer Grund für die heutige Lage ist aber, dass Männer schlicht keine Frauen auf Beförderungslisten schreiben. Ich habe das oft beobachtet.

Wie haben Sie darauf reagiert?
Ich habe die Beförderungslisten zurückgewiesen und dem Verfasser gesagt: «Jetzt gehst du nochmal über die Bücher. Die Frauen kamen doch bei den Mitarbeitergesprächen gut weg, warum beförderst du sie nicht?»

Wie waren die Antworten?
Es hiess oft: «Die will ja gar nicht.» Das hat viel damit zu tun, durch welche Brille man schaut. Zum Teil haben die Frauen den Wunsch nach Beförderung nicht so stark geäussert oder den Mut nicht gehabt. Ich musste bei meiner Firma mehrmals eine Mitarbeiterin ermutigen, die Abteilungsleitung zu übernehmen. Sie dachte, sie könne das nicht. Aber klar kann sie das. Es braucht also ein Coaching dieser Leute, die in ihrer Erziehung nicht das nötige Selbstbewusstsein erhalten haben. Deshalb glaube ich, dass Frauenförderung viel mit bewusster Führung zu tun hat. Wenn es alle Verwaltungsratspräsidenten wirklich wollten, dann hätten wir genügend Frauen in Führungspositionen. Denn dann wäre das von oben vorgegeben.

Es gibt sogar Firmen, die den Bonus an die Diversität knüpfen. Das heisst: Ein Abteilungsleiter muss einen gewissen Prozentsatz an Diversität erreichen, um überhaupt einen Bonus zu erhalten. Wir müssen das also über Führung, Kennziffern, Vorgaben durchsetzen. Die Erträge der Firmen sind übrigens besser, wenn die Diversität hoch ist. Durchmischte Teams haben eine grössere Innovationsfähigkeit. Es gibt genügend Studien, die das belegen – und die sind nicht von Frauen bezahlt worden.

Antoinette Hunziker-Ebneter (51) war Bankerin, später Chefin der Schweizer Börse SWX und baute in London die paneuropäische Börse Virt-x auf. Vor sechs Jahren gründete sie zusammen mit PartnerInnen die Forma Futura Invest AG, 
ihre eigene Vermögensverwaltungsfirma, die auf nachhaltige Anlagen setzt.

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